Die Doxumentale feiert zum dritten Mal Non-Fiction-Storytelling

Während wir in unseren jeweiligen Bubbles um Fassung ringen, bietet dokumentarisches Erzählen dringend nötigen Halt. Dem allgemeinen Welterklärungsbedarf widmet die 3. Doxumentale vom 27. Mai bis 7. Juni in Berlin ein eigenes Festival. Angenehm unvoreingenommen wagt Das Festival für Non-Fiction-Storytelling dabei den Blick auf benachbarte Formate wie Sachbücher, Podcasts und Medienkunst.
Vom Zehlendorfer Bali Kino bis zum hof.berlin im Friedrichshain – 53 Dokumentarfilme und 12 Kurzfilme, Sachbuchlesungen, Live-Podcasts sowie Ausstellungen finden in Kiezkinos, unter freiem Himmel, bei Diskussionen und Workshops statt. Der zentrale Festival-Hub befindet sich im Atrium Tower und The Playce am Potsdamer Platz.
Der Eröffnungsabend beginnt mit einer Hommage an die Gastgeberstatt Berlin. Danach dreht sich vieles um die Themenschwerpunkte Kunst, Wandel, Natur und weiblicher Blick. Letzterer ist auch Gegenstand des von Creative Europe Media geförderten Kooperationsprojekts Another Story, bei dem es um das Dokumentarfilmschaffen von Regisseurinnen in diesem und im vergangenen Jahrhundert geht. ICH DENKE OFT AN HAWAII (1978) von Elif Mikesch oder ROAD OF BROTHERHOOD AND UNITY von Maja Weiss stehen hier auf dem Programm.
Die Doku LOOT: A STORY OF CRIME AND REDEMPTIN (2025) von Don Millar über Raubkunst und unseren Umgang mit ihr, und das Buch „Paranoia in Hollywood“ von Jan Jekal über Exilkünstler, die im Los Angeles der 40er Jahre als Kommunisten verfolgt werden, beschäftigen sich mit Kunst als Raum, in dem gesellschaftliche Themen ausgehandelt werden. In ihrem Podcast „Azizam: Die Revolution meiner Mama“ erzählt Aida Amini vom Tod ihrer Mutter in iranischem Polizeigewahrsam, der die größte feministische Protestwelle in der Geschichte des Landes ausgelöst hat. Nachhaltigkeitsthemen wie die gnadenlose Trophäenjagd von Eisbären in der Arktis werden in TRADE SECRET (2025) von Abraham Joffe behandelt, während die Ausstellung „What the Future Wants“ von Tactical Tech digitale Mitbestimmung zum Thema hat.
Vom 28. bis 31. Mai bringt der Dx’Hub bei Fachdiskussionen, Workshops und Netzwerkveranstaltungen Experten, Autoren, Regisseure und Zuschauer zusammen. Ein Highlight des Dx’Hub ist The Good Media Pitch, Deutschlands erstes Film- und Impact-Programm, das ausgewählte Projekte mit Experten aus der Zivilgesellschaft für potenzielle Partnerschaten vernetzt.
Doxumentale – Festival for Non-Fictional Storytelling findet vom 27. Mai bis 7. Juni 2025 statt. Das gesamte Programm ist hier einzusehen.
Alexander Wolff
Im Folgenden findet ihr die Empfehlungen aus der Redaktion:
MAINTENANCE ARTIST

Darum geht es:
Aus dem Geiste der Avantgarde geboren, hat sich Mierle Laderman Ukeles ein Leben lang erfolgreich bemüht, Privates und Kunstpraxis, Profanes und Tiefgründiges miteinander zu verquirlen. Als „Artist in Residence“ bei der New Yorker Stadtreinigung bohrte sie sich in Performances, Filmen, Ausstellungen und Fotos in jene Arbeitswelt hinein, die Stadt und Gesellschaft zusammenhält, und rückt dabei gezielt ihren Ökofeminismus, Geschlechterrollen und familiäre Strukturen in den Fokus. In Maintenance Artist von Toby Perl Freilich schaut sie zurück auf ihr jahrzehntelanges Schaffen und fügt ihm zugleich ein neues Kapitel hinzu.
Was du zum Film wissen musst:
Die Emmy-nominierte Filmemacherin Toby Perl Freilich hat ihr filmisches Tun ausgerichtet auf jüdisches Leben und jüdische Beiträge zum gesellschaftlichen Miteinander, siehe etwa Moynihan (2024), Inventing our Life oder Secret Lives. Am 6. Juni ist sie im Bundesplatz-Kino für ein Q&A mit der Künstlerin und Wissenschaftlerin Işıl Eğrikavuk von der Universität der Künste zu Gast. Am 7. Juni findet ein Q&A mit Freilich im Nomadenkino statt. – AW
Termine bei der 3. Doxumentale
1.6., 20:00 Uhr, KLICK Kino
6.6., 18:00 Uhr, Bundesplatz-Kino
7.6., 21:30 Uhr, Nomadenkino (Dx’Lounge)
TO DANCE IS TO RESIST

