"Ake Dikhea? Siehst du?" – Die erste Edition des Roma-Filmfestivals


Ake_Dikhea_Roma_Festival_2017Die kleine, deutsche Nelly macht mit ihren Eltern Urlaub in Rumänien und begegnet zwei Roma-Jugendlichen: Sie wird angebettelt und beklaut. Kurze Zeit später wird Nelly von zwei Roma-Männern mit blitzenden Goldzähnen entführt, die sie in ein armes Roma-Dorf bringen. Am Ende geht alles gut und die beiden Roma-Jugendlichen helfen Nelly zu entkommen und Ihre Eltern sind so froh, dass sie sogar überlegen ebenfalls nach Rumänien zu ziehen. Das ist, etwas runtergebrochen, der Plot des Kinderfilmes “Nellys Abenteuer“, der 2016 im Kino lief und nun im Kinderkanal und in Schulscreenings gezeigt werden soll – entgegen der Klage des Zentralrates der Sinti und Roma angesichts der offensichtlich rassistischen Klischees und Stereotype. Der auftraggebende Sender SWR weist diese Vorwürfe (ggü Vice) entschieden zurück und versteht den Film als Zeugnis gegenseitiger kultureller Wertschätzung.

Antiziganismus macht blind. Hier setzt das Roma-Filmfestival “Ake Dikhea?” (“Siehst du?”) an, welches anlässlich des fünften Jahrestages der Errichtung des Mahnmals für die Ermordung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus, in der ersten Ausgabe stattfindet. Es zeigt konsequent Filme, die Roma (und Sinti) differenziert und individuell darstellen. “AKE DIKHEA? hebt Filme hervor, die antiziganistische Klischees kritisch reflektieren und bewusst dekonstruieren. Die in erster Reihe von Menschen handeln, und erst in zweiter Reihe von Roma. Damit setzt das Festival Maßstäbe”, so Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa.
Besonders ist bei “Ake Dikhea?” der Auswahlprozess: In einem europäischen Aufruf in Roma Communities wurde dazu aufgefordert Filme vorzuschlagen, von denen sich Roma richtig repräsentiert fühlen. Im Idealfall sind die FilmemacherInnen selbst Roma. So eröffnen sich Themen und Perspektiven, die sonst im Verborgenen bleiben würden.

Erst fünf Jahre ist es her, dass das Mahnmal eröffnet wurde. Jahrzehntelang kämpften AktivistInnen darum, dass überhaupt der Völkermord anerkannt wurde. 1982 war es soweit, 1992 wurde das Mahnmal beschlossen, 2008 mit dem Bau begonnen. Die zähen Kämpfe belegen einmal mehr, auf welchen Widerstand nicht nur AktivistInnen für die Rechte der Sinti und Roma treffen. Sie sind Sinnbild dafür, wie die größte Minderheit Europas seit Jahrhunderten als “die Anderen” ausgegrenzt werden. Fast scheint es unter der gegebenen politischen Stimmung so, als würde die Epoche der geringen Xenophobie wieder ein Ende finden. Umso dringender ist es, einer breiten Mehrheit der Gesellschaft die Vorurteile zu nehmen.

Während vier sicherlich hochinteressanter Festivaltage haben die BesucherInnen im Kino Moviemento die Gelegenheit durch die Brille der Sinti und Roma zu sehen: Neben acht Screenings im Wettbewerb gibt es Schulscreenings, Workshops und eine Podiumsdiskussion. Zu fast jedem Film gibt es ein Q&A, teilweise moderiert von der Jury. Hier treffen FilmemacherInnen mit Roma Hintergrund auf solche, die sich auch ohne ethnische Zugehörigkeit lange schon um die Rechte der Roma bemühen.
Als Spielfilm ist der Eröffnungsfilm “Django” bei diesem Festival fast ein Außenseiter, der das Leben der Jazz-Legende Django Reinhardt zeigt. In dieser Kategorie sind sonst nur “Nebel im August” und “Just The Wind” zu sehen. Die anderen Dokumentarfilme verzichten auf Fernseh-Impetus und beobachten in trauriger bis fröhlicher Manier das Leben der Roma. Natürlich findet sich die ganze Bandbreite des Lebens von den Tiefen der Drogensucht bis zu den Höhen der Liebe.

Jana Gebhard

“Ake Dikhea?” (“Siehst du?”) – Festival of Romani Film Berlin vom 19. bis 22. Oktober 2017 im Kino Moviemento.

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13. Oktober 2017 | In Sonstiges | Kommentare deaktiviert

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