TOY STORY 5 von McKenna Harris und Andrew Stanton
Extinction? Not Again!
Als am 22. November 1995 mit TOY STORY der erste abendfüllende Spielfilm aus dem Hause PIXAR in den nordamerikanischen Kinos anlief, begann in dem damals noch recht überschaubaren Feld des abendfüllenden Animationsfilms ein neues Zeitalter: TOY STORY war der erste komplett computeranimierte Spielfilm. Hatte es bis dahin nur CGI basierte Kurzfilme gegeben, entstand den zu dieser Zeit dominierenden Zeichentrickfilmen des Disney-Studios ernstzunehmende Konkurrenz. Dabei erlebte Disney nach einer längeren Durststrecke in den 1970er und 1980er Jahren mit äußerst populären Filmen wie THE LITTLE MERMAID (1989), THE BEAUTY AND THE BEAST (1991), ALADDIN (1992) und vor allem mit THE LION KING (1994) gerade eine eigene beeindruckende Renaissance. Doch neben den farbenfrohen, fotorealistischen 3D-Animationen PIXARs sahen die flächigen Werke Disneys und anderer klassischer Zeichentrickstudios zunächst hoffnungslos altmodisch aus. Eine Rezeption, die sich später wieder relativierte, auch aufgrund der unglaublichen Fülle an CGI-Animationen, die in den Jahren nach TOY STORY nur selten die Qualitätsstandards einer PIXAR-Produktion erfüllten.
TOY STORY überzeugte nicht nur auf visueller Ebene. Der Film lieferte auch eine mitreißende Story mit überzeugenden Charakteren, emotionaler Tiefe und – seither ein Trademark der meisten PIXAR-Werke – einer Metaebene, die seine Story einem erwachseneren Publikum auf vielschichtigere Weise erschließen ließ, als es den jüngeren Besuchern bewusst war. Der Film von John Lasseter, dem PIXAR-Gründer und langjährigem Mastermind des Studios, beruhte auf seinem eigenen Fünfminüter TIN TOY von 1988, der seinerzeit als erstes computeranimiertes Werk den Oscar für den besten animierten Kurzfilm gewann. Die Idee war denkbar simpel. Sämtliche Spielzeuge erwachen zum Leben, sobald ihre Besitzer (oder andere Menschen) den Raum verlassen. Sie erleben Abenteuer, verlieben sich oder müssen, wie im Fall TIN TOY gegen eine Bedrohung (in diesem Fall die Hauskatze) kämpfen.
In Lasseters erstem abendfüllenden Animationsfilm wurde das Kinderzimmer eines Jungen namens Andy zu einem unwiderstehlichen Universum, das mit einer ganzen Reihe an komplexen Figuren bevölkert wurde, deren unbestrittener Star aber eine alte Stoffpuppe mit Holzkopf, der Cowboy Woody (gesprochen von Tom Hanks), war. Mit der Ankunft eines modernen Plastik-Spielzeugs, des Space Rangers Buzz Lightyear (Tim Allen), wird die sorgsam gehegte Ordnung in Andys Zimmer gehörig durcheinandergebracht, zumal Buzz auch noch fest davon überzeugt ist, ein echter Space Ranger auf gefährlicher Mission zu sein. Nach einem Ausflug ins Nachbarhaus, in dem ein anderer Junge großen Spaß daran findet, seine Spielzeuge zu „foltern“ und zu zerstören, dem sie nur gemeinsam entkommen können, lernt Woody, dass es nicht darauf ankommt, in Andys Zimmer die Nummer Eins zu sein, während Buzz erkennen muss, dass seine Existenz eine andere ist, als die ihm einprogrammierte.
Die existentialistische Komponente von TOY STORY verstärkt sich noch in seinen beiden nicht minder brillanten Nachfolgern. In TOY STORY 2 (1999) wird Woody von einem schmierigen Händler entführt, der in der alten Puppe eine Rarität von hohem Sammlerwert erkennt. Woody erfährt, dass er kein Einzelstück, sondern Teil eines in den 1950er Jahren sehr populären Ensembles war, zu dem unter anderem auch das Cowgirl Jessie (Joan Cusack) gehört. Gemeinsam mit den anderen Spielzeugen, kann Buzz Woody und Jessie befreien und lernt nebenbei noch seinen „Vater“, den Imperator Zurg, kennen. Wie schon sein Vorgänger war auch TOY STORY 2 ein Riesenhit und gewann als erster animierter Film den Golden Globe für den besten Film des Jahres in der Kategorie Comedy or Musical. Spätestens dieser Erfolg veranlasste die Oscar-Academy, im darauffolgenden Jahr eine eigene Kategorie für den besten animierten Spielfilm einzuführen, in der PIXAR bis heute elf Oscars gewinnen konnte, mehr als jedes andere Studio.
Mit TOY STORY 3 (2010) fand die Geschichte um Andy und seine Spielsachen einen vorläufigen hochdramatischen Abschluss. Andy verlässt am Ende sein Heim, um zum Studium in eine andere Stadt zu ziehen. Da er dem Spielzeug-Alter längst entwachsen ist, droht die Gemeinschaft erneut auseinander zu brechen, in alle Winde zerstreut zu werden oder schlicht auf dem Müll bzw. in der Müllverbrennungsanlage zu landen. Wie Woody, Buzz, Jessie und die anderen ihrem drohenden Schicksal entgehen, auf dem Weg noch neue Freunde machen (unter anderem Barbie und Ken, Totoro und einen bayrisch kalauernden Igel) und schließlich ein neues Heim bei Andys kleiner Nachbarin Bonnie finden, ist eine wahre Odyssee mit einer ganzen Reihe an dramatischen, actiongeladenen, emotionalen Höhepunkten und abermals existentialistischem Tiefgang. Wer bei der Schlussszene nicht vor Rührung ein paar Tränen verdrückt, hatte entweder keine eigene Kindheit oder schlicht kein Herz. TOY STORY 3 spielte als erster animierter Film mehr als eine Milliarde Dollar ein und gewann als erster Film des Franchise den Oscar für den animierten Film (TOY STORY hatte seinerzeit noch einen Spezialoscar gewonnen).
