DIE ODYSSEE von Christopher Nolan


Sing mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes

Am Anfang der Geschichte der abendländischen Literatur steht der Name Homer, über dessen Person selbst so gut wie nichts bekannt ist. Der Legende nach war Homer ein blinder Sänger, der vor bald 3000 Jahren lebte und dessen oft tagelangen Gesänge durch mündliche Weitergabe (sozusagen oral history) überdauerten und später zu einer epochalen Dichtung zusammengefasst wurden.

Die beiden Epen, die Homer zugeschrieben werden und als älteste schriftliche Zeugnisse der griechischen Kultur gelten, die Ilias und die Odyssee, berichten von Ereignissen, die zu Homers Zeiten selbst schon fünf bis sechs Jahrhunderte zurück liegen. Sie entwerfen ein weites Kompendium an Figuren und lassen der griechischen Mythologie entsprechend Menschen und Götter interagieren, zu einer Zeit, da die Götter beginnen, sich von den Menschen abzuwenden. Grund dafür ist der Trojanische Krieg, der, folgt man der Mythologie, auf einen göttlichen Streit zurückzuführen ist, in den die Menschen hineingezogen werden und der nach einer zehnjährigen Belagerung in den Fall Trojas mündet – ein Ereignis, das man getrost als die Urkatastrophe der griechischen Antike bezeichnen kann.

Die Eroberung und anschließende Plünderung Trojas – wenn es sie denn gegeben hat – ist von einer Brutalität und unerbittlichen Grausamkeit geprägt, die schon die Zeitgenossen schockiert haben soll und Jahrhunderte später dem Publikum von Homers Gesängen einen Schauer über den Rücken jagte. Auch den siegreichen Griechen bringt sie kein Glück. Die mykenische Kultur zerfällt – es folgen Jahrhunderte der schriftlosen Dunkelheit. Erst in den Tagen Homers beginnt der Wiederaufstieg der griechischen Polis und man erinnert sich an die Helden der alten Zeit, ihrer großen Taten, aber auch der Schrecken, die sie über ihre Feinde brachten.

Während die Ilias – 15.693 Verse in 24 Gesängen (Büchern) – eine Episode am Ende des Krieges beleuchtet (nicht aber sein Ende), berichtet die Odyssee – 12.110 Verse in ebenfalls 24 Gesängen – von seiner Nachgeschichte. Wichtigster Held der Odyssee ist der namensgebende König von Ithaka, einer kleinen Insel im Ionischen Meer vor der Westküste Griechenlands. Odysseus (der Name bedeutet so viel wie der Zürnende), oft auch der Listenreiche genannt, gehört schon zum Figurenensemble der Ilias, spielt dort aber eine untergeordnete Rolle. Doch schon im älteren Epos wird Odysseus als der klügste unter den Feldherren des Großkönigs Agamemnon dargestellt.

Odysseus ist ein mutiger und guter Krieger, besitzt aber nicht die Kraft eines Achilles, Hector oder Ajax. Seinen Mangel an physischer Stärke gleicht er mit einem ungemein wachen und kreativen Geist aus. Seine berühmteste List wird den Krieg beenden und zum Fall Trojas führen. Der Mythos um das Trojanische Pferd bildet denn auch den Kern, um den sich Christopher Nolans epische Verfilmung der Odyssee dreht und zu dem er folgerichtig in einer elliptischen Erzählstruktur immer wieder zurückkehrt.

Die DNA des Kinos

THE ODYSSEE ist Nolans erster Film in drei Jahren. Nach seinem oscarprämierten Megahit OPPENHEIMER hatte Nolan sozusagen Carte blanche und entschied sich für eine Kinoadaption jenes homerschen Epos’, das als Blaupause sämtlicher folgender Heldengeschichten verstanden werden darf. Die DNA der Odyssee findet man in fast allen Kinoabenteuern, selbst in solchen, die sich gar nicht als Abenteuergeschichten verstehen. Sie berichtet von der Reise eines unmöglichen Helden in seine Heimat aber auch zu sich selbst, von seinem Kampf gegen äußere Feinde wie innere Dämonen. Jede Zeit findet ihre eigene Lesart. Begeistern sich frühere Interpretationen noch für das Spektakel, den Kampf gegen Monster, Hexen und Götter und die finale Rache des Helden an den unwürdigen Freiern seiner Königin, wird die Geschichte in jüngerer Zeit in der Literatur und nun auch im Film dekonstruiert.

