Ein Blick über den Tellerrand – die 21. Ausgabe von filmPOLSKA


Wenn der Sommer am Ausklingen ist und die Kinobranche auf die kommende Award-Season schaut, ist Festival-Zeit. Venedig, Toronto, Telluride, New York, London laden zur internationalen Werkschau ein und in Berlin zeigt das größte Festival des polnischen Films außerhalb Polens zum 21. Mal einen Ausschnitt aus dem wieder einmal beeindruckenden cineastischen Output unseres Nachbarlands. Das polnische Kino begeistert Filmfans weltweit seit eh und je und filmPOLSKA präsentiert auch in diesem Jahr einige Perlen. Auffallend ist bei dieser Ausgabe von filmPOLSKA der Fokus vieler Filmemacher auf Geschichten, die erst auf den zweiten oder dritten Blick einen Bezug zu Polen haben. Aber Kino ist eine internationale Kunstform und das Interesse an Menschen und Schicksalen außerhalb des eigenen Erfahrungsraums bringt uns diese näher und öffnet zugleich neue Perspektiven zu unserem Selbstverständnis.

Aktuelle Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme werden in verschiedenen Sektionen gezeigt. Gemein ist ihnen allen das Interesse am Menschen hinter der Geschichte. Der Eröffnungsfilm, das opulente Biopic CHOPIN, CHOPIN! (CHOPIN. EINE SONATE IN PARIS/R: Michał Kwieciński) deutet schon im Titel den zweideutigen Blick auf das musikalische Genie an – auf den öffentlich gefeierten Star, aber auch dessen privates Scheitern.

Im Wettbewerb stehen sieben Arbeiten von Nachwuchsregisseur_innen. Neben Dokumentarfilmen über die Ausbeutung lateinamerikanischer Gastarbeiter (CAPO/R: Robert Kwilman), den vietnamesischen Sohn eines amerikanischen Soldaten (CHILD OF DUST/R: Weronika Mliczewska), eine Silber-Mine in Bolivien (SILVER/R: Natalia Koniarz) oder eine kurdische Stadt, die einem Staudamm weichen soll (MIASTO. KTÓRE WYJECHAŁO/THE TOWN THAT DROVE AWAY/R: Natalia Pietsch und Grzegorz Piekarski), gibt es auch die bildgewaltige Dystopie KRÓLESTWO (KÖNIGREICH/R: Michał Ciechomski), die Coming-Of-Age/Fantasy-Komödie LARP. MIŁOŚĆ, TROLLE I NNE QUESTY (LARP/R: Kordian Kądziela), die ein großer Publikumserfolg war oder das Gen Z-Drama NIE MA DUCHÓW W MIESZKANIU NA DOBREJ (ES GIBT KEINE GEISTER IN DER WOHNUNG IN DER GUTEN STRASSE/R: Emi Buchwald).

Für das Panorama sind in diesem Jahr „Extremsituationen“ angekündigt. In sechs Filmen müssen die Protagonist_innen mit Herausforderungen zurechtkommen. So wird in DOM DOBRY (HOME SWEET HOME/R: Wojciech Smarzowski) häusliche Gewalt thematisiert und in der Tokarczuk-Verfilmung ZIMA POD ZNAKIEM WRONY (WINTER IM ZEICHEN DER KRÄHE) blickt Regisseurin Kasia Adamik auf die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 zurück, während in der Feel-Good-Sozialstudie MINISTRANCI (THE ALTAR BOYS/R: Piotr Domalewski) vier Teenager auf eigene Faust für Gerechtigkeit sorgen.

Die Retrospektive widmet sich aus Anlass des „Andrzej-Wajda-Jahres“ dem berühmten Regisseur, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, und der von ihm zwischen 1972 und 1983 geleiteten Produktionsgruppe „X“, die jungen Regisseur_innen wie Agnieszka Holland, Feliks Falk, Janusz Zaorski, Ryszard Bugajski oder Jerzy Domaradzki erste Filme ermöglichte. Über 80 Filmprojekte wurden von „X“ co-produziert und gegen teils erhebliche politische Widerstände durchgesetzt. In dieser Zeit entstand ein „Kino der moralischen Unruhe“, psychedelischen Literaturverfilmungen und metaphorische Historiendramen. Diese Filme bildeten das sich verschärfende soziale Klima im Polen der 1970er Jahre ab und ist natürlich auch vom Aufkommen der Solidarność-Bewegung Anfang der 1980er Jahre geprägt. Die Retrospektive zeigt fünf Filme von Wajda, unter anderem die beiden korrespondierenden Cannes-Erfolge CZLOWIEK Z MARMURU (DER MANN AUS MARMOR, 1977) und CZLOWIEK Z ZELAZA (DER MANN AUS EISEN, der 1981 die Goldene Palme gewann) und den in Frankreich entstandenen DANTON (1983). Außerdem sind zum Teil düster-verstörende Werke von Holland, Bugajski, Zaorski und Andrzej Żuławskis Horrorfilm DIABEŁ (1972) zu sehen.

