Toxische Männer und (Wahl)familien: Die Preisträger*innen des 79. Locarno Film Festivals


Ob der Hong Sangsoo-Effekt sich bei zu starkem Konsum irgendwann verbraucht? Es ist nicht zu hoffen, denn NOWHERE TO LAY MY EYES (NUN DUL DEGA EOMNE) ist eine unaufgeregte und sehr humorvolle Perle in diesem Locarno-Wettbewerb, und sie ging gleich mit zwei Preisen heim: Hong Sangsoo wurde als Bester Regisseur ausgezeichnet und Kim Minhee als Beste Schauspielerin (sie teilte sich die Ehrung mit Monica Belluci für KETTICÈ von Giovanni Tortorici).

NOWHERE TO LAY MY EYES kommt als Momentaufnahme daher: Sanghee besucht mit ihrem Bruder ihre Mutter – zum ersten Mal seit 10 Jahren. Dabei lernen sie auch deren neuen Partner kennen, und dessen Tochter, die in einer depressiven Phase wieder eingezogen ist und Bilder anderer Künstler*innen abmalt. Der Trip dauert insgesamt keine 24 Stunden, und ist doch eine Anstrengung für alle Involvierten, die Entfremdung in jeder Sekunde spürbar. Alle stellen sich Fragen, für deren Antworten sie sich nicht wirklich interessieren, hören nicht zu, oder reden am Schluss nur über sich selbst. In der Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung entsteht der leise Humor. Vielleicht reicht es ja auch, wenn man die Familie alle 10 Jahre mal sieht?

In THE RIVERBANK (A MARGEM DO RIO) von Matheus Farias und Enock Carvalho (Special Jury Prize) ist die Kernfamilie nicht nur schwierig, sondern im Grunde unerträglich: Immer, wenn Izaquiel seine Eltern doch mal besucht, halten sie ihm vor, dass er schwul ist, wollen ihn bekehren. Kein Wunder, dass er schon früh ausgezogen ist, um inmitten seiner Community, seiner Wahlfamilie, zu leben. Hier haben sie sich gegenseitig gerettet, unterstützen sich, sorgen sich umeinander. Doch Izaquiel zieht es nachts raus an den Mangrovenwald am Fluss in Recife, einer Cruising-Area, die allerdings verstärkt zum Ziel homofeindlicher Übergriffe und sogar Morde wird. Hier begegnet Izaquiel einem charismatischen Fischer, dessen Augen und Aura andere Realitäten andeuten. Matheus Farias und Enock Carvalho entwerfen mit THE RIVERBANK eine überzeugend dystopische Welt mit Fantasie-Momenten, gar nicht ganz so weit vom Hier und Jetzt entfernt ist, zumal queerfeindliche Angriffe, wie erst zuletzt auf dem CSD in Berlin, zunehmen. Dabei bleibt THE RIVERBANK erfrischend großzügig mit seinem Helden, dem diverse Herzen in der Brust schlagen: Er möchte in Sicherheit sein und sucht doch die Gefahr, er hat seine religiösen Eltern verlassen, arbeitet aber als Putzkraft für eine Freikirche und spürt dort, dass er Gott trotz allem immer noch liebt. Doch am Ende lässt sich die Zerrissenheit nicht leben und Izaquiel muss sich entscheiden.

