NACKTE TIERE von Melanie Waelde


Marie Tragousti spielt in NACKTE TIERE von Melanie Waelde Katja, die für ihre Freunde unnahbar wie unkaputtbar ist und doch eine Art Fixstern der Clique ist. © Czar Film

Sie küssten und sie schlugen sich

NACKTE TIERE ist ein filmischer Versuch, in die Zoologie der menschlichen Gattung in der deutschen Provinz einzutauchen. Im beinahe (6:5) quadratischen Bildformat werden die Leben der Jugendlichen Katja, Sascha, Benni, Laila und Schöller dargestellt. Doch es sind keine Hochglanz-Aufnahmen in Social Media-Ästhetik, sondern Bilder, wie sie im winterlichen Nirgendwo unzähliger Vorstädte existieren. Mietwohnungskomplexe, Sporthallen, kahle Felder. Die Teenager stehen irgendwo an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein. Das Abitur steht bevor, doch wohin es danach gehen soll, weiß keine*r so genau.

Der schmächtige Benni (Michelangelo Fortuzzi) scheint der verletzlichste von ihnen zu sein. Er kann nicht gut schlafen, schwänzt die Schule, raucht gerne mal ein Tütchen, verliert ab und an die Kontrolle und das Bewusstsein. Sascha (Sammy Scheuritzel) ist scheinbar das genaue Gegenteil: ein stämmiger Kerl, der nicht viel nachdenkt und immer so handelt, wie es ihm gerade passt. Manchmal auch etwas zu impulsiv, wenn er seinen Stiefvater schlägt und dafür eine Anzeige kassiert. Laila (Luna Schaller) und Schöller (Paul Michael Stiehler) sind ein Pärchen. Doch Schöller zweifelt manchmal daran, ob sie es ernst mit ihm meint. Und er hat Interesse an Katja (Marie Tragousti), die irgendwie unkaputtbar zu sein scheint und die Peergroup zusammenhält. Vielleicht will sie mal zum Militär. Doch manchmal wird auch ihr alles zu viel und sie nimmt Reißaus. Ein Grund, warum keiner ihrer Freunde so richtig begreift, wie sie eigentlich tickt.

Sie sind noch nicht erwachsen, aber müssen Verantwortung übernehmen: für sich selbst, für andere – aber vor allem füreinander. Fürsorglichen Eltern, die als Vorbilder agieren, haben sie nicht. Benni wohnt in einer kleinen, heruntergekommenen Wohnung im Plattenbau. Auch Katja hat dort einen Schlüssel, aber manchmal schläft sie woanders. Sascha wohnt noch bei seiner Mutter und seinem Stiefvater, doch er ist nur selten zu Hause. Zusammen mit Katja trainiert er die Kindergruppe beim Judo. Sport gibt ihren ziellosen Leben eine gewisse Struktur und Ordnung. Dort können sie ihren Frust kontrolliert abreagieren und kommen mit ihrer eigenen Körperlichkeit in Kontakt. Genau diese muss jede*r von ihnen erst noch erforschen. Manchmal küssen sie sich und reagieren zärtlich, dann prallen sie wieder gegeneinander und stoßen sich ab. Zu viel Nähe kann auch weh tun. Zum Beispiel, wenn der schlaflose Benni in seinem Zimmer Katja beim Einschlafen beobachtet und sie dadurch keine Ruhe findet und entnervt seine Wohnung verlässt.

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17. September 2020 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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