Filmfestival-Tagebuch zur Berlinale 2026
Unser gemeinsames Tagebuch vom Berliner Fenster und berliner-filmfestivals.de könnt ihr hier jeden Tag in einer ausführlichen Version lesen und so die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin – ja, das ist der offizielle wie ausführliche Name des Festivals – miterleben.
Viel Vergnügen…

Tag 1: Warmlaufen
Hält die 76. Berlinale, was ihr Plakat verspricht? Der Bär, das Wahrzeichen des Filmfestivals, setzt sich da aus bunt leuchtenden Facetten zusammen und lässt seine dunkle Umgebung im Hintergrund erstrahlen. Genau das wünschen wir uns vom Programm, in dem sich mehr als 270 kurze, lange, dokumentarische, historische und vor allem brandneue Werke finden. Mit dem gemeinsamen Tagebuch vom Berliner Fenster und berliner-filmfestivals.de helfen wir bei der Perlen-Suche! Allein im Wettbewerb versuchen derer 22 die Jury und deren Präsident Wim Wenders von sich zu überzeugen, um einen der Hauptpreise, einen Bären in Silber oder gar Gold, einzuheimsen.
Michelle Yeoh ist da einen Schritt weiter: Die Schauspielerin (u.a. TIGER & DRAGON, EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE) erhält den Goldener Ehrenbär bei der Eröffnungsgala, ehe die große Leinwand im Berlinale-Palast der Weltpremiere von NO GOOD MEN der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat gebührt.
Tag 2: Eröffnung
Zum feierlichen Auftakt der Berlinale tummelt sich reichlich Prominenz aus Kino, Gesellschaft und Politik auf dem Roten Teppich. Zum zweiten Mal eröffnet Intendantin Tricia Tuttle „ihr“ Filmfest und beweist mit klugen Entscheidungen Gespür: So nimmt Michelle Yeoh, die in unterschiedlichen Outfits auf dem Teppich und der Bühne glänzt, den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk mit mehr als einer Träne der Rührung entgegen und beschwört mit dem Satz „Filme sind nie etwas Einsames“ die Kraft des Kinos in ihrer Dankesrede. Die große Leinwand gebührt – und damit positioniert sich die Berlinale weiter als wichtigstes politisches Festival – NO GOOD MEN von Shahrbanoo Sadat. Die Afghanin, die neben der Regie auch die Hauptrolle als getrennt lebende, alleinerziehende Kamerafrau im patriarchalem Land übernimmt, legt eine zarte Romanze vor, die in den dramatischen Monaten, in denen der Westen das Land im Stich lässt und die Taliban die Herrschaft wieder an sich reißen spielt. Das könnte bei Vertretern der Politik wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer oder Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU) ein gewisses Unwohlsein ausgelöst haben, den Umgang der Regierung mit ehemaligen afghanischen Ortskräften finden viele unerträglich bis skandalös.

Tag 3: Retro(spektiv)
Neuer Tag, nächste Eröffnung: Gestern die von „Lost in the 90s“, der Retrospektive der Berlinale. In hoffnungsvollem grün begrüßt die neue Leiterin Heleen Gerritsen am tollen neuen Standort, die ehemalige Maschinenhalle im E-Werk verwandelt sich in ein Kino, das Publikum mit reichlich Berliner Filmprominenz. Die Bühne gebührte nicht etwa Kirsten Niehuus (Präsidentin der Filmförderungsanstalt FFA), Linda Söffker (Berlinale, DEFA Stiftung) oder Gerritsens Vorgänger Rainer Rother, sondern Regisseur Kutluğ Ataman. Dessen gut gealtertes, queeres Berlin-Drama LOLA UND BILIDIKID eröffnete schon 1999 das Panorama und begeisterte auch 2026 seine Zuschauerinnen und Zuschauer.
