76. Berlinale: DOGGERLAND von Kim Ekberg


DOGGERLAND © Kim Ekberg
DOGGERLAND © Kim Ekberg

Ich mach da nicht mit

Alf verlässt das Haus mit der Angel über der Schulter. Dann überquert er eine Straße und läuft eine Allee lang – und die Kamera verlässt ihn, schweift ab, fängt Straßenzüge ein. Schon diese Eröffnungssequenz unterstreicht das Alltägliche, Strukturelle, das den schwedischen Regisseur Kim Ekberg mit seinem DOGGERLAND viel stärker interessiert als das einzelne kleine Menschenschicksal. Denn Alfs gibt es viele, auch wenn sie gesellschaftlich kein sonderlich hohes Ansehen genießen: Unser Alf ist über 40 und lebt noch bei seiner Mutter Monica, verdient im Grunde nichts, sondern hängt lediglich seinen Artistenträumen nach. Auch Verbindungen und Netzwerk haben wenig Prestige, und noch weniger Sway: Der fast zahnlose Anglerfreund, der Alf bedeutsam zuflüstert: „Ich habe übrigens noch Bikerfreunde“, beispielsweise. „Was willst du mir damit sagen?“ fragt Alf verdutzt, und er antwortet „Du, ich wollte dir das nur als Info dalassen. Falls du mal was brauchst“.

Vom größten Ereignis des Films erfahren wir nichts: Alf fährt mit seinem Freund im Camper einige Monate durch Europa, Diabolo-Kunststückchen vorführen. Wir sehen ihn lediglich das Haus verlassen und mit dem Freund in den Wagen steigen, und dann irgendwann wieder kommen. Die Mama, die ja doch nicht aufhören kann, zu fragen, wann er endlich was „Richtiges“ arbeiten will, steht verloren an der Tür, als er geht, und schließt ihn erleichtert in die Arme, als er zurückkommt. Da ist schön viel drin in diesen Momenten der Andeutung und Auslassung: Die Möglichkeit, dass weltverändernde Ereignisse vielleicht ohnehin nicht darstellbar sind, genauso wie die Überlegung, dass unser Leben eben eher durch das Biertrinken an einem Dienstag definiert wird, als durch unsere aufregendsten Weltreisen. Und wir begreifen, dass Mutter und Sohn in ihrer Konstellation, so wenig „progressiv“ sie auch wirken mag, eigentlich ganz happy sind.

Dieser leise, fast schon Jarmusch-anmutende Humor hat es in sich. Aber auch die Bilder – auf 16mm, Hi8 and DVCAM und in Schwarz-Weiß gedreht (das erste Screening der Berlinale war eine 35mm-Projektion) – die immer wieder langen Einstellungen, fast schon stilllebenhaft winzige, schöne Momente einfangen. Dass wir das alles glauben und ins Nachdenken und Träumen über die Poesie des Alltags kommen, hat auch viel mit dem herrlich frischen Cast zu tun: Monica und Alf, auch im richtigen Leben Mutter Anita Holm und Sohn John Holm, spielen die beiden mit einer Mischung aus Understatement und Mut zur Pose. Sie sind beide Einwohner*innen Norrköpings, dort wohnt auch Kim Ekberg selbst und der Rest der im Film auftauchenden Charaktere, die sich manchmal mehr oder weniger selbst spielen.

Diesen semidokumentarischen Produktionsstil und die manchmal bis auf die Spitze getriebene Entschleunigung seines Indiefilms meint Ekberg durchaus sehr politisch, passend zu der von ihm mit betriebenen „unabhängigen antikapitalistischen Produktionsfirma POST POST“ – DOGGERLAND ist ein Film, dem es nicht um das Schneller, Größer, Weiter geht. Sondern um das Hierbleiben und das genaue Hinschauen. Ein beglückendes Innehalten, mit einem ziemlich großartigen Soundtrack.

Weitere Termine bei der 76. Berlinale
Montag, 16.2.,14:30 Uhr, Cinema Paris
Mittwoch, 18.2., 15:00 Uhr, CinemaxX 7
Samstag, 21.2., 20:30 Uhr, Cinema Paris