Oscarverleihung 2026 – eine Prognose, Teil #4


THE SECRET AGENT © Port au Prince Pictures
Vermutlich nur der Gewinner der (Kritiker)-Herzen als bester Internationaler Film: THE SECRET AGENT © Port au Prince Pictures

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen. Nachdem es in Teil #1 um die Kurzfilme, die Dokumentarfilme und die Animierten Spielfilme, in Teil #2 um die technischen Kategorien ging und wir uns in Teil #3 die vier Schauspielkategorien und Best Casting angeschaut haben, kommen wir nun zu den Oscars für die Drehbücher, Regie und den Internationalen Film.

I. Drehbuch

Zum dritten Mal nach 2022 und 2024 sind alle fünf nominierten Regisseure auch in den Drehbuch-Kategorien nominiert – drei für ein Original Drehbuch, zwei für adaptierte Drehbücher.

a) Original Drehbuch

Wird gewinnen: SINNERS von Ryan Coogler, weil man original hier auch als originell lesen könnte. Coogler hat viele Themen in sein Script gepackt. Er erzählt eine Gangsterstory über zwei Brüder, die nach Jahren in der Fremde heimkehren, um mit gestohlenem Geld und geraubtem Whisky und Bier einen Juke Joint zu eröffnen, eine Trink- und Tanzhalle für die afroamerikanische Community im Mississippi Delta. Es geht in diesem Film auch um den Rassismus der Jim Crow-Ära. Der Ku-Klux-Klan ist ebenso präsent wie andere historisch diskriminierte Gruppe, z.B. eine befreundete asiatische Familie und (Vampire jagende) Ureinwohner. Das eigentliche Thema des Films aber ist der Blues und seine spirituelle Bedeutung für die afroamerikanische Community und zugleich als Ursprung aller modernen Popmusik. In der schon öfter erwähnten „I Lied To You“-Sequenz wird diese Verbindung visuell und musikalisch beeindruckend unterstrichen. Mit den in der zweiten Hälfte des Films auftauchenden Vampiren wird auf die kulturelle Aneignung afroamerikanischer Rhythmen und ihre Ausbeutung durch eine weiße Mehrheitsgesellschaft angespielt. Der Ire Remmick, ein jahrhundertealter Vampir, war einst selbst Opfer eines christlichen Kolonialismus und hat es vor allem auf den jungen Musiker Sammie und dessen Gabe, eine Verbindung zu den Ahnen herzustellen, abgesehen.

Das Drehbuch ist ein klassischer Dreiakter. Im ersten, sehr langen Akt werden sorgfältig alle Figuren und ihre Beziehungen zueinander vorgestellt, im zweiten findet die Party statt, im dritten kommt es zur Vampir-Abwehrschlacht. Dem Ganzen schließt sich allerdings noch ein längerer Epilog, inkl. zwei Post Credit Scenes an.

Coogler hat mit SINNERS erneut ein tief in die afroamerikanische Mentalität einwirkendes popkulturelles Ereignis geschaffen. Schon seine Marvel-Verfilmung BLACK PANTHER (2018) war mehr als nur ein weiterer Superhelden-Film. Ihm war damals eine schwarze Empowerment-Erzählung gelungen, die afrofuturistische Designs und Farben ebenso feierte wie afrikanische Rhythmen und ihre amerikanische Adaption. SINNERS setzt genau dort an stellt afroamerikanische Identität und ihre aus Unterdrückung und Aufbegehren gespeiste soziokulturelle Verbindung ins Zentrum seiner Geschichte. Kein weißer Autor hätte diese Story so schreiben und inszenieren können. Dafür gab es CCA, WGA, den BAFTA und den Drehbuchpreis vom National Board of Review. Wie auch immer die Oscarverleihung in den anderen Kategorien ausgeht – Coogler wird zumindest diesen einen Oscar gewinnen.

