VATERLAND von Paweł Pawlikowski
Rückkehr in Ruinen
Was ist Heimat? Eine Frage, die mit einem bloßen Rückgriff aufs Geographische nur unzureichend zu beantworten ist. Eine Frage auch, der sich der exilierte deutsche Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) stellen müssen. Beide besuchen 1949 erstmals seit dem Weltkrieg wieder Deutschland. Doch von beider Geburtsland ist nach dem Absturz in die Nazi-Barbarei nicht viel übriggeblieben. Ruinen überall. Hier und da noch intakte Häuser, Kirchen, Theater, Opernsäle, Hotels und Trinkhallen. Doch trauriger noch als demolierte Landschaften und Gebäude sind die Menschen – das deutsche Volk, das sich nach den nur wenige Jahre zurückliegenden mörderischen Exzessen, dem Grauen der Bombennächte und dem völligen Zerfall von Moral und staatlicher Ordnung erst wieder finden muss und hier wie dort das Vergangene verklärt, vergisst und verdrängt.
Da kommt der Besuch des weltweit geschätzten Literaturnobelpreisträgers gerade recht. Thomas Mann, der in der nun angebrochenen neuen Zeit natürlich das „gute Deutschland“ verkörpert wie kaum ein anderer, soll mit dem Goethe-Preis geehrt werden. Und zwar auf beiden Seiten der neuen Demarkationslinie, die sich nach dem Sieg über Hitler durch Europa zieht. Im von den Amerikanern kontrollierten Frankfurt am Main, der Geburtsstadt Goethes, werden die Manns schon vom Oberbürgermeister erwartet. Doch eine hastig einberufene Pressekonferenz lässt schnell den tiefen Graben erkennen, der sich immer noch zwischen dem geflüchteten Literaten und jenen auftut, die 1933 in Deutschland geblieben sind und ihn nun, wie es ein Korrespondent andeutet, des „Verrats oder mangelnder Solidarität“ bezichtigen. Als habe es die Bücherverbrennungen, die KZs, die zahlreichen Morde der Nazis nicht gegeben. Als wären Ossietzky (gestorben in der Gefangenschaft) und Tucholsky (Freitod im Exil) nur Fußnoten einer überwundenen Zeit.
Die Auszeichnung in der Paulskirche scheint eine Art Selbstvergewisserung der entstehenden Bundesrepublik. Eine Erinnerung an die Kulturnation Deutschland, als die man sich jetzt wieder verstanden wissen will. Es war und ist doch nicht alles schlecht an diesem Land. Und die zwölf zurückliegenden Jahre – ein Unfall. Auch bei dem anschließenden Empfang werden die Manns mit den Rechtfertigungs- und Verdrängungsmechanismen dieses neuen Deutschlands konfrontiert und finden jede*r für sich eine angemessene Antwort.
Jenseits des Eisernen Vorhangs wartet das andere Deutschland, die Sowjetzone. Auch dort will man sich mit dem berühmten Künstler schmücken. Ein neu geschaffener Goethe-Nationalpreis soll ihm in Weimar verliehen werden, der Haupt-Wirkungsstätte des großen Dichters. Auch hier wird Mann, der sich spätestens im Exil mit seinen Kommentaren, Reden und der Radiosendung „Deutsche Hörer!“ als wortmächtiger Gegner der Nazis profilierte, als das Gewissen einer irregeleiteten Nation gesehen. Begleitet vom Präsidenten des Kulturbundes und späteren Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher (Devid Striesow), werden Thomas und Erika mit allen Ehren empfangen. Becher, ein Bewunderer Manns, hofft, diesen als Präsidenten der in Ost-Berlin angesiedelten Akademie der Künste gewinnen zu können. Zum Kulturprogramm zählt neben einem sowjetischen Armeechor auch ein von jungen Pionieren gesungenes Erbauungslied, das später als Nationalhymne der noch nicht gegründeten DDR bekannt wird.
Doch während man hier ganz klar die Verbrechen der Nazis benennt, versteht man sich doch als antifaschistische Alternative zum kapitalistischen Westen, besteht an der Natur des entstehenden Oststaates als repressive Diktatur kein Zweifel. Ein Dissident (Milan Peschel), der die Manns über ein auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald betriebenes Gefangenenlager für Andersdenkende hinweist, wird unsanft ihrem Blickfeld entzogen. Was ist Heimat? „Stalin oder Mickey Mouse“ – das scheinen die Optionen im aus Ruinen auferstehenden Deutschland zu sein.
