XPOSED Queer Film Festival Berlin Kurzfilmprogramm im Virtuellen IBB-Videoraum der Berlinischen Galerie


Auch Damian Sainz’ BATERÍA (Kuba, 2016) verblasst nicht so schnell vor dem inneren Auge. Der Film erzählt von einem alten Fort im Hafen Havannas, das heute als Cruising Area dient. Besonders eindrücklich ist das Zusammenspiel von Bild und Ton. Der Fokus ist mal verschwommen, mal scharf, was die Klanglandschaft der Festungsanlage mal mehr mal weniger in den Vordergrund treten lässt. Die Kamera tastet sich in gleitenden Bewegungen vorwärts, erkundet das Gebäude und sein Zusammenspiel mit der Natur. Darüber legen sich Interviewausschnitte, in denen Männer von ihrer Verbindung zu diesem Ort und von ihrem Leben als schwule Männer in Havana berichten. Sie erzählen von schönen und schlechten Erfahrungen, von latenter Bedrohung und der Sehnsucht, unter sich sein zu können. Trotz seiner Unvollkommenheit ist dies auch ein Rückzugsort, der ein Stück schwule Geschichte erzählt.

Vor dem Hintergrund der queeren Punk-Szene im Berlin der 1980er und 1990er Jahre entfaltet sich Pol Merchans PIRATE BOYS (Deutschland, 2018). Der intersexuelle Fotograf Del LaGrace Volcano erzählt im Interview von der Freundschaft mit der Punk-Autorin Kathy Acker und der Suche nach einem Leben jenseits geschlechtsspezifischer Normen, das beide verband. Passagen aus Ackers Roman „Pussy, King of the Pirates“ bilden den Soundtrack zu Filmaufnahmen, die mal dokumentarisch, mal inszeniert wirken. Im Mittelpunkt steht der Körper als Ort der Befreiung, der Transformation und des Widerstands.

Still aus PIRATE BOYS von Pol Merchan © Pol Merchan

Still aus PIRATE BOYS von Pol Merchan © Pol Merchan

Einen ganz anderen Ansatz hat Abdullah Qureshi in JOURNEY TO THE CHARBAGH (Finnland/Pakistan, 2019) gewählt. Auch hier geht es um Transformation, jedoch spielt sich diese im Innern ab. Der Film ist voller Symbolik und Verweise, bezieht sich unter anderem auf Gemälde des Künstlers Anwar Saeed und auf Traditionen der Sufis, die sich nicht unbedingt automatisch erschließen. Doch auch ohne die Symbolik zu entschlüsseln, ist dieser Film ein Erlebnis. Wenn man sich darauf einlässt, geht von der Mischung aus fließender und statischer Kameraarbeit, von den mal leuchtenden, mal gedeckten Farben, ein Sog aus, dem man sich schwer entziehen kann und der tatsächlich so etwas wie eine Reise ins Innere ermöglicht.

Eher intellektuell als spirituell ist das audiovisuelle Essay GALATÉE À L’INFINI von Julia Maura, Mariangela Pluchino, Ambra Reijnen, Maria Chatzi und Fátima Flores Rojas (Spanien, 2017). Die Filmemacherinnen erzählen den Pygmalion-Mythos nach und eignen sich die Geschichte dabei an. Es entsteht einen Erzählung von der Unterdrückung des weiblichen Körpers, von der Konstruktion der Frau als Gebärmaschine. Form ist dabei mindestens genauso bedeutsam wie Inhalt, denn die assoziative Bildmontage drückt Gedanken, Zusammenhänge und Machtverhältnisse unmittelbar aus. Innerhalb von Sekunden wird so zum Beispiel eine Parallele gezogen zwischen patriarchalen und kapitalistischen Strukturen sowie zwischen Massenproduktion und der Reduktion des weiblichen Körpers auf Fortpflanzung. Besonders aufschlussreich ist die kritische Beschäftigung mit den Wurzeln der Gynäkologie. Die Filmemacherinnen sehen hier ein Instrument zur Unterdrückung und Vereinnahmung weiblicher Sexualität. Die Einbettung in den Pygmalion-Mythos verdeutlicht, dass so ein künstliches Bild von der Frau als Gegenstand des Wissens, als Gebärende und als Sexobjekt geschaffen wird, das einer männlichen Fantasie, einem männlichen Machtanspruch, entspringt.

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