Darum geht es:
Der deutsch-ukrainische Dokumentarfilm von Julian Lautenbacher begleitet das Paar Jay und Vol’demar in Kiew über einen längeren Zeitraum während des Krieges. Auf ihre eigene Art leisten sie Widerstand, indem sie ihre Gefühle und Standpunkte in kraftvolle, eindrucksvolle Performances fließen lassen.
Was du zum Film wissen musst:
TO DANCE IS TO RESIST (2026) überzeugt stark auf visueller Ebene. Die Kameraeinstellungen, kombiniert mit der oft treibenden Musik, laden zu einer besonderen Erfahrung ein. Mit seinen grauen, entsättigten Bildern setzt der sehr ruhig erzählte Film ein Zeichen dafür, wie Formen des Widerstands aussehen können. – MG
Termine bei der 3. Doxumentale
Freitag, 29. Mai, 20:00 Uhr, Kater (Dx’Lounge)
Dienstag, 2. Juni, b-ware! Ladenkino
HEX

Darum geht es:
Die drei unheimlichen Schwestern aus Macbeth, die Hexen, sind weltberühmt. In ihrem kraftvollen Dokumentarfilm folgt die Filmemacherin Maja Holland ebenfalls drei Hexen: den Norwegerinnen Victoria, Johanna und Nikoline und ihrer feministischen Black-Metal-Band Witch Club Satan.
Was du zum Film wissen musst:
In der heutigen Zeit, in der immer mehr Frauen „Witchcraft“ und das Wort „Hexe“ neu und feministisch konnotieren, besetzt die norwegische Band Witch Club Satan diese Lücke in der männlich dominierten Black-Metal-Szene in Norwegen. Der Dokumentarfilm HEX (2026) zeigt ihre imaginative Kreativität, ihre Musik und den Weg zum Album-Release. Die Kamera bleibt sehr nah an der Band und gibt auch einen erhellenden Behind-the-Scenes-Einblick. Denn: Hinter jeder Musikkarriere steckt sehr viel Arbeit und jede Menge Business. Diesen Spagat zwischen trockener Präzision und kreativem Fließenlassen zeigt der Film sehr eindrücklich. – MG
Termine bei der 3. Doxumentale
Montag, 1. Juni, 20:25 Uhr, b-ware! Ladenkino
Dienstag, 2. Juni, 19:30 Uhr, Galiläakirche (Dx’Lounge)
ICH DENKE OFT AN HAWAII (1978)

Darum geht es:
Carmen ist 16 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter Ruth und ihrem Bruder Tito in einem Reihenhaus in Gropiusstadt. Gespräche innerhalb der Familie finden kaum statt. Ihr Vater, ein amerikanischer Soldat aus Puerto Rico, hat die Familie schon vor langer Zeit verlassen. Oft ist Carmen allein, fährt mit der U-Bahn durch Kreuzberg, wandert durch die gigantische Hochhaussiedlung in der Nachbarschaft oder verbringt die Zeit zu Hause in der spießbürgerlich eingerichteten Wohnung. Ab und zu verkleidet sie sich in bunten Kostümen, um dem grauen Alltag zu entkommen. Aus dem Off erzählen Mutter und Tochter von ihren Wunschvorstellungen für ein glückliches Leben.
Was du zum Film wissen musst:
Elfi Mikeschs ICH DENKE OFT AN HAWAII wurde für „Das kleine Fernsehspiel“ gedreht und ist ein sarkastisches Porträt der Isolation und Vereinsamung im sozialen Umfeld der Großstadt. Der Film zeigt eine Aneinanderreihung von Alltäglichkeiten: Putzen, Spülen, Hausaufgaben, am Wochenende gibt es Wackelpudding. Die drei Rollen werden dabei von der Familie Rossol verkörpert, die Situationen aus ihrem Leben nachspielt. Im Fokus stehen nicht ihre Schicksale oder die schauspielerischen Leistungen, sondern die Kameraarbeit, die mit einer Vielzahl von Stilmitteln arbeitet. Ist das dokumentarische Stilisierung oder stilisierte Dokumentation? Insbesondere die ganzen Kuriositäten, darunter kitschige Mustertapeten, eine aufblasbare Dauerwellen-Trockenhaube oder die bunten Bilder von exotischen Orten in den Zeitschriften auf dem Fliesentisch wirken aus der zeitlichen Distanz heraus umso amüsanter. – HK
Termine bei der 3. Doxumentale
3.6., 19:00 Uhr, IL KINO
6.6., 20:00 Uhr, KLICK Kino
THE WOMAN’S GREATEST VALUE IS HER SILENCE

Darum geht es:
Eine süditalienische Emigrantin namens Maria erzählt im Voice-over von ihrer Emigrationserfahrung. Sie war in den späten 1960er Jahren mit ihrem Ehemann nach Frankfurt am Main ausgewandert. Untermalt sind diese Berichte von Filmaufnahmen anderer italienischer Immigrant*innen, die sie darstellen und sich zugleich selbst spielen.
Was du zum Film wissen musst:
Der Film weist eine besondere Erzählform auf. Ursprünglich als Dokumentarfilm geplant, fanden die Regisseurinnen Gertrud Pinkus und Anna Monferdin jedoch keine Frau, die vor die Kamera treten wollte, um ihre Geschichte zu erzählen. Zu groß war die Angst, die eigene Familie zu verraten und das Gesetz der „Omertà“ zu brechen. Zwangsläufig mussten die Filmemacherinnen aus der Not eine Tugend machen: Während Maria nur auf der Tonspur zu hören ist, verleihen die Bilder der Darsteller*innen dem Film eine faszinierende Doppelbödigkeit. – HK
Termine bei der 3. Doxumentale
4.6., 21:00 Uhr, Sputnik Kino
5.6., 17:30 Uhr, KLICK Kino