Ein Special „Zwei Herzen. Berlin – Warschau“ widmet sich der seit 35 Jahren bestehenden Partnerschaft der beiden Hauptstädte Polens und Deutschlands. Wie der Titel andeutet, stehen grenzüberschreitende Liebesgeschichten im Fokus. Der Low-Budget-Film ERUPCJA (R: Pete Ohs) wartet darüber hinaus mit dem Schauspieldebüt des britischen Popstars Charlie XCX auf.

Zwei Angebote dürften für zukünftige Filmschaffende interessant sein: bei Pitching „Wajda School New Talents“ können junge Filmemacher_innen ihre Projekte internationalen Produzent_innen vorstellen. Der Workshop „How To Make Your First Film – From Idea To Premiere“ mit Regisseurin Agnieszka Smoczyńska soll ebenfalls helfen neue Projekte anzuschieben. Die Reihe „Kunst im Kino“ widmet sich mit „Breathe in, Berlin“ verschiedenen Aspekten des Atmens, vom Verlust der Stimme, Reflexion über die Stille und Gesang bis hin zum Atem als Ausdruck des Widerstands und der emotionalen Verbindung zwischen Menschen.

Wer am Samstag, den 12.09., nach dem Kinobesuch noch nicht nach Hause gehen will, kann in der 131 Bar bei der obligatorischen filmPolska-Party noch die Nacht zum Tage machen und zu den Beats von Oramics tanzen. Das feministische Kollektiv fördert Frauen, queere und nicht-binäre Menschen und bietet einen Mix aus House, Techno, Trance und Minimal. Gemeinsam mit den polnischen DJs Halina World und Monster werden die beiden aus der Ukraine stammenden und in Berlin lebenden DJs nuarrrrr und Ksenia K auflegen.

Thomas Heil

Hier findet ihr die Tipps der Redaktion:

CHILD OF DUST (DZIECKO Z PYŁU)

Darum geht es:
Sang, ein einfacher Bauarbeiter und Familienvater in Vietnam, fühlt sich seit seiner Kindheit als Außenseiter. Der Sohn einer Vietnamesin und eines G.I.s unterscheidet sich schon phänotypisch von seinen Mitmenschen. Als Nachfahre eines Amerikaners blickt er auf eine schwere Kindheit zurück. Ausgestoßen und ungeliebt schlägt er sich, seit er 14 ist, als ungelernter Arbeiter durchs Leben. Nun, mit Mitte 50, erfährt er über einen DNA-Test, wer sein Vater ist. Bis Sang und sein Vater sich endlich gegenüberstehen, hat Sang einige Hürden zu überwinden. Das Programm, das ihn mit seiner amerikanischen Familie zusammenführen soll, erlaubt nur ihm die Ausreise. Sang muss seine Frau, seine Tochter und seinen geliebten Enkel zurücklassen, in der wagen Hoffnung, sie irgendwann in die USA nachholen zu können. Die Familienzusammenführung gestaltet sich auch vor Ort schwieriger als erwartet, denn Sangs amerikanische Verwandtschaft ist von Konflikten und Brüchen und einer gewissen emotionalen Unterkühlung geprägt. Schon bald spürt Sang, dass er in beiden Welten ein Außenseiter ist und bleibt.

Was du zum Film wissen musst:
Weronika Mliczewska und ihr Team begleiten Sang über mehrere Monate auf seiner emotionalen Reise. Die tiefen Gräben, die der Vietnamkrieg zwischen beide Länder riss, sind auch ein halbes Jahrhundert später noch spürbar. CHILD OF DUST wurde schon auf etlichen Festivals gezeigt und war als bester Dokumentarfilm und für die Musik für den Polnischen Filmpreis nominiert. Beim Krakow Film Festival wurde er für den Schnitt und als bester internationaler Dokumentarfilm ausgezeichnet. Außerdem gab es Preise bei den Film Festivals in Thessaloniki, Shanghai, Chania, Koszalin, Maine, San Francisco, beim DC Independent Film Festival, beim WATCH DOCS Festival in Warschau und beim Festival International Signes de nuit. – TH

