76. Berlinale: IF PIGEONS TURNED TO GOLD von Pepa Lubojacki

Trauerarbeit
„If you ever feel like you’re alone“ summen und singen David und seine Schwester immer wieder, wenn sie zusammen sind. Eine Songzeile mit fast beschwörendem Charakter, Versprechen und Zustandsbeschreibung zugleich. Eine Hymne, die den Schmerz ihrer gemeinsamen Kindheit und gleichzeitig ihre Nähe und Verbundenheit beschreibt. Beide haben gewaltvolle Zeiten erlebt und ihre Väter an die Sucht verloren. „Sucht hat mein Leben zerstört“, „Sucht hat mein Leben genommen“ lässt die Regisseurin ihre Protagonisten durch KI-animierte Kindheitsfotos berichten. Denn heute leben Pepas Bruder David und ihre zwei Cousins wegen ihrer eigenen Suchtprobleme seit mehr als acht Jahren auf der Straße.
Es sind schwarzweiß Aufnahmen ihres Bruders, ihrer Cousins, ihrer Väter und von der Filmemacherin selbst, die mittels KI-Animation aus ihrer Stummheit – für die Zuschauer vielleicht zunächst etwas befremdlich, doch schon bald berührend natürlich – erwachen und zu Zeitzeugen mutieren, die ihre Geschichten rückblickend kommentieren und reflektieren. Erinnerungen werden lebendig, weil es so wichtig ist, die Kinder, das Erlebte zu hören, zu spüren, zu sehen. Ein Stilmittel, mit dem Pepa Lubojackis Dokumentarfilmdebüt IF PIGEONS TURNED TO GOLD eine emotionale Wucht entfaltet, die nachhaltig bewegt. Denn die animierten Fotos werden zu den Botschaftern der Geschichten hinter den von der Gesellschaft Gemiedenen und Geächteten. Sie zeigen die Kinder, die von ihren Müttern und Vätern im Stich gelassen wurden, lassen sie zu Wort kommen und legen ein intergenerationales Trauma frei.
Vor fünf Jahren, während der Pandemie, startete Pepa Lubojacki ihr persönliches Filmprojekt. Nicht zuletzt, um den Verlust ihres Vaters zu verarbeiten und die Situation ihres Bruders und ihrer Cousins zu begreifen, begibt sich die Filmemacherin auf die Spurensuche nach dem Ursprung dieses Leids.
Pepa Lubojackis essayistisches Dokumentarfilm-Debüt ist eine Liebeserklärung an ihren Bruder, dessen Leidensgeschichte sie kaum ertragen kann. Ihm, ihrem Helden aus Kindertagen, setzt sie dabei ein Denkmal, eins auf das er inzwischen selbst stolz ist, wie sie sagt. Jeder soll ihn sehen, wie sie ihn sieht: mit Liebe, Mitgefühl, aber auch durch die Augen von Verzweiflung, Schmerz, und Angst. Besonders die Sorge um David und ihre Cousins treibt sie an. Retten will sie sie, denn sie fürchtet den Anruf, der ihr mitteilen könnte, einer von ihnen sei tot aufgefunden worden. So wie einst der Anruf, als sie vom Tod ihres Vaters erfuhr. „Haben Sie jemals um jemanden getrauert, der noch nicht tot ist?“, steht eingeblendet auf der Leinwand.
Lubojackis Odyssee führt sie schließlich zu der Einsicht, dass sie ihn nicht retten kann, denn Süchtige oder Abhängige fürchten die Nüchternheit mehr als den eigenen Tod. Für die Drehbuchautorin und Regisseurin ist es ein langer und harter Weg zu erkennen, dass Sucht keine Frage des Willens oder von freien Entscheidungen ist, sondern scheinbar die einzige Überlebensstrategie für die erlittenen Traumata, den Schmerz, die Marginalisierung in ihrer aller Kindheit anbietet.
Es ist der große Zauber dieses collageartigen, stilistisch so zugänglichen Filmes, nicht nur mit der Scham zu brechen, sondern dem geächteten Bild von Obdachlosen und Suchtkranken einen Gegenentwurf aus Anteilnahme, Mitgefühl und Fürsorge entgegenzustellen.
Lubojackis erklärtes Ziel ist es, den Zuschauer einzuladen, es ihr gleichzutun, mit „brutaler Ehrlichkeit“ hinzuschauen, weil es Leben retten kann. Denn „wären Tauben aus Gold, würden sie die Straßen dekorieren und wären den anderen Vögeln ebenbürtig. Sie würden nicht die Bänke vollscheißen, Müll fressen und vor der Realität flüchten. Sie würden die Straßen zum Glänzen bringen.“
Weitere Termine bei der 76. Berlinale:
Samstag, 21.2., 14:30 Uhr, Cinema Paris
Sonntag, 22.2., 10:30 Uhr, Cubix 8