NO MERCY von Isa Willinger


NO MERCY © REAL FICTION
NO MERCY © REAL FICTION

Frauen machen die härteren Filme

„Frauen machen die härteren Filme“, sagte einst Kira Muratova. Stimmt das? Und wenn ja, was heißt das dann genau?
Isa Willinger ist ein großer Fan der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova. Für ihr Buch durfte Willinger Muratova in deren Küche interviewen. Dabei fiel der oben etwas verkürzt zitierte Satz. Damals blieb er erstmal so stehen, doch er ließ Isa Willinger nicht los. In ihrem neuesten Dokumentarfilm NO MERCY konfrontiert sie Regisseurinnen* mit Muratovas Zitat. Um ein möglichst diverses Bild zu zeichnen, hat Isa Willinger Regisseurinnen* aus verschiedensten Regionen der Welt und in unterschiedlichen Altersstufen interviewt. So finden sich auch sehr unterschiedliche Blickwinkel zu Muratovas These im Allgemeinen und zu dem Begriff Härte, denn der kann viele bedeuten.

Brutal, neugierig, schamlos, echte Frauen eben

Bei den älteren Frauen zeigt sich, dass sie noch sehr stark darum kämpfen mussten, überhaupt arbeiten und ihre Filme zeigen zu können. Damals sah man im Kino weibliche Figuren, die so gar nichts mit der Realität zu tun hatten, wie sie die befragten Regisseurinnen* erlebten. Die Härte der Figuren und allgemein der Filme dieser Frauen entstand durch den Gegensatz zu den damaligen Sehgewohnheiten. Ihre Frauen waren brutal, neugierig, fordernd und lebten ihre Sexualität schamlos aus. Sie haben Pionierarbeit für ihre jüngeren Kolleginnen* geleistet. Einige der jüngeren Regisseurinnen* hinterfragen bereits, ob man überhaupt noch in male und female gaze unterscheiden soll. Zumindest die aus den westlichen Ländern. In anderen Regionen müssen sich die Frauen* ihren Platz hinter der Kamera immer noch hart erkämpfen.
Die Interviews werden von Filmausschnitten aus den Filmen der auftretenden Regisseurinnen* untermalt, was das Gesagte oft nicht nur erläutert, sondern auch weiterführt. So gibt Isa Willinger nicht nur den Regisseurinnen, sondern auch den Filmen Raum. Denn viele dieser Filme finden im Mainstream kaum größere Aufmerksamkeit. Dort finden eher kitschige, seichte Werke ihr Publikum. Woran liegt das? Ja, die Filme sind hart. Sie sind hart, weil sie von realen Erfahrungen geprägt sind. Weil sie oft eine Realität ansprechen, vor der viele gerne die Augen verschließen. Weil sie Sehgewohnheiten brechen und hinterfragen. NO MERCY ist eine kraftvolle Hommage an die vielen wundervoll vielseitigen Regisseurinnen, die von den 70er Jahren bis heute das Kino mit ihrer Sicht der Welt bereicherten und noch heute bereichern. Wie schön, dass sie hier alle versammelt sind, Gehör finden und dass gleichzeitig für ihre aufregend anderen Filme geworben wird.

NO MERCY; Regie: Isa Willinger; Darstellerinnen*: Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Surya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut, Apolline Traoré; Kinostart: 05. März 2026