Parallel zu ihrer schwierigen Reise müssen die Manns noch eine weitere Tragödie verkraften. Klaus Mann (August Diehl), Autor des Schlüsselromans „Mephisto“, hat sich in Cannes das Leben genommen. Die Nachricht erreicht die beiden in Frankfurt, als Erika noch hofft, der von ihr innig geliebte, jüngere Bruder könne sich der kleinen Reisegesellschaft anschließen. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Erika trauert, fühlt sich Thomas in der ablehnenden Haltung gegenüber seinem Sohn bestätigt. Erst spät wird er seine wahren Gefühle zeigen, in einem Moment der Kontemplation und Stille, ohne die Anwesenheit all der anderen, die nicht wirklich die Person Thomas Mann bewundern, sondern das Bild, das sie von ihm haben. Nur Erika ist in diesem Moment bei ihm – seine aufmerksame, gut organisierte Begleiterin.
Der Pole Paweł Pawlikowski hat sich schon in seinen letzten beiden bemerkenswerten Filmen mit der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt. In IDA (2013) wird eine junge Novizin vor ihrem Gelübde mit ihrer wahren Identität konfrontiert. Das Post-Holocaust-Drama gewann neben zahlreichen weiteren Preisen den European Film Award, den BAFTA und den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film. COLD WAR (2018) wiederum erzählt eine leidenschaftliche Lovestory zwischen einem begabten Komponisten und einer jungen Sängerin, die zunächst von der sozialistischen Kulturpolitik begünstigt wird, dann aber an der Zerrissenheit der Welt scheitert. Auch COLD WAR war ein großer Erfolg, gewann zahlreiche Preise, war für drei Oscars nominiert und wurde in Cannes, wie auch VATERLAND in diesem Jahr, mit dem Regiepreis gewürdigt.
Pawlikowski verließ als 14jähriger mit seiner Mutter Polen und begann seine Karriere als erfolgreicher Dokumentarfilmer in den 1980er Jahren in Großbritannien. Ende der 1990er drehte er seinen ersten Spielfilm, bevor er mit IDA seinen ersten Film in Polen inszenierte und dafür gleich den ersten (und bislang einzigen) Oscar für Polen gewann. Seit IDA scheint Pawlikowski nicht nur sein Lebensthema, die europäische Nachkriegsepoche, gefunden zu haben. Auch stilistisch folgt er seither einem strengen Konzept. In Anlehnung an das stark von der französischen Nouvelle Vague inspirierte polnische Kino der 1960er Jahre, sind Pawlikowskis Filme seither in schwarzweiß und im klassischen Akademie-Format (4:3) gedreht, was ihnen einen anachronistischen Look gibt. Pawlikowskis Filme sehen aus, als seien sie tatsächlich in den 1960er Jahren entstanden. Und, sie sehen verdammt gut aus.
Verantwortlich dafür ist neben dem Regisseur vor allem Pawlikowskis kongenialer Chefkameramann Łukasz Żal, der den strengen Formalismus in atemberaubend schöne monochrome Bildlandschaften gießt. Das gilt auch für VATERLAND. Man meint, alte Fotografien zum Leben erwecken zu sehen. Das schwierige Thema Heimat, das wohl auch den zwischen den Welten wandernden Pawlikowski umtreibt, findet sich in der einen oder anderen Form auch in seinen beiden früheren Meisterwerken – in IDA gepaart mit der jüdischen Identität, die auch auf den Regisseur zutrifft, in COLD WAR im Konflikt von Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Sicherheit.
In VATERLAND steht nun die Besonderheit der deutschen Identität im Mittelpunkt. Wie verhält man sich zu einem Land, einem Volk, das sich selbst ins Bodenlose desavouiert hat? Die Liebe zur deutschen Sprache ist für den Schriftsteller nicht verhandelbar. Doch wurde sie von den Nazis auf das Entsetzlichste korrumpiert. Und auch die neuen Deutschlands scheinen nicht ganz frei von diesem Impuls zu sein. Dann ist da die Musik, der auch in diesem Pawlikowski-Film eine tragende Rolle zusteht. Thomas Mann war ein großer Bewunderer Richard Wagners – eine Vorliebe, die ihm ein anderer vergällt hat. Bleibt am Ende die Familie, die – wie alle Familien – auseinanderstrebt und nicht immer den Vorgaben des Patriarchen folgt.
