„Bedürfnisse bestimmen unsere Lebensweise“ – Interview mit dem Künstler Wilhelm Sasnal zu THE ASSISTANT


Der polnische Künstler Wilhelm Sasnal ist neben seiner Tätigkeit als Maler auch als Filmemacher aktiv. Zusammen mit seiner Partnerin Anka Sasnal hat er mehrere Filme gedreht, die unter anderem bei der Berlinale und in Locarno gezeigt wurden. Beim 21. filmPOLSKA Festival in Berlin stellten sie ihren aktuellen Film THE ASSISTANT (CZŁOWIEK DO WSZYSTKIEGO) vor, der auf Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts basiert. Im Interview mit Henning Koch sprach Wilhelm Sasnal über die Zusammenarbeit als Künstlerpaar, die Zeitlosigkeit von Walsers Erzählungen und das Verhältnis zur Malerei.

Ich konnte THE ASSISTANT letztes Jahr beim London Film Festival sehen. Was mir besonders gefallen hat, ist, dass der Film den Eindruck vermittelt, als sei er aus der Zeit gefallen. Manche Teile sehen wie ein Historienfilm aus, während andere ganz offensichtlich in der Gegenwart spielen. Warum haben Sie die Geschichte in dieser zeitlich unbestimmten Epoche angesiedelt?

Wilhelm Sasnal: Der Hauptgrund war, dass das Thema des Buches – die unsichere Lage, die ungewisse Zukunft und die prekäre Situation des Protagonisten – auch heute noch durchaus aktuell ist. Ich glaube, diese Situation ist zeitlos. Das System, in dem die Familie des Erfinders und [des Protagonisten] Joseph Marti leben, besteht nach wie vor. Bedürfnisse bestimmen unsere Lebensweise. Im Wesentlichen ist der Film ein Historienfilm mit Elementen aus der Gegenwart, um zu zeigen, wie Martis Zeit und die heutige Welt miteinander verbunden sind.

Es verdeutlicht auch die Absurditäten der heutigen Zeit. Wie sind Sie mit Robert Walsers Romanvorlage in Berührung gekommen?

WS: Ich kannte Walsers Werk bereits zuvor. Ich fand seine Kurzromane schon immer sehr interessant. Aber dieser Roman, „Der Gehülfe“, unterscheidet sich sehr von all seinen anderen Werken, weil die Handlung so klar ist. Ich glaube, deshalb war die Adaption so einfach. Ich fühle natürlich eine Sympathie für Joseph Marti, da ich weiß, dass er für Robert Walser steht, denn der Roman ist autobiografisch. Alle seine Geschichten sind autobiografisch.

Vor einigen Jahren habe ich bereits einen Ihrer anderen Filme gesehen, nämlich PARASITE (HUBA) (2014). Mir ist aufgefallen, dass Sie analogen Film offenbar sehr mögen und aus ästhetischen Gründen einsetzen. Bei beiden Filmen haben Sie die Kamera geführt.

WS: Wir haben nur einmal versucht, digital zu drehen. Aber die Kamera hat mir nicht gefallen, weil sie keinen Sucher hat und man alles nur auf einem Bildschirm sieht. Ich mag die Beziehung, die ich zu dem habe, was vor der Kamera ist, wenn ich durch einen Sucher schaue. Das wirkt anders. Da ist eine gewisse Intimität dabei. So habe ich auch angefangen, Filme zu machen, denn ich habe während meines Studiums mit Super 8 begonnen. Obwohl ich Kunst studiert habe, orientierte sich meine Ästhetik eher an Videoclips als an Kunstfilmen. Ich habe Videoclips gedreht, bei denen viel Musik im Mittelpunkt stand. Sie waren zwar immer experimentell, aber die Kombination aus Musik und bewegtem Bild war mir sehr wichtig. Anka kommt aus der Literatur. Daher ist es gewissermaßen ganz natürlich, dass wir uns zusammengetan haben, um Spielfilme mit richtigen Handlungen zu drehen.

Wie arbeiten Anka und Sie als Team zusammen? Wie gehen Sie gemeinsam an Filmprojekte heran?

WS: Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Am Anfang würde ich sagen, dass unsere Beteiligung jeweils zur Hälfte war. Wir haben angefangen, Filme zu drehen, gemeinsam Drehbücher zu schreiben, Szenen zu erfinden und so weiter. Aber dann war Ankas Schwerpunkt anders als meiner, glaube ich. Alle unsere Filme außer PARASITE basieren auf Romanen und Literatur. Was mich an einem Roman interessiert, unterscheidet sich oft von dem, was Anka daran interessiert. Daher haben wir beschlossen, dass es bei jedem Projekt eine Person geben muss, die die treibende Kraft ist. In diesem Fall wusste ich von Anfang an, fast schon ab der ersten Seite, dass ich einen Film basierend auf „Der Gehülfe“ drehen wollte. Anka war sich da nicht so sicher, also habe ich das Drehbuch selbst geschrieben. Aber dann hat Anka natürlich am Set Regie geführt. Es gibt etwas, das ich gar nicht genug loben kann: Ich lerne immer noch viel von ihr, insbesondere davon, wie sie mit den Schauspielern über Figuren spricht. Das ist etwas ganz Besonderes. Diese Fähigkeiten habe ich nicht. Das liegt unter anderem an der Art meiner Arbeit, denn in erster Linie bin ich Maler. Das ist eine ganz andere Tätigkeit, so anders als am Filmset zu sein.

Angesichts Ihres Interesses an Musikvideos ist die Musikauswahl in THE ASSISTANT sehr interessant, da sie die Szenen so anachronistisch und divers untermalt.

WS: Als ich das Drehbuch schrieb und über den Film nachdachte, ganz am Anfang des Projekts, habe ich bereits überlegt, welche Musik gut dazu passen würde. Es gibt vielleicht sogar zwei oder drei Szenen, die nur wegen der Songs gedreht wurden. Die Auswahl der Musik ist mir sehr wichtig, und ich gehe dabei sehr sorgfältig vor. Im Grunde kann ich mich sehr schnell in bestimmte Musikstücke verlieben. Es fällt mir schwer, sie aus meinem Kopf und aus dem Film zu verbannen.

Wenn Sie sagen, dass man beim Blick durch die Kamera zum Beobachter wird, sehen Sie da irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen dem Filmemachen und der Malerei?

WS: Das ist eine Frage, die immer wieder auftaucht, und ich versuche stets, sie zu verneinen. Denn das sind zwei verschiedene Bereiche. Wenn ich male, weiß ich genau, was ich male. Ich wähle das Bild sorgfältig aus. Beim Film hingegen ist es völlig intuitiv. Ich kann nicht behaupten, dass wir mit einem festen Plan ans Set kommen. Ich komme mit der Kamera und schaue mir an, wie sich die Schauspieler bewegen. Erst dann entscheide ich, ob ich ein Stativ benutze oder den Schauspielern mit der Kamera auf der Schulter folge. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kamera der entscheidende Protagonist im Film ist. Von der Malerei lasse ich mich jedoch nicht besonders inspirieren. Vielmehr lasse ich mich davon inspirieren, die Realität zu beobachten.

Das Interview führte Henning Koch