Der immense Erfolg der ursprünglichen Trilogie und wohl auch ein Mangel an neuen Ideen, veranlasste PIXAR, 2019 einen weiteren Film zu veröffentlichen. Wider Erwarten konnte auch TOY STORY 4 im Großen und Ganzen überzeugen, auch wenn er qualitativ nicht mehr ganz an seine Vorgänger heranreichte. Der Film endet mit Woodys Abschied, der, nachdem er seine alte Liebe, die zu einer Action-Heroin gewandelte Porzellanprinzessin Bo Peep (Annie Potts) wiederfindet und mit ihr zu neuen Abenteuern aufbricht. Auch dieser Film stellte einen neuen Publikumsrekord auf (1,5 Milliarden $ Einnahmen weltweit) und wurde als bester animierter Spielfilm ausgezeichnet, womit Teil 3 und 4 des TOY STORY-Franchise als einzige Sequels diesen Oscar gewinnen konnten.
Da Geld eine schöne Sache ist und viel Geld noch viel schöner, war es nur eine Frage der Zeit, bis PIXAR zu seiner populärsten Filmreihe zurückkehren würde. Seit wenigen Tagen ist nun also die fünfte Auflage der Abenteuer von Buzz und Woody im Kino zu sehen, wobei die Hauptrolle diesmal Cowgirl Jessie übernommen hat, die seit Woodys Abgang als Sheriff den gemeinschaftlichen Spaß in Bonnies Kinderzimmer orchestriert. Während Buzz noch hadert, Jessie endlich seine Liebe zu gestehen, erscheint eine neue Bedrohung. Denn Bonnie ist zwar ein sehr nettes und fantasievolles Mädchen, doch die anderen Kinder wollen nicht so recht mit ihr spielen und machen sich über sie lustig, weil sie noch an ihren alten Spielsachen hängt.
Das moderne Kind spielt mit elektronischen Medien: Handys, Tablets etc. Bonnies besorgte Eltern befürchten, dass ihre Kleine den Anschluss verliert. Und so kommt es, wie es kommen muss. Der neueste Zugang in Bonnies Reich ist ein Lilypad (Greta Lee), das selbstbewusst und smart seine Besitzerin mit anderen Kids connected. Den Sturm der Entrüstung, mit dem die „etablierten“ Spielzeuge, angeführt von Jessie, Lilypad in die Schranken weisen wollen, kontert das hinterlistige Tablet mit einer angeblich von Bonnie verfassten Aufforderung an ihren Vater, die alten, nun nutzlosen Spielsachen doch in einer Kiste in der Garage zu verstauen.
„Aussterben? Nicht schon wieder!“ entfährt es dem ewig ängstlichen Plastik-Dino Rex. Doch Jessie lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Ihre Suche nach einer echten Freundin für Bonnie führt sie schließlich an den Ort ihrer größten Enttäuschung. Abermals müssen sich die Spielzeuge mit anderen, auch elektronischen, zusammenraufen, um auch dieses turbulente Abenteuer zu einem versöhnlichen Abschluss zu führen.
TOY STORY 5 reicht wie schon sein direkter Vorgänger nicht an die Klasse der ersten drei Filme heran und anders als TOY STORY 4, der zumindest visuell die Latte nochmal etwas höher gelegt hat, kann er auf dem Feld der Animation keine Innovationen vorweisen. Das Drehbuch enthält einige Logiklöcher und allzu einfache Lösungen und die existentialistische Tiefe der ersten Filme ist hier nur noch als Remix schon besprochener Probleme erkennbar.
Dennoch ist TOY STORY 5 eine äußerst unterhaltsamer Kinospaß, der einen nochmal mit Wehmut auf die ersten Begegnungen mit diesem wunderbaren Figurenensemble schauen lässt. Es war eine lange Reise. Wir sind alle etwas älter geworden (30 Jahre!). Viele von uns haben inzwischen selbst Kinder in Bonnies oder gar Andys Alter. Und den Herausforderungen, die die digitale Welt, Social Media und Sozialdruck für uns, vor allem aber für unsere Kleinsten, bedeuten, stehen auch wir oftmals hilflos gegenüber. TOY STORY 5 liefert keine echten Lösungen. Aber er appelliert an unsere Verantwortung, unseren Kindern eine echte Kindheit zu bewahren – was auch immer das im Einzelfall ist – mit und ohne elektronische Toys. Er ist damit der erste TOY STORY-Film, der sich primär an die Elterngeneration wendet. Denn die eigene Imagination, das zelebriert der Film in einigen wie handgezeichnet aussehenden Sequenzen (den schönsten im Film), ist stärker als jede vorgegebene und konfektionierte Computeroberfläche.
TOY STORY 5 läuft seit dem 23. Juli im Kino.
Mögliche Oscarnominierungen: Animierter Spielfilm, Original Song
Thomas Heil
TOY STORY 5, Regie: McKenna Harris und Andrew Stanton, in der OV mit den Stimmen von: Joan Cusack, Tim Allen, Tom Hanks, Greta Lee, Conan O’Brien, Scarlett Spears, Tony Hale, Wallace Shawn, Bad Bunny, Keanu Reeves, Annie Potts, Alan Cumming u.v.a.