"Ein Moment des Auswertens"


Daniel Abmas Dokumentation „Nach Wriezen“ (hier die  ausführliche Kritik) erzählt von drei jungen Menschen, die gerade aus der Justizvollzugsanstalt Wriezen entlassen worden sind und die in eine Gesellschaft zurückgeschickt werden, die im Gegenzug für die wiedergegebene Freiheit die Eingliederung und die Anpassung fordert. Der Regisseur hat seine Protagonisten dafür drei Jahre lang im Alltag begleitet. Wir sprachen mit ihm über die schwierige Arbeit an diesem Film, wie er seine drei Hauptdarsteller gefunden hat und wie sich in seiner Arbeit Profession und private Perspektive überschneiden.

Du bist ausgebildeter Sozialpädagoge und hast im Gefängnis mit Jugendlichen gearbeitet. Was genau hast Du dort gemacht?
Ich habe mit ihnen Videoprojekte realisiert, deren Themen sie selbst bestimmt haben. Ich habe zwei Jahre in Wriezen gearbeitet. Das war auch mein Zugang zum Film.

Welche Eindrücke haben Dich zu Deinem Film bewegt?
Mich hat es schockiert, dass viele der Insassen, mit denen ich gearbeitet habe und die entlassen worden sind, recht schnell wieder zurück waren. Ich habe mich also gefragt, wie das sein kann. Die Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe, waren immer sehr motiviert, gerade bei den Projekten, haben zahlreiche Kompetenzen und meist auch eine Ausbildung.

Warum schaffen schaffen viele keinen Neuanfang?
Genau diese Fragestellung war mein Ausgangspunkt.

Zwischen ihrer Entlassung und ihrer Wiederkehr findet also etwas statt, das Du in Deiner Arbeit nicht gesehen hast…
Genau. Etwas läuft schief. Mich hat es selbst überrascht, wie Jugendämter und überhaupt die Bürokratie in Deutschland zu Stolpersteinen werden können. Aber ich wollte mit „Nach Wriezen“ nicht zeigen, wo etwas geändert werden muss in der Resozialisierung. Ich wollte aufzeichnen, wie dieser Prozess verläuft. Ich wusste im Vorfeld demnach nicht, was mich erwartet.

Wie lange habt Ihr gefilmt?
Drei Jahre. Es ist also eine Langzeitbeobachtung, die sowohl Höhen als auch Tiefen im Leben von Menschen aufzeigt.

Ein Gefängnis ist immer auch ein Unort, der etwas Unwirkliches besitzt und unter dem man sich, so denn man noch nicht im Gefängnis war, wenig Klares vorstellen kann. Welche Stereotypen gab es bei Dir? Haben sich Vorstellungen bewahrheitet?
Ganz am Anfang gab es die natürlich. Ich wurde auch gewarnt, die Arbeit würde sehr schwer werden.´Die Jungs sind schwierig, rau und machohaft´, hieß es. Aber das war alles kein Problem. Überrascht hat mich, wie schnell ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnte. Fast alle waren sehr zugänglich. Und sie freuten sich über die Abwechslung. Der Alltag im Knast ist eintönig. Dementsprechend schnell reagieren sie auf Angebote. Was mir aber an mir persönlich aufgefallen ist, ich habe mich auf eine seltsame Art und Weise schuldig gefühlt. Gerade am Anfang. Für mich standen schließlich alle Türen offen. Ich konnte raus. Sie mussten bleiben. Das war immer unangenehm.

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23. April 2013 | In Sehsüchte

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