Sollte gewinnen: EIN EINFACHER UNFALL von Jafar Panahi und den als Script Kollaboratoren aufgeführten Nader Saïvar, Shadmehr Rasten, Mehdi Mahmoudian. Allein schon weil die Existenz dieses Drehbuch und des Films ein Wunder ist. Nach monatelanger Haft war der Iraner Panahi Anfang 2024 aus dem Gefängnis entlassen worden und begann sofort mit den Vorbereitungen für diesen Film. Da mit einer Drehgenehmigung nicht zu rechnen war, ging Panahi das Projekt so an, wie seine vorherigen Filme. Mit einem kleinen Team im Guerilla-Style, immer unter dem Radar der Sicherheitskräfte, inszenierte er ein Meisterwerk, das im vergangenen Mai in Cannes die Goldene Palme gewann. Das Drehbuch seines Rache-Thrillers unterscheidet sich dabei sehr stark von vergleichbaren westlichen Werken. Trotz der nachvollziehbaren Wut auf die Unterdrücker des iranischen Volkes, auf die Folterer, deren Wirken Panahi ja womöglich am eigenen Leib erfahren hat, bewahrt er seine Figuren vor unmenschlichem Hass. Er würzt seine Geschichte mit galligem Humor und einem tief empfundenen Humanismus.

Eine Besprechung zu EIN EINFACHER UNFALL findet ihr hier.

Außerdem nominiert: BLUE MOON von Robert Kaplow, das die (fiktiven) Ereignisse eines Abends im Leben des berühmten Songwriters Lorenz Hart imaginiert, der für ihn besonders bitter gewesen sein muss. Sein alter Partner Richard Rodgers feiert seinen ersten großen Erfolg ohne ihn. Im Laufe des Abends tauchen viele später einmal berühmte Personen auf, denen der geistreiche Hart en Passant Ideen einpflanzt. Ganz so geistreich wie seine Hauptfigur ist dieses Drehbuch nicht. Manche Anspielungen wirken etwas zu aufgesetzt. Aber die Worte, Witze und Anekdoten, die Kaplow seinem unentwegt mit allen und jedem redenden Helden in den Mund legt sind überaus amüsant.

MARTY SUPREME von Ronald Bronstein und Josh Safdie, die ihren jungen Helden auf eine immer rasantere Abwärtsspirale schicken. Dabei ist Marty Mauser an fast allen sich über ihm auftürmenden Problemen selber schuld. Doch Marty hat ein Ziel, dem er alles andere unterordnet. Eine Geschichte über Ping Pong und den unbändigen Wunsch, einer kleinbürgerliche Existenz zu entkommen. „Dream Big!“ Bronstein und Safdie haben ein Drehbuch geschrieben, das in einem anderen Jahr durchaus die Chance auf diesen Oscar gehabt hätte.

Eine Besprechung zu MARTY SUPREME findet ihr hier.

SENTIMENTAL VALUE von Eskil Vogt und Joachim Trier über eine dysfunktionale Familie, in der ein lange abwesender Vater versucht, wieder Kontakt zu seinen Töchtern aufzunehmen und deren Leben dadurch mächtig durcheinander bringt. Vogt und Trier arbeiten seit 25 Jahren zusammen, haben gemeinsam alle Drehbücher zu Triers Filme geschrieben und waren vor vier Jahren für DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT schon einmal nominiert. Präzise Beobachtungen und kluge, menschlich-authentische Dialoge zeichnen ihre Arbeiten ebenso aus, wie eigenwillige, kreative Erzählstrukturen. SENTIMENTAL VALUE ist auch dafür ein Paradebeispiel. Ein brillantes Drehbuch, das in einer gerechten Welt alle Preise gewinnen würde. Immerhin gab es dafür den European Film Award.

b) Adaptiertes Drehbuch

Wird gewinnen: ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson, basierend auf dem Roman „Vineland“ von Thomas Pynchon. Die Vorlage spielt in den 1980er Jahren während der Reagan-Ära und bezieht sich auf die linksradikale Untergrundorganisation The Weathermen, die u.a. Bombenanschläge gegen Regierungsgebäude verübte. Anderson hat für seine sehr lose Adaption nur die Grundidee übernommen und daraus seine ganz eigene Geschichte gestrickt. 25 Jahre hatte er vor, diesen Film zu machen. Umso mehr erstaunt es, wie präzise er die Krise der amerikanischen Gesellschaft im Jahr 2025 abbildet. Er zeigt ein gespaltenes Land, in dem sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüberstehen, nur dass die eine (faschistoide) Seite deutlich mehr Macht hat, Gewalt gegen die andere auszuüben. Das faszinierende ist, das beide Seiten in dieser Erzählung Aspekte finden können, die sie ansprechen, ohne das Anderson seine persönlichen Einstellungen verraten muss.