Termine beim 21. filmPOLSKA:
Samstag, 12.09.2026, 18:00 Uhr, Sputnik Kino
Sonntag, 13.09.2026, 15:00 Uhr, fsk Kino
Montag, 14.09.2026, 20:15 Uhr, Bundesplatz-Kino

THE ASSISTANT (CZŁOWIEK DO WSZYSTKIEGO)

Darum geht es:
Nachdem Christoph (Piotr Trojan) seine Anstellung in einer altertümlichen Buchbinderfabrik verliert, heuert er als Assistent des Ingenieurs Tobler (Andrzej Konopka) an, der mit seiner Ehefrau (Agnieszka Żulewska) und Tochter auf einem imposanten Gutshof in der polnischen Provinz wohnt. Dort mangelt es ihm an nichts: Er bekommt ein kleines Zimmer und gutes Essen gestellt. Herr Tobler präsentiert sich als erfolgreicher Geschäftsmann und imponiert ihm mit seiner Idee, Werbeuhren an Bahnhöfen anzubringen und damit das große Geld zu verdienen. Was sein Chef genau macht, bleibt ihm verborgen. Nicht jedoch, dass sich die Mahnungen stapeln, Angestellte entlassen werden und Gerüchte im Dorf die Runde machen. Dennoch hält Christoph blindlings an dessen Vision fest und macht sich damit zu einem Verbündeten und Spielball von Frau Tobler.

Was du zum Film wissen musst:
Das Künstlerpaar Wilhelm und Anka Sasnal wandelt in seinem Werk zwischen Malerei und Film. Ihre wunderbare Gesellschaftsparodie THE ASSISTANT basiert auf Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts und scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein, wann genau sie eigentlich spielen will. Die Kostüme, Sprache und das Setdesign auf dem Gutshof könnten einem historischen Drama entstammen, die Uhren im städtischen Umfeld ticken allerdings anders. Gerade in diesem Gegensatz wirkt die scheinbar brillante Werbeidee des vermeintlichen Erfinders Tobler vollkommen aus der Zeit gefallen. Während die Handlung von einem hervorragenden anachronistischen Soundtrack (unter anderem mit Blod, Octo Octa und The Smiths) untermalt wird und auf einen ekstatischen Höhepunkt zusteuert, wirkt das Gezeigte zunehmend absurder – und mit Blick auf die neoliberalen Blasen der Gegenwart umso zeitgemäßer. – HK

Termine beim 21. filmPOLSKA:
Freitag, 11.09.2026, 20:00 Uhr, Klick Kino
Montag, 14.09.2026, 20:00 Uhr, Kino Krokodil
Dienstag, 15.09.2026, 18:00 Uhr, Wolf Kino

TRUST ME (ZAUFAJ MI)

Darum geht es:
Alicja und Sebastian sind ein verheiratetes Paar. Sie haben zwei Kinder und leben auf einem ausgebauten Bauernhof in Brandenburg. Alicja stammt aus Polen, Sebastian aus der DDR. Nach außen wirken sie wie ein Bilderbuchpaar. Doch Sebastians Freiheitsdrang stellt die klassisch-monogame Beziehung irgendwann in Frage. Aus Liebe und Vertrauen (und auch um ihre Ehe zu retten), willigt Alicja ein, ihre Beziehung zu öffnen. Sie experimentieren mit verschiedenen Formen der Liebe. Bald schon erweitert sich ihre Ehe mit Camila zu einer Ménage à trois. Was sich für alle drei zunächst gut anfühlt, ist für Alicja auf Dauer jedoch nur schwer zu ertragen.

Was du zum Film wissen musst:
Joanna Ratajczaks Dokumentarfilm ist ein außerordentlich intimes Porträt eines Paares am Scheideweg. Ratajczak und ihre Kamerafrau Joanna Piechotta sind oft ganz nah am Geschehen. Die große Offenheit, mit der Alicja und Sebastian (und auch Camila) ihre Beziehung, ihre Gefühle und ihr Sexleben zur Schau stellen, liegt gewiss auch in der langjährigen Freundschaft begründet, die Ratajczak mit ihren Protagonist_innen verbindet. „Wo hört Loyalität auf und beginnt Verrat“ lautet der Werbeslogan des Films. Und so steht vor allem Alicja, die in der Konstellation gewiss den schwierigsten Part hat, klar im Fokus des Interesses der Filmemacherin. Ratajczak studierte unter anderem an der Wajda Film School in Warschau und arbeitete seit 2005 als Moderatorin und DJ beim JazzRadioBerlin, was sich auch in der exquisiten Musikauswahl in ihrem Film widerspiegelt. – TH

Termine beim 21. filmPOLSKA:
Sonntag, 13.09.2026, 20:30 Uhr, Sputnik Kino