Erstaunlich: Ataman lebte nur ein Jahr in Berlin, in seinen später 20ern, wie er sich erinnert, den Zeitgeist und die Subkultur damals fängt er verblüffend präzise mit mit starken Bildern und grandiosen Dialogen ein. Wie betrachtet der Berlin heute? „Die Dynamik der 90er ist weg. Wer weiß, was kommt.“
Tag 4: Mehr als ein Moment
Charli xcx, ist in THE MOMENT zu sehen und bei den Berlinale Talents in einem der prominent besetzten Talks „Creating (and) Confusion“ – es folgen u.a. Oscar-Preisträgerin/-Kandidatin Chloé Zhao und Choreografin Sasha Waltz – zu Gast. Im Zentrum der Mockumentary: Ihr Popstarleben… ja, Charli xcx ist wahrscheinlich der größte Star, den das Filmfest 2026 zu bieten hat. Wer Menschen unter 30 befragt, gar solche, die nicht als erwachsen gelten, kann das „wahrscheinlich“ getrost streichen. Für den Film über das Musikgeschäft hat sie (gemeinsam mit ihrem jungen Leben) das Drehbuch geschrieben. Mit ihrem Album „brat“ im Sommer 24 ein eigenes Zeitalter geschaffen, eine Welle, die es so lange als möglich zu reiten gilt. Denn: Musik ist Business. In THE MOMENT beendet sie diese Ära und sagt „Für mich ist es vorbei.“
Wirklich!?
Die Erweiterung ihres Schaffens auf die Drehbuchschreiberei und vor allem die Schauspielerei, sie fühlt sich nach mehr an, Charli xcx wächst weiter.
Tag 5 – Der Hundertjährige unter den Filmen
Eine Weltpremiere nach 100 Jahren, dieses Kunststück erlebte das HKW-Publikum im Rahmen der Berlinale Classics und ergründet (frisch in 4K restaurierte) GEHEIMNISSE EINER SEELE, wie diese Regisseur Georg Wilhelm Pabst offenbart. Psychoanalyse und Film waren 1926 noch jung, beide Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Pabst schuf Bilder, die Gemeingut wurden, legt seinen sich offenbarenden Patienten auf die Couch, neben der sein rauchender Therapeut sitzt, während es dessen Sein, Bewusstes und Unterbewusstes mit Sigmund Freuds psychoanalytischen Theorien ausdeutet. Die erzählende Stummfilmmusik komponierte der Südkoreaner Yongbom Lee eigens für die erneuerte Version des Klassikers, sie begleitet das Werk mit einem klassischen Quintett. Im Saal erlebte das Publikum eine Einzigartigkeit: Mit Hilfe von Elektroden wurden Hirnaktivitäten der Bratschistin in elektronischen Klang und in eine Lichtinstallation mit Leuchtröhren übersetzt, also ihr Unbewusstes so sichtbar. Freud hätte seine Freude gehabt.
Weiterlesen: Henning Kochs Kritik „Fake it till you make it„ zu ROSE von Markus Schleinzer…
Tag 6 – Bergfest
Die halbe Berlinale ist rum, da lohnt ein Blick auf den Wettbewerb des Festivals. Die dort exponierten Werke rufen nach starken Meinungen. Glauben wir den Profi-Kritiker*innen, darf sich ROSE vom Wiener Regisseur Markus Schleinzer größte Hoffnungen auf den goldenen Bären oder einen seiner silbernen Spielgefährten machen und damit auch Sandra Hüller. Sie spielt den Titelhelden Rose, einen Soldaten im Dreißigjährigen Krieg. Im Verfolgerfeld tauchen DAO, GELBE BRIEFE und KURTULUş auf, während der Horrorfilm NIGHTBORN eher abfällt. Ob die Jury um Wim Wenders die Einschätzungen teilt, erfahren wir am Samstag. Es bleibt spannend.

Tag 7 – Ewigkeiten
„Es ist eine Ehre, die Berlinale Kamera einem Filmemacher zu überreichen, der die Art und Weise, wie wir die Welt verstehen, nachhaltig verändert hat“, sagt Berlinale-Festivaldirektorin Tricia Tuttle über Haile Gerima. Im 2026er Programm stellt der äthiopische Regisseur seine neuneinhalb stündige (!!) Doku BLACK LIONS, ROMAN WOLVES vor, die die italienische Besetzung Äthiopiens (1935-1941) thematisiert. Mit seinen Werken ist er seit nun 50 Jahren Gast beim Filmfestival. Ewigkeiten im jeweiligen Maßstab. Gerima, der in den USA studierte, gilt als wichtiger Vertreter der L.A. Rebellion. Deren alternatives, unabhängiges Black American Cinema bereitete ab den 1970er-Jahren den Boden für z.B. BOYZ N THE HOOD, der seinerseits in der Retrospektive zu sehen ist.