PTA gehörte schon seit langem zu den besten Autoren des amerikanischen Kinos. Bis auf SYDNEY (1996), PUNCH-DRUNK LOVE (2002), THE MASTER (2012) und PHANTOM THREAD (2017) waren alle seine Drehbücher für den Oscar nominiert. Für ONE BATTLE AFTER ANOTHER bekam er CCA, Golden Globe, WGA, BAFTA und den USC Scripter Award. Wie bei SINNERS gilt auch hier: wie auch immer die Oscarverleihung in den anderen Kategorien ausgeht – Anderson wird zumindest diesen einen Oscar gewinnen.

Sollte gewinnen: Paul Thomas Anderson für ONE BATTLE AFTER ANOTHER.

Außerdem nominiert: BUGONIA von Will Tracy, basierend auf dem koreanischen Film SAVE THE GREEN PLANET (2003) von Jang Joon-hwan. Tracy hat die Story von dem jungen Mann, der glaubt, eine Alieninvasion verhindern zu müssen, nach Amerika verlegt und mit einer schön speckigen Hinterwäldlerkomponente und einer Portion internetgeschwängerten Verschwörungsfantasie angereichert.

Eine Besprechung zu BUGONIA findet ihr hier.

FRANKENSTEIN von Guillermo del Toro, basierend auf dem gleichnamigen Klassiker von Mary Shelley. Del Toro verlegt die Story um den ehrgeizigen Wissenschaftler und die von ihm geschaffene Kreatur in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Er verändert auch einige Figuren und ihre Beziehungen zueinander und fügt weitere Figuren hinzu. Nicht alles an dieser Adaption ist gelungen, den Kernkonflikt aber arbeitet del Toro heraus und verstärkt ihn noch. Im Wesentlichen besteht sein FRANKENSTEIN aus zwei sich spiegelnden Erzählungen über jeweils katastrophale Vater-Sohn-Beziehungen. FRANKENSTEIN ist del Toros drittes oscarnominiertes Drehbuch und sein erstes adaptiertes. Die anderen beiden, PAN’S LABYRINTH (2006) und THE SHAPE OF WATER (2017), waren Original Drehbücher.

HAMNET von Chloé Zhao und Maggie O’Farrell, basierend auf O’Farrells gleichnamigen Roman. Die Vorlage ist von einer sehr poetischen, verinnerlichten Sprache geprägt, deren eigentliche Handlung für den Film heraus gefiltert werden musste. Auch ist die Figur der Agnes, aus deren Perspektive und Empfindungen die Geschichte im Roman erzählt wird, deutlich präsenter, während Shakespeare nur als Andeutung auftaucht. Für den Film wurden beide Figuren ausgeglichener gewichtet, auch wenn Agnes weiterhin im Zentrum steht. Das Finale, der kathartische Moment im Globe Theatre, wurde extra für den Film geschrieben.

Besprechungen zu HAMNET findet ihr hier und hier.

TRAIN DREAMS von Clint Bentley und Greg Kwedar, basierend auf der Novelle von Denis Johnson, die aus dem Leben des Tagelöhners und Waldarbeiters Robert Grainier zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt. Bentley und Kwedar haben für ihre Adaption einige kleine Veränderungen vorgenommen und z.B. eine Wölfin weggelassen, die Grainier im Buch begleitet. Teile des poetischen Textes werden von Will Patton als Voice-Over erzählt. Bentley und Kwedar waren im vergangenen Jahr schon für ihr Drehbuch zu SING SING nominiert.

