„Ich denke, dass ein Dokumentarfilm schwere Arbeit sein muss für uns als Filmemacher.“ – Chris Wright, Regisseur von ANMASSUNG


Im Forum der Berlinale 2021 präsentierten die beiden Regisseure Stefan Kolbe und Chris Wright ihren neuen Dokumentarfilm ANMASSUNG. Darin sind sie genauso Protagonisten wie Stefan S., ein „Frauenmörder“, den sie über eine Zeitspanne von über vier Jahren begleitet haben. Es geht den Regisseuren nämlich nicht primär, um das Porträt dieser im Laufe des Films sowohl faszinierenden als auch abstoßender Figur. Vielmehr interessieren sie sich für ihre eigene Wahrnehmung, und schließlich um die des Zuschauers, dieser Person. Denn, wie es Stefan Kolbe selber sagt, wir wüssten zwar, dass wir bei einer oder auch vielen Begegnungen mit einem Menschen nur Fragmente seines Wesens zu sehen und spüren bekämen, trotzdem sei der Eindruck, den man sich von ihm mache, ein ganzer.

Mit ihrem Film laden die Filmemacher nun den Zuschauer ein, sich auf das Gesehene einzulassen. Es bleiben am Schluss mehr Fragen offen, als beantwortet worden sind. Doch genau in diesen Geisteszustand, des Hinterfragens, des Abwägens und des Fühlens wollen einen die Regisseure versetzen. Wir haben Sie gebeten, uns im Gespräch mehr über die Arbeit an diesem Film und den Umgang mit ihrem Protagonisten zu erzählen.

Chris Wright © Harry Schnitger

Chris Wright © Harry Schnitger

Wie hat das Projekt begonnen?
Chris Wright: Wir schleppen immer Fragen von einem Film zu nächsten mit uns. Beim letzten ging es um die dokumentarische Arbeit an sich. Bisher waren wir sehr nahe bei den Protagonisten und wollten über die Begegnungen mit ihnen erzählen. Doch wir hatten das Gefühl, die Leute verstehen nicht immer, was ein Dokumentarfilm genau ist. Uns wurde vorgeworfen, dass wir nicht objektiv seien, beispielsweise. Doch so haben wir es nie gedacht. Genau dieser Gedanke sollte nun im Fokus stehen. Was macht es mit uns, dass wir uns so intensiv mit unseren Protagonisten auseinandersetzen? Können wir das Konzept der professionellen Distanz für uns aufrecht erhalten? Diese Frage sollte der Gegenstand des neuen Films werden. Dazu haben wir uns mit Therapeuten getroffen, die, so glauben wir, am gleichen Problem leiden.

Stefan Kolbe: Doch über diese Trennung zwischen Professionellem und Privatem wollten allen nicht so richtig reden, da dies zu ihrem eigenen Schutz notwendig ist. Also sind wir über einen Umweg zur einer Therapiegruppe in einem Gefängnis in Brandenburg gekommen. Dort waren Mörder und Sexualstraftäter, die im Idealfall nach der Therapie in ein Leben außerhalb des Gefängnis zurückkehren können.

Stefan Kolbe © Harry Schnitger

Stefan Kolbe © Stefan Kolbe

Wie seid ihr auf Stefan S. gekommen?
SK: Stefan S. war der einzige, der nach acht Sitzungen, an denen wir teilgenommen haben, sich in unserer Wahrnehmung, offen empathisch gezeigt hat und sich mit dem Thema Schuld auseinandersetzte.

CW: Er hat uns früh fasziniert, durch den Widerspruch zwischen unseren ersten Begegnungen mit ihm, in denen er sich als sehr schüchtern und sehr höflich gezeigt hat und selbst harmlose Witze machte und der Meinung der Wärter. Diese unscheinbare Person, die wir in ihm sahen, wollte nicht mit den Angaben des Wärters übereinstimmen, die ihn als schlichtweg „brutalen Frauenmörder“ bezeichneten.

Wie lange habt ihr ihn begleitet?
CW: Wir haben Stefan S. 2016 kennengelernt und 2020 im Frühjahr ist er aus dem Gefängnis entlassen worden.

Ihr deutet es im Film ein wenig an. Aber gab es ernsthafte Momente, in denen ihr mit dem Projekt aufhören wolltet?
CW:
Diese Momente gab es ständig. Doch ich denke, dass ein Dokumentarfilm schwere Arbeit sein muss für uns als Filmemacher. Es war eine Herausforderung, sich damit zu beschäftigen, weil es uns menschlich angewidert hat. Es war auch schwierig, damit umzugehen, dass Stefan S. im Film nicht gezeigt werden wollte.

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