76. Berlinale: THE STORY OF DOCUMENTARY FILM von Mark Cousins


Mark Cousins © Jenny Leask
Mark Cousins © Jenny Leask

Mein allerallerallerliebster Dokumentarfilm

Was war die Geburtsstunde des Dokumentarfilms – und wie hat er sich seitdem verändert? Aber auch: Welche Dokumentarfilme haben mich geprägt? Den renommierten Dokumentarfilmemacher und Filmkritiker Mark Cousins haben diese Fragen so umgetrieben, dass er Produzenten und Financiers fand, und nun läuft bei der 76. Berlinale vier dieser 16 Folgen umfassenden Doku-Serie THE STORY OF DOCUMENTARY FILM als Berlinale Series Special.

Die Arbeit am Dokumentarfilm ist immer ehrenwert. Da uns fast tagtäglich Weltgeschehen im Millisekundentakt um die Ohren geschleudert wird, braucht es die dokumentarische Form für die Einordnung, den Kontext – oder, um ihn von der rein journalistischen Verwendung abzugrenzen: Die Auseinandersetzung überhaupt, die künstlerische, die – wenn man nach Cousins geht – auch immer eine politische ist.

Cousins setzt chronologisch an, aber er nimmt pro Folge auch eine thematische Fokussierung auf beobachtete Sujets vor. Und so beginnt THE STORY OF DOCUMENTARY FILM in Folge 1 („Documentary Until the Late 1920s: Travelogues, Power and People“) mit den kanonischen ersten Dokumentarfimwerken, darunter Lumières ARBEITER VERLASSEN DIE LUMIÈRE-WERKE (1895) oder Robert Flahertys NANOOK OF THE NORTH (1922), und mit Fragmenten, wie der grausamen Hinrichtung eines Elefanten, doch dann verlässt Cousins gern die Spur, wenn sich ein Gedanke dazu aufdrängt, springt in der Zeit. Denn Cousins setzt seine Assoziationen zum Dokumentarfilm als roten Faden: Sein Voice-Off stellt die Zusammenhänge her. Da kann man schon mal bei Leni Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS (1935) starten, in die Naturdokumentation springen, und dann bei OLYMPIA (1936/38) enden.

Cousins schöpft bei seinem Blick ins Archiv aus dem Vollen – für die historischen Einblicke lohnt seine Serie allemal, und es gibt einige Überraschungen oder Namen, die man vielleicht ohne die Serie nicht kennengelernt hätte: Dass Zora Neale Hurston bereits 1928 herrliche Alltagsmomente festgehalten hat, und damit nicht nur eine der beeindruckenden Schwarzen Stimmen der amerikanischen Literatur überhaupt ist. Dass Esfir Shub mit THE FALL OF THE ROMANOV DYNASTY schon 1927 einen modern anmutenden Kompilationsfilm vorlegte, der durch die provokante Montage und den Einsatz von Untertiteln als Vorzeigefilm in Sachen Agit-Prop gilt.

Wer sich allerdings nicht eh zur Mark-Cousins-Fangemeinde zählt, könnte sich an der dezidiert subjektiven Präsentationsform, dem USP der Serie, stören: Cousins prägnante Stimme ist voller Pathos, und sein Voice-Over zwar tendenziell pointiert und klug, aber doch auch zuweilen trivial, manchmal geradezu blumig. Auf Metaphern wie „like wings of a butterfly“ könnte wirklich verzichtet werden.

Die Subjektivität, die ja schon im Titel der Serie angelegt ist – dankenswerterweise hat Cousins nicht für den Begriff „history“, sondern story entschieden, und damit für ein Wort, das keinen objektiven Kanon behauptet und um die Perspektive weiß, die jeder dokumentarische Stoff einnimmt, einschließlich seiner Serie – findet sich natürlich ebenso in der Auswahl der Dokumentarfilme und in der Bildanalyse wieder, und führt oft auch zu Thesen und assoziativen Sprüngen (beispielsweise zum Faschismus und den Nazis), die eigentlich besser zu einem geschlossenen, eigenen Essayfilm, als zu einer ja am Ende doch behaupteten Übersicht über die Filmform des Dokumentarfilms passen würden. Vielleicht ist Mark Cousins Serie also eher „A Story“ als „The Story“ des Dokumentarfilms, eine sehr persönliche, mit vielen seiner Favoriten. Bei der man aber so oder so sehr viele Stoffe neu- und wiederentdecken kann.

Termin bei der 76. Berlinale
Mittwoch, 18.2., 18:00 Uhr, CinemaxX 7 (4/16 Episoden | Vorstellung mit einer Pause von 15 Minuten)