Abseits der hell erleuchteten, repräsentativen Orte und unter der Oberfläche pulsiert auch beim Pardo d’Oro-Gewinner YOU DON’T BELONG HERE (NU E LOCUL TĂU AICI) von Florin Șerban das Unglück. Das 150-minütige Drama wirft anhand eines Vater-Sohn-Verhältnisses ein unbarmherziges, düsteres und mikroskopisch genaues Licht auf die polarisierte rumänische Gesellschaft: Da ist der Vater, Marius, einst ambitionierter Chirurg, nunmehr nur Chef des hiesigen Krankenhauses, der an der eigenen Mittelmäßigkeit verzweifelt. Und da ist Ioan, sein Sohn, den der Vater längst in Verdacht hat, zu den marodierenden Motoradbanden zu gehören, die nachts in einem vorrangig von Rom*nja bewohnten Stadtviertel die Reifen aufschlitzen und auf Autodächern enervierend-bedrohende Botschaften auf Schildern hinterlassen: „Du gehörst hier nicht her“. Bis einer von ihnen auch einen Rom*nja-Mann tötet, und die Eskalation ihren Lauf nimmt. YOU DON’T BELONG HERE beschreibt die Entwicklung vom Auseinanderleben hin zur Konfrontation als unglaublich zähen Prozess, und zwingt auch das Publikum immer wieder zum Aushalten: Das ist mal die lange Kameraeinstellung, die das Treppenhaus zeigt, durch das Ioan doch irgendwann endlich mal laufen muss, oder ein nicht-enden-wollender Moment, in dem Marius seiner Geliebten sein Mittelmaß vorheult, damit sie… ja, was eigentlich? Ihn tröstet – oder ihm doch sagt, dass er ein ganz toller Typ ist? YOU DON’T BELONG HERE, der leider durch sein konstruiertes Ende an Wucht verliert, hat keine Antworten auf die Frage parat, wie man Radikalisierung verhindert, und der Spaltung der Gesellschaft etwas entgegensetzt. Auch nicht, wie man dem tiefsitzenden Machismo in der (rumänischen) Gesellschaft, die im Übrigen alle Bevölkerungsgruppen gleich stark betrifft, entkommt. Oder die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbricht. Șerbans Drama hält höchstens die beunruhigende egalitäre Erkenntnis bereit, dass es hinter den meisten Fassaden, die wir uns bei Klassentreffen gegenseitig präsentieren, mächtig bröckelt und wir damit alle im selben Boot sitzen.

Auch die Cousinen Guille und Belinda hätten vielleicht nicht so große Lust, sich bei einem Klassentreffen wieder vorzustellen: Sie sind die Protagonist*innen von THE ILLUSION OF AN EVERLASTING SUMMER (LA ILLUSIÓN DE UN VERANO SIN FIN), der den Pardo d’Oro in der Sektion „Concorso Cineasti del Presente“ und den Swatch First Feature Award für sich reklamieren konnte. Alessandra Sanguinetti, die sich bereits als Fotografin – vorrangig mit Porträts von Guille und Belinda – einen Namen gemacht hat, zeichnet mit ihrem Dokumentarfilm nun die Beziehung der beiden nach. Dafür hat sie ihr eigenes Videomaterial verwendet, das in den 25 Jahren seit ihrer ersten Begegnung entstanden ist. Wir sehen die beiden in kindlicher Ausgelassenheit, mit großen Träumen für die Zukunft (Tänzerin! Schauspielerin!) und wie so oft bei Kinder-Archivaufnahmen, kann man sich auch kaum vorstellen, dass zwei so sprühend-funkelnde Frohnaturen überhaupt zwei so andere erwachsene Menschen werden können. Aber werden sie eben doch, weil das Leben dazwischenkommt: Belinda ist bereits mit 18 verheiratet und schwanger, Guille zieht ein paar Jahre später nach. In den späteren Aufnahmen, die mit teilweise ziemlich starken Zeitsprüngen montiert sind, findet zusehends eine Ernüchterung statt, ein Ankommen, vielleicht auch: Ein Sich-Abfinden. Da fühlt man wehmütig mit. Und doch sind die Fotos, um die herum die Videoaufnahmen entstanden sind, der gültigste Ausdruck dieses kindlichen Möglichkeitsraumes, der auch die prekäre und teilweise improvisierte Lebenssituation der beiden immer mitabbildet. Der Film an sich wirkt – auch wegen der oftmals uninspirierten Fragen aus dem Off – wie ein Making-of-Beiwerk, wenn auch ein liebevolles.

Hätte Marie Ketzscher Preise vergeben, es wären ein paar mehr Filme von Frauen ausgezeichnet worden… Zum Beispiel: Luise Donschens MORGEN VOR LANGER ZEIT (mutig, konsequent und toll montiert) und Camille Zéhennes LAS DAMAS (großartiges queeres Coming-of-age meets postkoloniale Archäologie-Betrachtung). Mindestens ein Special Mention hätte es dann für Charlyne Genouds RESPIRER UNE FOIS SUR TROIS (für ihr herzerwärmende Porträt dreier Powerfrauen Ü60) gegeben, der ja aber zumindest einen Swiss Newcomer Award erhalten hat.