76. Berlinale: FILIPIÑANA von Rafael Manuel

Patriarchenspielplatz in Pastell
Manila: Die Sonne brennt. Ein Bus mit Touristen an Bord, hetzt durch die lauten und belebten Straßen, die sich hier alle teilen: Fußgänger, Kinder, vierrädrige Vehicles aller Colour und PS, Radfahrer, Rickschas, Verkaufsstände… You name it.
Kurzes Hupen, ein Aufschrei, fast wäre ein Kind unter die Räder gekommen. Nichts passiert. Die Fahrt geht weiter. Eine Reiseleiterin steigt ein und begrüßt die überhitzten Touristen mit „Mabuhay“ und erklärt dessen Bedeutung. Übersetzt hieße es: „Möge dein Leben lang sein“. Die Touristen sollten ihr jetzt mal nachsprechen „Ma-bu-hay“. Schwach und unmotiviert wirft der betuchte Touristenchor die Grußformel zurück. Regisseur Rafael Manuel nutzt diese Eingangssequenz, um einen möglichst scharfen Akzent zu setzen zu den ca. 95 folgenden Minuten.
Szenenwechsel. Ein Golfplatz: Ruhe, sattes Grün in pastellfarbenem Licht, schattenspendende Bäume, am Horizont thront ein majestätischer Berg, Wasser plätschert, Zikaden zirpen, Vögel singen. Friedlicher und aufgeräumter könnte es kaum sein. Bevölkert wird die scheinbar paradiesische Landschaft vornehmlich von Männern im weißen Polohemd-Golfoutfit, die in kleinen Kohorten und begleitet von Golf Carts und Caddies ein paar Bälle schlagen. Dazwischen fast unsichtbar und nahezu geräuschlos sogenannte ‚Tee-Girls‘, Hostessen, die geradezu puppenhaft anmuten in ihren pastellfarbenen Schürzenwesten, mit kurzen Hosen im Stil der 70er, weißen Kniestrümpfen und flachen weißen Sneakern. So harren sie in der Sonnenglut aus, um den Golfern zu Füßen sitzend deren Bälle für den nächsten Schlag zu platzieren. Jede mit ihrer eigenen Angst, früher oder später von Ball oder Schläger getroffen zu werden, denn hier trainieren keine Profis, sondern Amateure.
Rafael Manuels Debütfilm ist die Weiterentwicklung seines 2020 mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten gleichnamigen Kurzfilms. In seiner Langfilmfassung spitzt Manuel seine Formensprache jedoch noch einmal deutlich zu und destilliert daraus ein (post-)koloniales Sittengemälde einer gentrifizierten Gegenwart.
Im Zentrum der Handlung steht Isabel (Jorrybell Agoto), eines der neuen ‚Tee-Mädchen‘, der die Kamera in statischer Ruhe durch die tropische Hitze bei ihrer Erkundung dieses absonderlichen Ortes folgt. Schauplatz für Schauplatz wird dabei zumeist durch eine starre Kamera (Xenia Patricia) in Halbtotalen oder Totalen eingefangen und auf seine hierarchische Ordnung hin seziert. So lernen wir, dass die ‚Tee-Girls‘ beim Säubern der Golfbälle zusätzlich noch einfache chinesische Grußformeln liedhaft einstudieren, oder die gouvernantenartige Hostessen-Mangerin in einem gut gekühlten Hinterzimmer ihre Mittagspause Eis schlürfend vor dem Fernseher verbringt. Die jungen Mädchen währenddessen ruhen ihre erschöpften Körper auf harten Golfballkisten im Halbschatten eines Torbogens aus. Und wir erfahren, dass Dr. Palanca, der mit der ehemaligen Miss Universum verheiratete Präsident des Golfclubs, gern seinen Gästen einen Evergreen patriarchaler Ordnung zur Begrüßung entgegenschmettert: „You Always Hurt the One You Love“, ein Song der Mills Brothers aus den 40ern.
Manuel überlässt in seinem Spielfilmdebüt bis hin zum Ton nichts dem Zufall. Alles ist minutiös orchestriert und rhythmisch choreografiert. Unterstützt wird die Inszenierung dieser hegemonialen Ordnung vor allem durch das kastenartige 4:3-Bildformat, das vertikale Linien betont und dadurch die Enge der vielseitig beschriebenen Machtstrukturen visuell besiegelt. Einem Bilderreigen gleich reiht der 36-Jährige seine Tableaus um Macht und Unfreiheit dicht aneinander – jedes für sich von nahezu epischer Tiefe. Den Zuschauer lädt der Filmemacher dabei ein, die Sequenzen des Zyklus wie durch eine Lupe und in fast musealem Rhythmus kontemplativ auf sich wirken zu lassen und schießlich einem Hilferuf zu folgen, obwohl der Abspann längst begonnen hat. Ein visionäres und äußerst sehenswertes Werk. SuT
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Freitag, 20.02., 14:15 Uhr, Cubix 9