II. Regie

Wird gewinnen: Paul Thomas Anderson für ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Anderson ist seit 30 Jahren im Geschäft und hat in dieser Zeit zehn exzellente Filme inszeniert, von großen Ensemble-Epen wie BOOGIE NIGHTS (1997) oder MAGNOLIA (1999) über internalisierten Dramen wie PUNCH-DRUNK LOVE (2002) oder PHANTOM THREAD (2017) bis zu schrägen Komödien wie INHERENT VICE (2014). Mit THERE WILL BE BLOOD (2007) hat er den nach Meinung vieler vielleicht besten Film des 21. Jahrhunderts inszeniert. Schon damals war er dem Oscar sehr nahe, ging aber zu Gunsten der Coen Brothers (NO COUNTRY FOR OLD MEN) leer aus. Auch für die Regie von PHANTOM THREAD und LICORICE PIZZA (2021) war er nominiert. Doch diesmal ist ihm der Triumph nicht mehr zu nehmen. Anderson hat alle wichtigen Regiepreise plus zahlreiche Kritikerpreise im Vorfeld abgeräumt: CCA, Golden Globe, National Board of Review, BAFTA und am wichtigsten den Director’s Guild Award. Das ist nur gerecht. Er hat den Oscar für diesen brillanten Film verdient. Alles, was wir an PTA-Filmen lieben, das große ausgewogene Ensemble, die nötige Portion Dramatik, der schräge Humor, die exzellenten Darstellerleistungen, die smarten, sich überlappenden Dialoge und die visuell aufregende Gestaltung, ist in ONE BATTLE AFTER ANOTHER zu finden. Neu ist die Erkenntnis, dass PTA auch Action auf eine faszinierend neue, nie gesehene Weise inszenieren kann. Die politische Aktualität ist nur das Sahnehäubchen.

Sollte gewinnen: Paul Thomas Anderson für ONE BATTLE AFTER ANOTHER.

Eine Besprechung zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER findet ihr hier.

Außerdem nominiert: Ryan Coogler für SINNERS. Dies ist Cooglers erste Nominierung für Regie und sie war überfällig. Längst ist der junge Mann aus Oakland, Kalifornien zur Speerspitze des afroamerikanischen Kinos aufgestiegen. Er inszeniert Blockbuster mit Verstand. Seine Stimme wird gehört. Unter den Nominierten könnte er noch am ehesten Anderson denn Oscar streitig machen. Und er hätte neben einer hervorragenden Leistung ein weiteres starkes Argument. Coogler ist nach John Singleton (BOYZ ’N THE HOOD, 1991), Lee Daniels (PRECOIUS…, 2009), dem Briten Steve McQueen (12 YEARS A SLAVE, 2013), Barry Jenkins (MOONLIGHT, 2016), Jordan Peele (GET OUT, 2017) und Spike Lee (BLACKKKLANSMAN, 2018) erst der siebte schwarze Regisseur, der für einen Oscar nominiert wurde. Man möchte meinen, dass nach fast hundert Jahren Oscars die Zeit für einen schwarzen Gewinner in dieser Kategorie reif wäre.

Josh Safdie für MARTY SUPREME. Safdie ist ein Regisseur, der den Stresspegel für das Publikum immer noch ein bisschen höher treibt. Sein atemloser Inszenierungsstil machten schon GOOD TIME (2017) und UNCUT GEMS (2019) zu unvergesslichen Kinoerlebnissen. Mit MARTY SUPREME zeigt er sich von der leichteren Seite, denn bei aller Dramatik für die Hauptfigur, ist diese rasante Erzählung für den Zuschauer doch vor allem auch ein großer Spaß. Safdie ist seit über 20 Jahren im Geschäft und hat seine Filme lange gemeinsam mit seinem Bruder Benny gedreht. In diesem Jahr gingen die beiden erstmals getrennte Wege. Josh war dabei deutlich erfolgreicher. Er ist zum erstmal nominiert und dann gleich in vier Kategorien (neben Regie auch für Drehbuch, Produktion und Schnitt).