Denn Nolans Film ist nicht das klassische, cleane Heldenepos, das seinen Protagonisten glorreich überhöht, ohne zu fragen, was diese jahrtausendealte Story uns heute noch zu sagen hat. Dabei waren die Fehlbarkeiten und Hybris seiner Helden immer schon Gegenstand der reichen Rezeptionsgeschichte der Epen Homers. Das gilt insbesondere für Odysseus, der eben kein Gott, Halbgott oder zumindest göttlicher Abstammung ist. Odysseus ist ein Mensch, wenn auch ein sehr schlauer. Er lügt, betrügt und sucht immer den eigenen Vorteil. Bisweilen neigt er auch zu arroganter Selbstüberschätzung, verhöhnt seine Gegner und führt auch dadurch seine Untergebenen in den Untergang. Die Odyssee ist daher nicht nur die Geschichte einer sehr langen, durch zahlreiche Abenteuer immer wieder aufgehaltenen Heimkehr. Sie ist auch eine Reise der Erkenntnis, in der ein Held sich mit seinen Taten und ihren Folgen auseinandersetzen muss. Ihre ungewöhnliche Länge (fast 10 Jahre für eine verhältnismäßig kurze Distanz) kann auch als Strafe interpretiert werden für eine Idee, die manche als geniale Kriegslist interpretieren, während andere in ihr das schwerste Vergehen gegen die göttliche Ordnung sehen.

THE ODYSSEE beginnt, der Erzählung Homers folgend, nicht mit dem Protagonisten, sondern mit den Geschehnissen an seinem heimatlichen Hof. Dort wartet Gattin Penelope (Anne Hathaway) seit nunmehr fast 20 Jahren auf die Heimkehr ihres Gatten. Sein Verbleib, ja selbst ob er noch am Leben ist, liegt im Dunkeln. Ein Barde (die ersten Worte des Films gehören dem Rapper Travis Scott) berichtet vom Krieg gegen Troja und Nolan gewährt uns einen ersten Blick auf das hölzerne Pferd, das den Trojanern den Untergang bringt. Auf Ithaka haben sich derweilen zahlreiche Freier eingefunden, die um die Gunst der Königin buhlen, von der viele vermuten und noch mehr hoffen, sie sei längst eine Witwe. Telemachos (Tom Holland), der gemeinsame Sohn und Erbe Odysseus’ und Penelopes, ist noch zu jung und schwach, sich gegen die Übermacht an Glücksrittern zu wehren. Besonders die skrupellosen Antinous (Robert Pattinson) und Polybus (Corey Hawkins) setzen dem Jungen zu und würden ihn am liebsten beseitigen. Die Gerüchte, die nach Ithaka vordringen, enthalten aber keine Neuigkeiten zum Verbleib des Odysseus, sondern berichten von mordenden, raubenden, brandschatzenden und vergewaltigenden Seevölkern und verbreiten eher das diffuse Gefühl des Untergangs der griechischen Kultur.

Dieser Erzählstrang tritt nun in einen Dialog mit einem zweiten, der uns den gealterten Odysseus (Matt Damon) selbst am kargen Strand der Insel Ogygia zeigt, an dem er mit der Nymphe Calypso (Charlize Theron) lebt. Odysseus hat keine Erinnerung an seine Vergangenheit, weiß weder vom Krieg gegen Troja noch von Frau und Sohn. Doch ein unbestimmtes Gefühl, dass da noch etwas anderes war als das sorgenlose Leben in den Armen der schönen Calypso, trübt seine Tage. Es sind die Lotusblüten, deren Verzehr Odysseus seit seiner Ankunft auf Ogygia begehrt, die seinen Verstand vernebeln und die Zeit vergessen lassen. Nachdem er auf die Blüten verzichtet, kehrt allmählich seine Erinnerung zurück. Sobald sich Odysseus an seinen Sohn erinnert, folgt der Film wieder der Suche des Telemachos nach seinem Vater. Hört der Sohn etwas vom Vater, springt der Film zurück zu Odysseus, dessen zurückkehrende Erinnerungen eine dritte Erzählschleife öffnen, die dem Publikum nun die berühmten Abenteuer des Seefahrers präsentieren.

Die Irrfahrten des Odysseus

Da ist die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem, dessen friedfertiges Dasein als Schafhirte von Odysseus und seinen Leuten gestört wird. Der Kampf gegen den Sohn des Poseidon, Gott des Meeres, kostet einem Dutzend Männern das Leben und Polyphem sein Auge. Anschließend verschlägt es die Griechen auf die Insel der Laistrygonen, riesenhaften Menschenfressern in schweren Rüstungen, die Odysseus Mannschaft auf ein Schiff und wenige Überlebende dezimieren. Die Krieger, die das Vertrauen und die Zuversicht in Odysseus Fähigkeiten, sie sicher in die Heimat zu dirigieren, verloren haben, beschließen, den nächsten Landgang ohne ihren Anführer zu wagen.

