Festivalbericht vom Göteborg Film Festival (29.1.- 8.2.2021)


Familienbilder in MOLECULES (Andrea Segre, 2020 IT) und RADIOGRAPH OF A FAMILY (Firouzeh Khosrovani, 2020 NO/IR/CH)

MOLECULES © Göteburg Film Festival 2021

In MOLECULES trifft die Annäherung Andrea Segres an seinen Vater auf den Ausbruch der Corona-Pandemie und damit auf ein Venedig, das von Tag zu Tag menschenleerer, gespenstischer und friedlicher wird. Die Dokumentation erzählt zwei Geschichten, eine ist ganz persönlich, die andere global. Denn das leere Venedig macht erst deutlich, welche Folgen der aus den Fugen geratene Tourismus für die Stadt und ihre Bewohner*innen hat. Da sind natürlich die Auswirkungen des Klimawandels – die immer extremer werdenden Hochwasser, der Meeresspiegel, der beinahe vom einen auf den anderen Tag sinkt, als die großen Kreuzfahrtschiffe plötzlich die Stadt verlassen. Da sind aber auch die Venezianer*innen, die ihre Mieten nicht mehr bezahlen können, die keine Jobs finden und angewiesen sind auf die Tourist*innen, von denen sie gleichzeitig aus der Stadt gedrängt werden. Dazu kommt Segres familiäre Spurensuche, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater und einer Beziehung, in der Zuneigung nie wirklich ausgedrückt wurde, der es an etwas gefehlt hat. Segre macht sich auf die Suche nach diesem fehlenden Stück und dieser Prozess ist in seiner Trauer, der Lücke, dem Fehlen, das so sichtbar wird, ergreifend. In MOLECULES verbindet sich das Kleine mit dem Großen zu einem zeitgemäßen Film über Elternschaft und den Beginn einer Pandemie, deren Ende noch immer nicht in Sicht ist.

RADIOGRAPH OF A FAMILY © Göteburg Film Festival 2021

Auch Firouzeh Khosrovani erzählt in RADIOGRAPH OF A FAMILY die Geschichte ihrer Eltern, die vor dem Hintergrund der iranischen Revolution stattfindet. Ein Umbruch, der das Land bis heute bestimmt. Khosrovanis Film ist auch eine Erzählung von umgedrehten Spießen. Denn die Dokumentation beginnt fast klassisch: Mit einer Hochzeit und einer jungen Frau, Tayi, die ihrem Ehemann vom Iran in die Schweiz der 1970er Jahre folgt. Dort lebt Hossein ein säkulares, westliches Leben. Dieses Leben verunsichert Tayi, die fromm und traditionell ist. Sie fühlt sich fremd, allein, am falschen Ort. Nach ein paar Jahren kehrt das junge Paar, das inzwischen herausgefunden hat, wie unterschiedlich, ja inkompatibel sie sind, nach Teheran zurück und es findet eine Art Emanzipation statt. Tayi emanzipiert sich, macht sich innerlich unabhängig von ihrem Mann. Dieser Prozess findet seinen Ausdruck in den Ideen von Ali Shariati, einem Wegbereiter der iranischen Revolution. Tayi wendet sich einer politisch-religiösen Bewegung zu, die Frauenrechte am Ende beschneidet und die Verschleierung in der Öffentlichkeit einführt. Ihre Version des Irans setzt sich durch. Die liberale, von westlicher Kunst und Musik geprägte Lebensweise von Khosrovanis Vater Hossein verschwindet. Er zieht sich in sich selbst zurück, kann seiner Musik nur noch über Kopfhörer lauschen, allein und isoliert. Khosrovanis Mutter dagegen hat Erfüllung und Kameradschaft mit den Frauen der Revolution gefunden, sieht einen Sinn in ihrem Leben. Dazwischen ist das Kind, die Regisseurin selbst, die diese Geschichte erzählt, welche eben nicht nur die Geschichte ihrer Eltern ist, sondern auch die ihres Landes. Diese Erzählung ist berührend, melancholisch und ohne Happy End. Sie stellt mehr Fragen, als sie Antworten liefert, aber genau das ist es ja auch, was eine gute Dokumentation ausmacht.

Theresa Rodewald

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24. März 2021 | In Allgemein

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