71. Berlinale: DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE von Ramon Zürcher und Silvan Zürcher – Preis für Beste Regie


DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE © Beauvoir Films

Die Menschen und ihr Lächeln

Ein Presslufthammer bohrt in Asphalt und wir sehen Risse. Risse, die größer werden, wachsen und tiefer wuchern und doch geht es nicht hinein in mögliche Abgründe. Abgründe sind da an der Oberfläche für Lisa und Mara. Auf den Tisch gelegt werden sie jedoch nicht. Die Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher kreieren mit DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE den tragischkomischen zweiten Teil einer Trilogie über menschliches Zusammensein.

Lisa (Liliane Amuat) zieht in ihre erste eigene Wohnung, jahrelang hat sie mit Mara (Henriette Confurius) in einer WG gewohnt. Auf einem Drahtseilakt zwischen intimer Verbundenheit und desillusionierender Entfremdung balancieren die beiden Mitbewohnerinnen mal aufeinander zu, meist jedoch voneinander weg. Während Lisa der neuen Ära voller Vorfreude entgegen sehnt, löst diese für Mara ein Wechselbad der Gefühle aus. Sie ritzt mit einem Messer in die Arbeitsfläche der Küche und schüttet Kaffee auf den Hund.
In einem fast kammerspielartigen Setting setzt die dialogorientierte Handlung am Tag vor Lisas Auszug ein. Dreh- und Angelpunkt sind die ausgeleuchteten Innenräume perfekter Wohnungen im Haus von Mara und Lisa. Die Türen stehen oft offen. Manchmal schauen Nachbarn*innen vorbei. Räume, Küchen und Badezimmer werden nicht durch klassische weite Einstellungen eingeführt. Dafür sehen wir in nahen Kadrierungen Gesichter und Beklemmungen, die weg gegrinst werden und spüren Anspannungen und Sehnsüchte einer fleißigen Umzugsgruppe.
Neben Lisa packen auch Mara, Lisas Mutters Astrid und ein Umzugshelfer eifrig mit an. Der Schrank muss auseinander genommen, der Schimmel im Bad beseitigt oder der Boden gefegt werden. Während schier unendlicher Aufgaben kommen unterschwellig Konflikte auf, die zu riesigen Elefanten im Raum werden, aber zu groß sind für das konfliktscheue Figurenensemble. Statt Aussprache, Kommunikation, Konfrontation oder bösen Blicken wird gute Miene zum bösen Spiel.
Ungemein beklemmend sind semantisch nicht funktionierend Dialoge und der stetige Performance-Druck der Figuren, lächeln zu müssen, ohne es zu meinen. Maras Lächeln wird in solchen Momenten oft schief oder dauert eine gefühlte Ewigkeit. Henriette Confurius spielt Mara mit einer beeindruckenden Strahlkraft und großen Ruhe. Äußerst facettenreich verkörpert sie die Ambivalenz zwischen ihrer äußeren Performanz und ihren inneren Abgründen.
Insbesondere Mara und Lisas Mutter Astrid sind Meisterinnen im Spiel darin, das Offensichtliche zu kaschieren, das keine aussprechen möchte. Stattdessen werden düstere Geschichten erzählt. So berichtet Astrid Mara beim Klamotten-Einsortieren von Lisas Daunendecke. Als Mutter erzählte sie ihrer Tochter, dass kleine Vögel in der Jacke wohnen. Zieht sie eine Feder heraus, stirbt ein Vogel.

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7. Juni 2021 | In Allgemein

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