Er führt sie direkt in die Arme der einsam aber mit zahlreichen (auch wilden) Tieren lebenden Hexe Kirke, die die rohen Männer in ihre, wie Kirke es sieht, wahre Gestalt verwandelt. Nur Odysseus’ kluger und emphatischer Intervention, verdanken sie, den Rest ihrer Tage nicht als Schweine verbringen zu müssen. Viel Zeit bleibt ihnen eh nicht mehr, wie die weise Kirke andeutet. Um den richtigen Weg in die Heimat zu finden, müssten sie sich in den Hades begeben, den kein Sterblicher je verlassen hat. Dort wird Odysseus von den Seelen seiner gefallenen Kameraden angeklagt, sie nicht sicher in die Heimat gebracht zu haben, ja, den Toten nicht einmal zu einem würdigen Begräbnis verholfen zu haben. Er trifft auch Agamemnon, der nach seiner Rückkehr von seiner Gattin Klytaimnestra ermordet wurde und der Odysseus vor einer unbedachten Heimkehr warnt. Die Seele des blinden Sehers Teiresias, verrät unserem Helden den Weg nach Hause, nicht ohne Odysseus erneut die alleinige Heimkehr zu prophezeien.

Die Irrfahrt führt die Griechen entlang der Insel der Sirenen, deren betörender Gesang unzählige Seefahrer in den Tod führte und dem nur der an den Mast gefesselte Odysseus unter verzweifelten Schreien lauscht. An einer Meerenge müssen sie, um dem Schlund Charybdis zu entkommen, den Felsen der Skylla kreuzen, einem sechsköpfigen Ungeheuer, dem sechs Griechen zum Opfer fallen. Auf der Insel Thrinakia müssen sie schließlich gegen den Rat des Odysseus notlanden, um Verpflegung aufzunehmen. Trotz Odysseus’ Warnung, die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios zu verschonen, schlachten die verhungernden Männer eines der Tiere und besiegeln damit ihren Untergang. Nach einem schrecklichen Sturm landet Odysseus allein auf Ogygia, wo ihn Calypso rettet, pflegt und sich in ihn verliebt.

Im Unterschied zu Homers Epos, in dem die Götter selbst als handelnde Akteure auftreten, verzichtet Nolan in seiner ODYSSEE weitestgehend auf ihre physische Präsenz. Zwar gibt es die Monstren wie Polyphem oder die Skylla und Kirkes magische Fähigkeiten werden ebenso unmissverständlich wie schockierend ausgestellt. Ansonsten erscheinen die Götter in der Form, in der die Griechen sie selbst interpretiert haben: im weisen Blick des Beraters Mentor (Athene) etwa oder in der wild brausenden See (Poseidon). Lediglich die weise Athene (Zendaya), bei Homer eine Art Schutzgöttin des Helden, steht ihm in besonders verzweifelten Situationen zur Seite. Ob es sich dabei aber wirklich um die Tochter des Zeus oder eher um eine nagende Erinnerung an ein unsägliches Kriegsverbrechen handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Die verliebte Nymphe Calypso verschleiert bei Homer den Verstand des Odysseus, um ihn an sich zu binden, während Nolan die sieben Jahre, die Odysseus bei und mit Calypso verbringt, mit der Episode der Lotusesser verschränkt, die ansonsten wie viele andere Abenteuer der Odyssee der relativen Kürze eines Kinofilms zum Opfer fallen. Nachdem Odysseus auf die Lotusblüten verzichtet und seine Erinnerungen vollumfänglich zurückgekehrt sind, lässt Calypso ihn ein Floß bauen, um in die nahe Heimat zurückzukehren.

Spoiler? No Spoiler!

Dort beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Telemachos besucht Sparta, um dort von König Menelaos (Jon Bernthal) und seiner Gattin Helena (Lupita Nyong’o) etwas über seinen Vater zu erfahren. Er bekommt eine Heldenerzählung über den Fall von Troja zu hören. Auf seiner Rückkehr soll Telemachos im Auftrag von Antinous und Polybus ermordet werden, erreicht jedoch unversehrt Ithaka, wo er seine Mutter überzeugt, dem Werben der Freier nachzugeben und diese zu einem Wettkampf um ihre Gunst herauszufordern. Sie sollen den Bogen des Odysseus spannen und einen Pfeil durch die Ösen von zwölf Äxten schießen. Die Freier scheitern allesamt. Doch ein mittelloser Bettler hat Erfolg.

