Artverwandtes Flair


"The Other Son": Zwei Babys sind vertauscht worden: ein Israeli und ein Palestinenser. Nur finden die beiden das erst heraus, als sie schon fast 18 sind.

"The Other Son": Zwei Babys sind vertauscht worden: ein Israeli und ein Palestinenser. Nur finden die beiden das erst heraus, als sie schon fast 18 Jahre alt sind.

„Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ – damit sollte spätestens nach diesen gesungenen Zeilen mit der Einsamkeit von Max Raabe, sofern sie autobiographischer Erfahrung entsprungen sind, Schluss gewesen sein. Denn von nun an war er im Gedächtnis aller geblieben. Aber nicht nur hier. Denn im Oktober 2010 tourte er mit seinem Palast Orchester das erste Mal durch Israel. Warum aber mit diesen Erinnerungen allein zu Hause sitzen? So entstand der Dokumentarfilm, der in diesem Jahr das Festival eröffnet, „Max Raabe in Israel“. Er zeigt, wie Max Raabe beim dortigen Publikum ankommt und welche musikalischen Parallelen es zu Israel gibt, seine Begegnungen mit den Menschen und sein Bewusstsein für die „deutsche Schuld“. Doch bevor der Film und somit das Jüdische Filmfestival startet, wird sich Max Raabe mit seinem Orchester musikalisch im Potsdamer Hans Otto Theater live am 4. Juni in Erinnerung bringen.

Musikalisch inspirieren ließ sich auch der bekannte deutsche Architekt Erich Mendelsohn bei seinen ausgefallenen Skizzen für theaterkulissenhafte Entwürfe von Luise Maas, einer jungen Cellistin. Der israelische Regisseur Duki Dror porträtiert das Genie und die Affäre seiner Frau Luise in seinem Film „Mendelssohn’s Incessant Visions„. Dabei zeigt er, in welcher Erinnerung Mendelsohn hier in Berlin präsent ist, indem er Menschen unweit der U-Bahnhof-Station Mendelssohn-Bartholdy-Park, die nach dem Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy benannt ist, befragt. Am Potsdamer Platz erinnern einige Gebäude von heute an die moderne Architektur Mendelsohns.

Besonders stark setzen sich in diesem Jahr die Filmemacher mit den Problemfeldern der jüdisch-religiösen Traditionen in der Welt von heute auseinander. So liefert zum Beispiel der amerikanische Drehbuchautor Regisseur Joel Fendelman mit seinem Spielfilm „David“ eine Geschichte, die zeigt, was es heißt, in einer streng orthodoxen Welt gefangen zu sein. Wie weit kann Glaube gehen, wie weit ist er noch gut? – Diese Frage wirft der Film auf und beantwortet sie.

Auch Drehbuchautorin und Regisseurin Lorraine Levy liefert mit ihrem Spielfilm „The Other Son“ einen Beitrag für Toleranz und gegen Vorurteile. Es geht um die beiden jungen Männer Joseph und Yacine, die bei ihrer Geburt in den Kriegswirren am Gazastreifen versehentlich und unbemerkt vertauscht wurden. Wer von ihnen ist nun Palästinenser, wer eigentlich Jude? Wer ist der wahre und wer der andere Sohn? In diesem Film, der bereits in Frankreich große Erfolge feierte, werden nicht nur die inneren Widersprüche Israels thematisiert, sondern auch Gruppen- und Familienzugehörigkeit generell.  Auf die Suche nach Identitäten begibt sich der polnische Regisseur Ami Drozd in seinem Spielfilm „My Australia„. Er schildert Antisemitismus als das Normalste der Welt aus Sicht eines Kindes, dem 10-jährigen Tadek. Dem Film gelingt ein Einblick in das, was Menschen dazu motivieren kann, alles mitzumachen: Es ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft, der Wunsch dazuzugehören. Die Figur des Jungen Tadek als jüngeren Bruder bietet hierfür bestes Potenzial.

Ganz und gar nicht orientierungslos geht es in der tragikomischen romantic-soap-comedy „Taliya.date.com“ der israelischen Regisseurin Taliya Finkel zu. Denn diese junge Frau weiß genau, was sie will: einen Mann. Dafür datet sie sich fünf Jahre über das Internet. Sie erzählt ihre Geschichte ungeschönt und humorvoll zugleich. Mit dem Thema mag die Regisseurin auch den Berliner Zeitgeist treffen. Damit schafft sie den Sprung in unsere Identitäten und ein Flair, das verbindet.

Katrin Rösler

18. Jüdisches Filmfestival Berlin & Potsdam vom 5. bis 17. Juni 2012, Filmkunst 66 (Charlottenburg), Eiszeit-Kino (X-Berg), Kino Toni (Weißensee), Kino Arsenal (Potsdamer Platz), Filmmuseum Potsdam,
Feierliche Eröffnungsgala am 4. Juni 2012 im Potsdamer Hans Otto Theater, Programm unter www.jffb.de


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