Tag 8 – Film und Musik
Die Krönung vor der Krönung? Die Musik und die Klangwelten, die er für Hollywood kreiert, dürfte nahezu jeder Kinobesucherin kennen: Komponist Max Richter ist eine Koryphäe und darf nun dank Intendantin Tricia Tuttle neben seine zahllosen Auszeichnungen die Berlinale Kamera stellen. Die Laudatio hält Regiestar Chloe Zhao, ihr HAMNET ist gleich achtfach für die kommendes Oscars nominiert, einer der Goldjungs könnte an Richter gehen. „Seine Kompositionen, lassen gleichzeitig Traurigkeit und Schönheit zu“, sagt Zhao und ergänzt einen winzigen Moment später: „Genau wie im Leben“. Film und (seine) Kunst gehören zusammen.
Tag 9 – Es fehlt Spitze in der Breite
Berlin liebt seine Berlinale! Vorbehaltlos und innig, das beweisen überall in der Stadt volle Kinos. Das Attribut Publikumsfestival ist hochverdient. Für die Professionals sind allerdings nicht nur die vielen Wege eher aufreibend…
Besucher*innen lassen sich ein und begeistern, beklatschen asiatischen Horror am Morgen und nehmen spät nachts unversöhnliche Dramen mit ins Bett. Nirgendwo zeigt sich das fast sprichwörtlich kritische Berliner Publikum so nachsichtig wie „seinem“ Filmfestival gegenüber. Es verzeiht Ärgerliches, worüber sich streiten lässt, in der Hoffnung auf Außergewöhnliches, dabei prägen leider allzu Durchschnittliches und – schlimmer noch – Bemühtes das Programm. Mehr denn je müssen Direktorin Tricia Tuttle und ihr Team mehr Spitze(nkino) auftun, mit der vielen mediokren Breite wächst der Abstand zu Cannes und Venedig nur immer weiter an. Dann schreibt auch niemand mehr über das Wetter.
Also Obacht: Liebe ist vergänglich!
Tag 10 – Teddy-Time
In Teddy misst die Berlinale die Kraft des queeren Kinos! Und das seit mittlerweile 40 Jahren! In diesem Jahrgang werden über 50 Filme (von 270) mit einem queeren Bezug gezählt. Weit früher als andere internationale Filmfestivals setzte Berlin diesen wichtigen Akzent und erhöhte eben nicht nur durch den Award, sondern auch durch die Programmierung der Werke die Sichtbarkeit der Themen. Passenderweise gewann Brydie O’Connors BARBARA FOREVER, der die queere Filmemacher*in Barbara Hammer porträtiert, den Preis als beste Doku, der Teddy für den besten Spielfilm ging nach Spanien und für IVAN & HADOUM an Ian de la Rosa, den Hauptpreis sicherte sich Kai Stänicke für DER HEIMATLOSE. Darin kehrt Hein als junger Mann in seine Heimat, eine abgelegene Nordseeinsel zurück – und muss dort der Dorf-Gemeinschaft beweisen er selbst zu sein.
Tag 11 – Bärenlese
Mit İlker Çatak und GELBE BRIEFE gewinnt ein Außenseiter den Goldenen Bären der 76. Berlinale. Der Berliner Regisseur, in dessen Werk ein Theaterpaar Ankara nach einem Skandal verlässt, kritisiert autoritäre Regierungen und plädiert für Meinungsfreiheit. Eine kluge Wahl der Jury um Wim Wenders, die seit Tagen selbst Randthema des bekannt politischen Filmfestivals war. Für ROSE, einen der großen Favoriten, blieb nur der Silberne Bär für die beste Hauptrolle, den sich die wieder mal fulminante Sandra Hüller sicherte, der die Ehre zum zweiten Mal zuteil wird. Die Konkurrenz im Wettbewerb in Tricia Tuttles zweiter Berlinale als Intendantin, sie war überschaubar, dem deutschen Kino, das an vielen Stellen smart im Programm repräsentiert und platziert war, helfen die Auszeichnungen beim Heimspiel sicher.