Vor Spoilern muss in diesem Fall nicht gewarnt werden. Die Story der Odyssee sollte allseits bekannt sein. Und doch gelingt Christopher Nolan eine spannende Interpretation des Mythos, indem er zwar einige fantastische Elemente behält, diese aber auf ein (nichtsdestotrotz spektakuläres) Minimum begrenzt und sich ansonsten für einen weitgehend naturalistischen Ansatz entscheidet. Im Kern ist seine ODYSSEE eben keine klassische Heldengeschichte, sondern erzählt von einem Mann, der von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt wird und lernen muss, die Konsequenzen seines Handelns zu (er)tragen.

Sehr viel stärker als Homer nimmt Nolan dabei Bezug auf den Mythos um das trojanische Pferd, jene legendäre Kriegslist, mit der eine Handvoll Griechen, versteckt in einem als Geschenk an den trojanischen Tempel der Athene zurückgelassenen riesigen Holzpferd, in die Mauern der belagerten Stadt gelangen und ihre Tore für die griechischen Heerscharen öffnen. Das Gesetz des Zeus, auf das im Film immer wieder verwiesen wird und das bei Nolan das klassische Gebot der Gastfreundschaft mit einer bronzezeitlichen Version des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant verbindet, wird von den Griechen bei der Eroberung Trojas auf das schändlichste mit den Füßen getreten. Und ursächlich dafür ist die List des Odysseus, der damit von allen Griechen die größte Schuld auf sich geladen hat, auch wenn er sich selbst an den Gräueltaten nicht beteiligt und sich eher angewidert von ihnen abwendet. Diese Schuld ist auch mit der Rache an den Freiern nicht abgegolten, die für sich genommen ja erneut einen Bruch mit Zeus’ ehernem Gesetz darstellt. Und so endet der Film nicht mit einem Happy End, sondern allenfalls mit einer vagen Hoffnung auf Erlösung, für die ein hoher Preis zu zahlen ist.

All das ist schon in Homers Werk angelegt. Doch Nolans ODYSSEE ist natürlich keine Eins-zu-Eins-Adaption. Um die ausladende Geschichte in einem Dreistundenfilm zu erzählen, musste Nolan kürzen, raffen und fokussieren. Das Ergebnis ist eine immer noch epische Story über Liebe, Trauer, Schande, Führung und Verantwortung. Dass das nicht ohne Kritik von Puristen und Menschen einhergeht, die in Homers Epos eine ganz andere Geschichte lesen, versteht sich von selbst. Doch genau darin liegt ja die universelle Qualität des Klassikers. Bei Nolan wird die Geschichte des Odysseus über verschieden Erzählungen transportiert.

Da ist der Barde, der die offizielle Version vorträgt, die Geschichte vom trojanischen Krieg, die am Hof von Ithaka alle schon oft gehört haben. Der treue Eumaeus (John Leguizamo) zeichnet Telemachos ein Bild des Odysseus, bevor dieser in den Krieg ziehen musste. Menelaos Bericht erfolgt aus der Sicht des ruhmreichen Kriegshelden, während Helenas Andeutungen diese Perspektive in Frage stellen. Und Odysseus selbst muss in seinen verschollenen Erinnerungen nach dem Kern seines Schmerzes und seiner Schande suchen. Damit folgt Nolans narratives Konzept dem homerschen Ursprung, einer Geschichte, die von einer Person auf die nächste übertragen wird, von Generation zu Generation, bis die Erzählung ein Eigenleben entwickelt und zu etablierter Geschichte wird, die immer wieder aufs Neue überformt wird. Genau das erlaubte es dem Epos, Jahrtausende zu überleben, immer wieder neu erzählt und interpretiert und nun in die Sprache des modernen Kinos adaptiert zu werden, ohne seiner zeitlosen Ideen verlustig zu gehen.

Die von Rassismus und Intoleranz geprägte Empörungswelle, die über verschiedene ohnehin durch überdurchschnittliche Dummheit und Ignoranz geprägte Social Media-Kanäle Bezug auf einige Besetzungsentscheidungen nimmt, entbehrt dagegen jeglicher Kenntnis der klassischen Mythologie und des mediterranen Altertums. Sie offenbart allenfalls ein erstaunliches Ausmaß an intellektueller Verflachung und soll daher hier keinen weiteren Raum einnehmen.

