71. Berlinale: STOP-ZEMLIA von Kateryna Gornostai


Doch auch die sensible Bildsprache des Films trägt dazu bei, das Publikum stark zu involvieren. Kameramann Oleksandr Roshchyn fängt immer wieder flüchtige Momente, Mimiken und Bewegungen ein, die unmissverständliche Gefühle transportieren. Das kann die Unsicherheit sein, nicht genau zu wissen, wie mensch sich in einer großen Runde zu verhalten hat. Das kann die Sorge um den besten Freund sein, wenn dieser unter seiner posttraumatischen Störung leidet. Oder es kann die Anspannung sein, die nach dem Versenden einer entblößenden Nachricht auf Instagram entsteht. Was die Protagonist:innen im Film fühlen, geht konsequent durchs Bild unter die eigene Haut. Und somit braucht STOP-ZEMLIA keine große Geschichte und keinen gefertigten Spannungsbogen, um fesselndes Kino zu sein, denn er schafft eine berstende Intensität durch eine Immersion, die fast schon sinnlich wahrnehmbar ist. Der Film braucht auch keine originellen Fragen zur Lebensrealität von Heranwachsenden zu stellen, denn er aktualisiert die Fragen, die jeher das Leben von Jugendlichen bestimmen, mit viel Respekt.

STOP-ZEMLIA zu sehen ist eine Erfahrung des Schwebens zwischen der eigenen Realität und der so greifbaren emotionalen Wirklichkeit von Masha, Yana und co. Der Film lädt die Zuschauer:innen in seine Liminalität ein, lässt sie eintreten in diesen Raum, der nichts bietet außer Erfahrbarkeit und löst sie am Ende wieder los – allerdings ohne sie als rites de passage zu anderen Menschen zu machen. Das ist ein Privileg, das den Figuren des Films vorbehalten bleibt. Die Figuren, die so wahrhaftig und präsent wirken, dass der Abschied von ihnen fast schmerzt.

Bianca Jasmina Rauch

Der Artikel ist zuerst bei Filmlöwin erschienen.

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