Klaus ist seinen eigenen Weg gegangen und hat sich damit die Missgunst seines Vaters eingehandelt. Erika, die Erstgeborene, bei deren Geburt Thomas noch enttäuscht war, dass sie kein Sohn ist, hat sich mit dem strengen Vater arrangiert. Inzwischen unterstützt sie ihn als seine „Sekretärin, Biographin, Nachlasshüterin, Tochter-Adjutantin“, wie Thomas das Verhältnis zu seiner Tochter in seinem Tagebuch genannt hat. Dabei stammen beide aus unterschiedlichen Welten. Thomas ist vom seinem ganzen Habitus her noch ein Mann des 19. Jahrhunderts, während Erika eine moderne Frau ist, die selbstbewusst das Auto fährt, ihren Vater kritisiert, westdeutsche Hassbriefe an den amerikanischen Verbindungsoffizier weiterreicht und die peinliche Selbstrechtfertigung ihres Ex-Gatten, des Staatsschauspielers und Nazi-Kollaborateurs Gustav Gründgens („Die sind zu mir gekommen!“) mit einer saftigen Ohrfeige quittiert.
Pawlikowski und sein brillanter Co-Autor Henk Handloegten haben diese Geschichte zu einer schlanken, schnörkellosen Erzählung verdichtet und sich dabei auch künstlerischer Freiheit bedient. Denn die Reise Thomas Manns in das geteilte Deutschland fand zwar 1949 statt. Doch begleitet wurde er dabei nicht von Erika, sondern von seiner Frau Katia, da Erika sich weigerte, deutschen Boden zu betreten. 1948 hatte sie in einer Podiumsdiskussion in Kalifornien die Demokratiefähigkeit der Deutschen in Frage gestellt und daraufhin einen Shitstorm der (west)deutschen Presse geerntet. Sie wurde als „kommunistische Agentin“ und als „Stalins 5. Kolonne“ beschimpft. Auch in VATERLAND darf sie eine betont reservierte Haltung zu ihrer „Heimat“ einnehmen. Die fiktionalisierte Reise gewinnt durch die Vater-Tochter-Paarung an zusätzlicher Dynamik, da das eingespielte Ehepaar Mann wohl weniger konfliktreich Thomas’ Mission als Vermittler zwischen Ost und West verfolgt hat.
VATERLAND ist bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzt, wird aber getragen von seinen beiden hervorragenden Hauptdarsteller_innen. Hanns Zischler gibt einen nachdenklichen, beobachtenden Thomas Mann, der noch an die Macht der Worte glaubt, aber trotz des Applauses, den er überall erntet, das Relikt einer vergangenen Epoche ist. Sandra Hüller, die mit Auftritten in so unterschiedlichen Filmen wie ROSE, PROJECT HAIL MARY, INGEBORG BACHMANN – JEMAND DER EINMAL ICH WAR und DIGGER, ohnehin ein fantastisches Kinojahr erlebt, zeigt einmal mehr, warum sie – nicht nur in Hollywood – zu den derzeit begehrtesten Schauspielerinnen der Welt gehört. Auch wenn Zischler die berühmtere Figur spielt, ist VATERLAND doch in erster Linie ihr Film. Wir sehen diesen seltsamen Roadtrip und das Auftreten des „großen Mannes“, ihres Vaters, vor allem durch ihre Augen. Sie stellt somit die Brücke zu uns Generationen von Nachgeborenen. Als sie sich einmal für ein paar Stunden eine Auszeit gönnt, ohne ihren Vater zu informieren, fühlt der sich gleich verloren und spürt vielleicht den Verlust, der seine Tochter schon seit Tagen plagt.
Die Frage, was eigentlich Heimat ist, lässt VATERLAND (noch so ein ambivalenter Begriff) bewusst offen. Jede_r muss dafür eine eigene Definition finden. Thomas Mann hat es 1938 in einem Interview für die New York Times einmal so formuliert: „Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir. Ich lebe im Kontakt mit der Welt und ich betrachte mich selbst nicht als gefallenen Menschen.“
VATERLAND läuft seit dem 03. September im Kino.
Mögliche Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Kamera, Kostüme, Internationaler Film.
VATERLAND, Regie: Paweł Pawlikowski, Darsteller_innen: Sandra Hüller, Hanns Zischler, Devid Stiesow, August Diehl, Anna Madeley, David Menkin, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberland, Milan Peschel, Joanna Kulig u.v.a.