Was technische Aspekte angeht, ist Nolans Werk abermals das Maß für den Stand der Dinge im modernen Mainstream-Kino. Visuell ist THE ODYSSEE von unerhörter Pracht. Als erster Film überhaupt, wurde er komplett in IMAX-70mm gedreht, einem Format, das allerdings nur in sehr wenigen Kinos weltweit zu sehen ist (in Europa gibt es lediglich vier Kinos, die den Film in dieser Version zeigen können). Für Berlin empfiehlt sich also eine digitale IMAX- oder eine analoge 70mm-Projektion im Zoo Palast. Aber auch in den verschiedenen DOLBY-Formaten ist THE ODYSSEE ein Genuss. Wie schon in früheren Werken verzichtet Nolan weitgehend auf CGI und setzt auf Practical Visual Effects, was dem Film einen Look verleiht, bei dem die Bezeichnung altmodisch positiv besetzt ist. Textur und Griffigkeit zeichnen Ausstattung und Kostüme aus und selbst für den Zyklop Polyphem wurde eine fast 20 m hohe Puppe gebaut.

Die Darsteller können durch die Bank überzeugen. Matt Damon zeigt als grüblerischer, an der eigenen Verantwortung fast zerbrechender Held eine seiner besten Darstellungen. Robert Pattinson ist als Antinous ein herrlich durchtriebener Schurke, der sich im entscheidenden Moment fast schon grotesk als kriecherischer Feigling erweist. Der seit kurzem 30 Jahre alte Tom Holland darf nochmal seinen aus den jüngsten Spider-Man-Filmen bekannten jugendlichen Charme ausspielen. Der Moment, da er seinen Vater erkennt, ist ein emotionaler Höhepunkt des Films. John Leguizamo gibt beeindruckend den blinden Hirten Eumaeus, einen treuen Freund und Diener, der an der Abwesenheit Odysseus’ zu verzweifeln droht.

Anne Hathaway hat als Penelope einen Auftritt, der an ihrer königlichen Statur nicht zweifeln lässt. Nolan ist dafür bekannt, seinem weiblichen Personal zu wenig Raum und Tiefe zu gewähren. Ein Problem, das auch in THE ODYSSEE zu sehen ist, vor allem bei der von Charlize Theron verkörperten Calypso, deren Aufritt im Wesentlichen auf die Rolle einer besseren Stichwortgeberin reduziert ist. Penelope aber hat, trotz ihrer vergleichsweise geringen Screentime, einige gute Momente. In einer besonders starken Szene erinnert sie ihren aufmüpfigen Sohn daran, Ithaka seit 20 Jahren als Königin zu regieren – ohne Mann. Hier blinkt ein verstohlener Feminismus auf, den man dem für seine „Männerfilme“ bekannten Nolan kaum zugetraut hätte. Noch stärker kommt dies aber in Samantha Mortons fantastischem Auftritt als Kirke zum Ausdruck. Die Hexe handelt nicht aus Selbstsucht. In ihr spiegelt sich die Jahrhunderte alte Angst der Frauen vor den Männern als übergriffige Krieger, Mörder, Räuber und Vergewaltiger. Morton genügen weniger als zehn Minuten, um das Publikum ganz in ihren Bann zu schlagen und ihre Motivation nachvollziehen zu können. Ihr gelingt damit die bislang beste weibliche Performance in einem Film von Christopher Nolan.

Für den Meister selbst ist THE ODYSSEE wieder ein künstlerischer und kommerzieller Erfolg. Der Film nähert sich in rasanten Schritten einem Einspielergebnis von mehr als einer Milliarde Dollar, womit er die beeindruckenden Zahlen von OPPENHEIMER nochmal überbieten dürfte. Auch thematisch stehen sich beide Filme nahe, müssen doch beide Protagonisten erfahren, dass ihre jeweils berühmtesten Taten den Tod zahlloser Unschuldiger verursacht und die Welt in einem schlechteren Zustand zurückgelassen haben. In der kommenden Award Season dürften Nolan und THE ODYSSEE für eine ganze Reihe an Preisen nominiert werden. Für die nächste Oscarverleihung – das kann man zu diesem Zeitpunkt so sagen – hat Nolan das derzeit beste und vielversprechendste Pferd im Rennen.

THE ODYSSEE läuft seit dem 16. Juli im Kino.

Mögliche Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller, Nebendarstellerin, Nebendarsteller, Casting, Kamera, Filmschnitt, Ausstattung, Kostüme, Sound, Original Score, Original Song, MakeUp & Hair Styling, Visuelle Effekte.

THE ODYSSEE, Regie: Christopher Nolan, Darsteller_innen: Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Robert Pattinson, John Leguizamo, Zendaya, Charlize Theron, Jon Bernthal, Lupita Nyong’o, Himesh Patel, Samantha Morton, Mia Goth, Corey Hawkins, Elliot Page, Travis Scott, Benny Safdie, Logan Marshall-Green, Bill Irwin u.v.a.