Joachim Trier für SENTIMENTAL VALUE. Der Norweger feiert mit diesem Film seinen bislang größten Erfolg. Vor 25 Jahren veröffentlichte er seien ersten Kurzfilm (PIETÀ), sechs Jahre später seinen ersten Spielfilm (AUF ANFANG). Neben seiner naturalistischen Schauspielführung sind es immer wieder kreative Regieentscheidungen, die seine Filme so aufregend machen. In SENTIMENTAL VALUE lässt er z.B. zwei Schauspielerinnen in zwei separaten Szenen ein und denselben Text vortragen und führt damit nebenbei dem Publikum vor, wie wichtig die richtige Besetzung ist (Stichwort: Casting Oscar).

Chloé Zhao für HAMNET. Ihre Trademark, die behutsam-internalisierte und hochemotionale Inszenierung hat Zhao, die bislang nur zeitgenössische Filme gedreht hat, auch auf ihren ersten historischen Film übertragen. Auch in HAMNET schaut sie ihrer Hauptfigur wieder tief in die Seele. Ihre Filme haben bisweilen auch etwas meditatives. Lange ruhige Kameraschwenks, die manchmal über das Ziel hinausschießen und den kontemplativen Eindruck der Szene noch verstärken. Zhao gewann vor fünf Jahren als erst zweite Frau den Regieoscar für NOMADLAND.

III. Internationaler Film

Wird gewinnen: Der norwegische Film SENTIMENTAL VALUE (OT: AFFEKSJONSVERDI), in dem zwei junge Frauen mit ihrem nach dem Tod ihrer Mutter wieder in ihr Leben getretenen Vater klarkommen müssen. Gustav Borg ist ein erfolgreicher Filmregisseur, dessen Karriere den Zenit bereits überschritten hat. Seine Familie verließ er einst selbstsüchtig und hinterließ bei seinen Töchtern eine schmerzhafte Leerstelle. Der älteren, Nora, inzwischen selbst ein gefeierter Bühnenstar, bietet er die Hauptrolle in seinem letzten Film an. Er habe das Drehbuch extra für sie geschrieben. Nora, die eher auf eine Aussprache hoffte, lehnt brüskiert ab. Borg gibt die Rolle daraufhin dem Hollywoodstar Rachel Kemp, auch weil das die Finanzierung des Films sichert. Doch Kemp findet trotz bemühen nicht den richtigen Vibe und verlässt das Projekt. Später wird Nora, von ihrer jüngeren Schwester Agnes gepusht, feststellen, dass das Drehbuch einen Versuch Gustavs darstellt, mit seiner Tochter zu kommunizieren. SENTIMENTAL VALUE ist eine komplexe Familienaufstellung, die hier nur unzureichend wiedergegeben werden kann. Wie die einzelnen Figuren in Beziehung zueinander stehen und auch mit dem Haus verbunden sind, in dem sie alle ihre Kindheit verbrachten, Gustav ebenso, wie seine Töchter, wird nach und nach enthüllt. Auch die Rolle, die der Suizid seiner Mutter für Gustav spielt und in welchem Zusammenhang er mit der Besetzung Norwegens durch die Nazis Anfang der 1940er Jahre steht, ist nur ein weiteres Puzzlestück in diesem vielschichtigen Porträt. In Cannes wurde SENTIMENTAL VALUE als Favorit für die Goldene Palme gehandelt, erhielt dann aber den Großen Preis des Festivals. Er gewann den BAFTA für den besten nichtenglischsprachigen Film und zuvor sechs Preise bei den European Film Awards, u.a. für Film und Regie. Für Norwegen ist es die siebte Nominierung. Bislang konnten die Wikinger noch keinen Oscar gewinnen.

