“Sommerfest” von Sönke Wortmann


Lucas Gregorowicz holt dabei das Beste aus seiner Rolle heraus. Wenn er trockenen Wortes durch die Szenen und Dialoge treibt, spürt der Betrachter seine Verlorenheit und Zweifel immer wieder deutlich. Gefangen zwischen Freude über das Wiedersehen mit alten Bekannten und seine Fremdscham für ebenjene Personen und ihre Umgangsformen ist glaubwürdig und nachvollziehbar.
Diese alten Bekannten und Freunde Stefans sind der Motor von “Sommerfest“. Wortmann präsentiert uns auf den Streifzügen durch Stefans alte Heimat eine Parade von schrägen Charakteren, die sorgsam den Klischees des Ruhrpotts entsprechend gestaltet wurden. Aushilfsgangster, Geschäftsmänner, Fußballfans und Kleingärtner geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, während Stefan immer wieder in den Hintergrund rückt. Sie treiben Stefan in Situationen, auf die er selbst so gut wie keinen Einfluss hat. Er bleibt zumeist passiv, schlicht überfordert von seinen Gefühlen und den Umständen, die ihn zurück nach Bochum geholt haben.
Am positivsten aus dem Fundus eben jener Charaktere sticht die von Elfriede Fey gespielte “Omma” hervor, die liebenswürdige Kioskbetreiberin, welche Stefan schon seit Jugendtagen kennt. Mit ihr kommt ein echtes Stück Bochumer Lokalkolorit in Wortmanns Film, denn die 76-jährige Fey, im echten Leben Wirtin, gibt in “Sommerfest” ihr Schauspieldebüt. Ihr ungeschliffenes Schauspiel macht den Unterschied zwischen einem echten Original und einem gespielten deutlich. Herrlich schnodderig, aber zutiefst herzlich, lässt sie jede Szene zu einem großen Vergnügen werden und wenn sie fast schon gelangweilt von einem erfolglosen Überfall auf ihren Kiosk erzählt, möchte man ihr am liebsten für den Rest des Films lauschen. Ihr verdankt “Sommerfest” seine Sternstunden. Andere Charaktere lassen diese Originalität vermissen und wirken arg stereotyp, doch Wortmann ist immer wieder mit einer Portion Charme zugegen, um Dialogen und Situationen die nötige Prise skurrilen Humor zu verleihen.

Die Komödie “Sommerfest” greift viele Themen auf und widmet sich aber auch ernsten Fragen. Was bedeutet Heimat und was macht sie mit einem? Doch eine gekonnte Schlusspointe will Wortmann nicht gelingen. Zu sehr bleibt er in Klischees und Charakteren verhaftet, die ihm wohl am Herzen liegen, aber nicht die nötige Tiefe mitbringen, um seinem Thema gerecht zu werden. Trotz allem ist ein unterhaltsamer und leichter Film dabei herausgekommen, der vor allem Zuschauern und Zuschauerinnen mit Wurzeln im Ruhrpott eine schmackhafte Portion Nostalgie mit auf den Weg geben dürfte. Wenn Sänger Stoppok das Publikum nach knapp 90 Minuten aus dem Kino entlässt, fehlen die großen Antworten, aber es bleibt das Gefühl, dem Pott und seinen teils schrägen Bewohnern ein Stück näher gekommen zu sein.

Paul Lufter

Sommerfest“, Regie: Sönke Wortmann, Darsteller/-innen: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicholas Bodeux, Peter Jordan, Elfriede Fey, Kinostart: 29. Juni 2017

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16. August 2017 | In Allgemein | 2 Kommentare »

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2 Kommentare zu ““Sommerfest” von Sönke Wortmann”

  1. Sylvia Trezdziak sagt:

    Der bewegte Mann!!!!

  2. Johannes sagt:

    Deutschland. Ein Sommermärchen

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