„Seefeuer“ (Ot: „Fuocoammare“) von Gianfranco Rosi – Goldener Bär


Samuele auf den dichtbewachsenen Klippen Lampedusas. (c) Samuele Pucillo

Samuele auf den dichtbewachsenen Klippen Lampedusas. (c) Samuele Pucillo

Der blinde Fleck

Stockfinster liegt die Nacht über dem Mittelmeer und vereint sich mit ihm zu einer schwarzen Fläche, in der man Himmel und Erde nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Eine Art Schleier des Schicksals, dem sich Menschen blind anvertrauen, weil Hunger, Not und Elend sie aus dem eigenen Haus warfen und auf die See spuckten, um in einer anderen Welt zu stranden, wenn sie es die 70 Seemeilen über das Wasser schaffen. Aus dem OFF ist der verstörende Funkwechsel zwischen einem kenternden Fischerboot und der Küstenwache zu hören. „Bitte, wir brauchen sofort Hilfe.“ „Wo sind Sie?“ „Wir sind 250 Leute.“ „Wo sind Sie?“ „Bitte, wir flehen Sie an!“ „Bleiben Sie ruhig. Ihre Position, bitte!“ Dann bricht der Funkkontakt ab.

Schon die ersten Minuten setzen den Ton. Der Zuschauer wird Augenzeuge des sich täglich abspielenden Dramas im Mittelmeer. Nur sind es diesmal nicht die unzähligen Meldungen aus der Tagespresse, die über die Tragödie einer anonymen Masse berichten. Der Kinosaal blickt verstört in jedes einzelne, vom Trauma gezeichnete Gesicht der Überlebenden und ihrer Retter. Blankes Entsetzen steckt in den verstummten Blicken der Männer, Frauen und Kinder. Und auch der Tod ist allgegenwärtig. Tote und Schwerverletzte werden von den Booten getragen, dehydrierte und fast verhungerte Körper auf Beiboote gezogen. Es sind so viele, dass sie kaum Platz finden auf den Rettungsbooten und fast gestapelt werden müssen. Bilder, die an dunkle, historische Kapitel erinnern und den damals dokumentarischen Blick amerikanischer Alliierter auf die Verbrechen der Nazizeit zu evozieren scheinen.
Doch Gianfranco Rosis Kamera will nicht schockieren, kommentieren oder gar einen voyeristischen Blick füttern. Sie soll lediglich die Gegenwart sichtbar machen – das, was vor seinen Augen geschieht und das Unglück, für das „wir alle mitverantwortlich sind“, wie Rosi sagt, greifbar machen.

Initialzündung für Gianfranco Rosis („El Sicario, Room 164“, „Sagro Gra“) fünften Dokumentarfilm war die Anfrage vom Instituto Luce zu einem zehnminütigen Kurzfilm. Für den Regisseur und Kameramann unmöglich, der es gewohnt ist, in die Welten einzutauchen, die er zu porträtieren versucht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als auf die Fischerinsel zu ziehen. Wie komplex die Situation in Lampedusa ist, begriff er erst vor Ort. Dort begegnete er schließlich auch Samuele und dessen Familie. Sie sind das andere Gesicht der Insel. Ihr Leben dreht sich um die Fischerei, das schlechte oder gute Wetter und eine Radiostation, die traditionelle, sizilianische Canzoni spielt und gern Musikgrüße von den Einwohnern telefonisch entgegennimmt. Kontakt zur sogenannten „Flüchtlingskrise“ haben auch sie fast ausschließlich über die Meldungen aus den Nachrichten. Denn obwohl die Insel nur 20 km² misst, begegnen sich die zwei Welten aus Einwohnern und Gestrandeten offenbar nie.

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