Sollte gewinnen: THE SECRET AGENT (OT: O AGENTE SECRETO) ist Brasiliens sechster oscarnominierter Film. Erst im vergangenen Jahr konnten die Südamerikaner mit FÜR IMMER HIER ihren ersten Oscar gewinnen. Wie jener Film bringt uns auch THE SECRET AGENT zurück in die 1970er Jahre, als das Land von einer korrupten Militärdiktatur beherrscht wurde. Der Uni-Professor Armando Alves ist in seiner Heimatstadt Recife untergetaucht. Er versucht, an Papiere zu kommen, die ihm und seinem kleinen Sohn die Flucht ins Ausland ermöglichen. Immer wieder trifft er auf Menschen, die scheinbar grenzenlose Macht über andere haben. THE SECRET AGENT ist ein Politthriller, der sich konsequent den Konventionen des Genres verweigert. Auch seine Hauptfigur ist zwar intelligent, aber den anderen nicht überlegen. Armando ist immer auf der Hut, möchte auf keinen Fall auffallen und als ihn ein gedungener Mörder schließlich doch aufspürt, nutzt er seine Kontakte zum örtlichen korrupten Polizeichef, um zu entkommen. Regisseur Kleber Mendonça Filho hat nach seinem Achtungserfolg BACURAU (2019) mit seinem vierten Spielfilm einen echten Hit gelandet. Bei den Filmfestspielen in Cannes war THE SECRET AGENT mit vier Preisen (u.a. für Regie und Hautdarsteller) der größte Erfolg. Bei CCA und Golden Globe wurde er jeweils als bester nichtenglischsprachiger Film ausgezeichnet. Mit insgesamt vier Oscarnominierungen hat auch er gute Chancen, diese Kategorie zu gewinnen. Dass allerdings ein Land zwei Oscars in Folge gewinnt, hat es seit fast 40 Jahren nicht gegeben. Zuletzt gelang das Dänemark mit BABETTES FEST (1987) und PELLE, DER EROBERER (1988).

Eine Faustregel besagt, dass ein Film, der als Bester Film und als bester Internationaler Film nominiert ist, letzteren Oscar auch gewinnt (nur PARASITE konnte 2019 beide Preise gewinnen). In diesem Jahr sind zum zweiten Mal in Folge zwei Filme für beide Oscars nominiert. In dem Fall hätte der Film mit mehr und vor allem wichtigeren Nominierungen den Vorrang. Im vergangenen Jahr gewann dennoch FÜR IMMER HIER (Brasilien, 3 Nominierungen) gegen EMILIA PEREZ (Frankreich, 13 Nominierungen), da die Kontroverse um Hauptdarstellerin Karla Sofia Gascon den Franzosen die Oscarkampagne verhagelte. In diesem Jahr verhalten sich dagegen alle zivilisiert.
THE SECRET AGENT ist für vier Oscars nominiert, SENTIMENTAL VALUE für neun. Beide Filme sind für Best Picture und International Feature Film im Rennen. THE SECRET AGENT ist zusätzlich für Hauptdarsteller und Casting nominiert. SENTIMENTAL VALUE ist zusätzlich für Regie, Drehbuch, Schnitt und vier seiner Darsteller_innen nominiert. Das ist tatsächlich eine sehr starke Kombination. Auch wenn ich THE SECRET AGENT hier noch nicht abschreiben würde, spricht mehr für einen Sieg von SENTIMENTAL VALUE.

Außerdem nominiert: EIN EINFACHER UNFALL (OT: YEK TASADOF-E SADEH) ist ein iranischer Film, der aber für Frankreich nominiert ist. Das ist möglich, weil jede produzierende Nation einen Film bei den Oscars einreichen kann. An dem Film von Jafar Panahi waren mehrere europäische Geldgeber beteiligt, aber eben ganz besonders Frankreich. Uns so kann dieser Film, den das iranische Regime niemals für den Oscar vorgeschlagen hätte, doch antreten, ähnlich dem iranischen Drama DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS, das im vergangenen Jahr für Deutschland nominiert wurde. In EIN EINFACHER UNFALL glaubt der Automechaniker Vahid in einem Kunden seinen ehemaligen Peiniger wiederzuerkennen. Der hatte ihn, als Vahid wegen Protesten gegen das Regime im Gefängnis saß, brutal gefoltert und den Suizid von Vahids Freundin verursacht. Vahid will Rache nehmen, doch dann kommen ihm Zweifel. Panahis grandioser Film beginnt als Rachethriller, wechselt dann aber die Betriebstemperatur in eine Reflexion über die Unmöglichkeit begangenes Unrecht durch neues Unrecht zu kompensieren. Der Weg dorthin ist eine dramatische, bisweilen urkomische, vor allem aber zutiefst humanistische Parabel über die iranische Gesellschaft. Nachdem EIN EINFACHER UNFALL in Cannes die Goldene Palme gewann, galt er als wahrscheinlichster Gewinner dieses Oscars. Es wurde auch über Nominierungen für Regie und bester Film spekuliert. Am Ende kamen zwei Nominierungen (Drehbuch und Internationaler Film) heraus. Für Frankreich ist dies die 43. Nominierung. Neun französische Produktionen gewannen diesen Oscar (+ 3 Ehrenoscars aus der Zeit vor der Einführung dieser Kategorie 1956), zuletzt 1992 für INDOCHINA. Trotz early buzz wird die Grande Nation de Cinema wohl noch auf einen weiteren Award warten müssen, es sei denn, die aktuellen Ereignisse am Persischen Golf geben dem Film doch noch einen late push.

