Filmfestival Cottbus 2012

Unmittelbares Kino


"Final Cut – Ladies and Gentleman": Eine Zeitreise durch 450 Meisterwerke der Filmgeschichte.

"Final Cut – Ladies and Gentleman": Eine Zeitreise durch 450 Meisterwerke der Filmgeschichte.

Zugegeben, die gläserne Lubina, Preisskulptur des Filmfestivals Cottbus, ist nicht unbedingt die schönste aller Trophäen. Die deutsche Übersetzung des sorbischen Mädchennamens klingt da schon ansprechender: die Liebreizende. Aller Stilkritik zum Trotz hat das Festival des osteuropäischen Films seinen Status als Geheimtipp längst eingebüßt. Und das spricht für Cottbus. Seit über zwei Dekaden weht im November ein Wind der Cinéphilie durch die weitläufigen Straßen der Lausitzmetropole. Auch dieses Jahr, wenn das Festival vom 6. bis 11. November seine 22. Ausgabe präsentiert.

Drei Wettbewerbe und zehn Programmsektionen, über 130 Produktionen aus mehr als 30 Ländern, nationale und internationale Premieren, viele Gäste, ein schwerer Katalog – und nur eine knappe Woche Zeit. Das klassische Festivaldrama. Hat man diesen Schock jedoch überwunden und nicht kapituliert, dann steht einer geruhsamen Lektüre des Programms nichts mehr im Wege. Und dieses liest sich vielversprechend. Der Eröffnungsfilm „Final Cut – Ladies and Gentleman“ (Gyorgy Palfi, Ungarn 2012) überzeugte bereits Cannes und protzt mit einer fast empörenden Besetzungsliste: Brigitte Bardot, Alain Delon, Greta Garbo, Rita Hayworth, Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Brad Pitt und Audrey Hepburn. Unglaublich? Footage macht’s möglich. Über 450 Meisterwerke der Filmgeschichte in neunzig Minuten. Welch Auftakt! Romantisch! Großes Kino from way back.

Ein Film, den man die kommenden Tage in Erinnerung behalten sollte, neigt osteuropäisches Kino traditionsgemäß dazu, etwaige Gefühlszustände durchaus ins Negative zu verkehren. So zeichnet Juris Poškus Wettbewerbsbeitrag „Kolka Cool“ (Lettland 2011) ein lakonisches Portrait einer Jugend in der lettischen Provinz. Sergei Loznitsa sucht in „Im Nebel“ (Deutschland, Lettland, Niederlande, Weißrussland, Russland 2012) Antworten auf ethische Fragen rund um Krieg und (Un-) Menschlichkeit. Ebenso sind die Wunden der Sezessionskriege bei vielen Filmemachern aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien noch lange nicht verheilt: „Djeca – Kinder von Sarajevo“ (Aida Begić, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Türkei 2012) oder „Halimas Weg“ (Arsen Anton Ostojić, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien 2012). Themen wie Verlust, Traumata und das Leben innerhalb neuer Ordnungssysteme konstatieren eine Stärke des osteuropäischen Films ganz besonders: Er ist unmittelbar, wenig genügsam und nicht immer problemlos. Große Vorfreude gilt den beiden Beiträgen (ebenfalls im Wettbewerb um den besten Spielfilm) „Du bist Gott“ (Leszek Dawid, Polen 2012) und „Ein Monat in Thailand“ (Paul Negoescus, Rumänien 2012). Zählte Dawids Konterfei einer mit Job, Liebe und Kind strauchelnden Mutter „Mein Name ist Ki“ (Polen 2011) bereits im letzten Jahr zu den Preisträgern, erfreut sich Negoescus Erstlingswerk seit geraumer Zeit einiger Aufmerksamkeit als Exempel der neuen rumänischen Welle.

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