SIRÂT von Oliver Laxe ist als 22. spanische Produktion nominiert. Viermal gewannen die Iberer, zuletzt 2004 für DAS MEER IN MIR. SIRÂT folgt einem Vater und seinem Sohn, die es auf der Suche nach der Tochter/Schwester auf einen Rave ins marokkanischen Hinterland verschlagen hat. Nach politischen Komplikationen begeben sich die beiden mit einigen Ravern auf einen Trip, der existentialistische Fragen aufwirft. Laxes düsterer Film ist ein audiovisuelles Ereignis und für zwei Oscars nominiert. Dass dieser ungewöhnliche Film diesen Award gewinnt, ist eher unwahrscheinlich. Die Nominierung ist schon ein großer Erfolg.

Eine Besprechung zu SIRÂT findet ihr hier.

DIE STIMME VON HIND RAJAB (OT: SAWT HIND RAJAB) von Kaouther Ben Hania ist Tunesiens zweite Nominierung nach DER MANN, DER SEINE HAUT VERKAUFTE (2020), ebenfalls von Ben Hania. Die Regisseurin spielt hier erneut mit dem Format Dokumentarfilm, wie zuletzt mit OLFAS TÖCHTER (2023), der als bester Dokumentarfilm nominiert war. In diesem Fall baut sie ihren Film um einen Telefonmitschnitt auf, der im Zuge des Gaza-Krieges zu trauriger Berühmtheit gelangte. Am 29. Januar 2024 bekommen Mitarbeiter des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) den Anruf eines 5jährigen Mädchens, das im Gaza-Streifen mit Verwandten versuchte, vor isrealischem Beschuss zu fliehen. Das Auto wurde getroffen, alle Verwandten sind tot und das kleine Mädchen, Hind Rajab, verängstigt. In den nächsten 70 Minuten versuchen die PRCS-Mitarbeiter, einen nur acht Minuten von Hind entfernten Sanitätswagen zu ihr zu bringen, um ihr aus der Gefahrenzone zu helfen. Doch das gestaltet sich äußerst schwierig, da der PRCS nicht direkt mit dem israelischen Militär in Kontakt treten kann und den Umweg über das Rote Kreuz nehmen muss. Während der verzweifelten Rettungsaktion läuft Hind die Zeit davon, Schüsse und Einschläge kommen immer näher. Ben Hania nutzt für ihren Dokumentar-Reenactment-Hybrid die Original-Aufzeichnung von Hinds Anruf, während Schauspieler die PRCS-Mitarbeiter spielen. Zwischendurch sieht man immer wieder auf Handyscreens die tatsächlichen Akteure. Wie auch immer man zum Konflikt in Gaza steht, DIE STIMME VON HIND RAJAB kann (sollte) niemanden kalt lassen. Er ist das erschütternde Dokument humanistischen Scheiterns. Beim Festival in Venedig, wo der Film im Herbst seine Premiere feierte, wurde DIE STIMME VON HIND RAJAB mit neun Einzelpreisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Silbernen Löwen, dem Großen Preis der Jury.

Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.

In Teil #5 geht es um die wichtigste Trophäe des Abends – der Academy Award für den Besten Film.