FF DD 2019: Ein Hoch auf die irritierenden Bilder


Jochen Kuhn kritisiert mit „Zentralmuseum“ den objektgeilen Kunstbetrieb. Foto: Jochen Kuhn

Wer ebenfalls keine Romantik sucht und dafür aber den lakonischen Blick aufs Leben, der wurde beim ersten Teil der „Animierten Malerei“ mit einer Werkschau von Jochen Kuhn glücklich. Kuhn, der die Filmgestaltung 1 an der Filmakademie Baden-Württemberg unterrichtet, interessiert sich nach eigener Aussage nicht so sehr fürs fertige Gemälde und ist so zur Animation gekommen, die ihn aber wiederum in ihrer Perfektion auch kalt lässt. Konsequent sind seine Filme eher Aneinanderreihungen und Schichtungen von Einzelbildern (Ölmalerei, Zeichnung, Mixed Media Collagen), die alltägliche Begegnungen und gesellschaftliche Stimmungen aufgreifen. In diese essayistisch wirkenden Betrachtungen malt Kuhn dann oft sich oder eine Version seines Ichs als Protagonisten mit ins Bild. Fantastisch (unter anderem!): Sein „Zentralmuseum„, in dem ein Mann ein quasi nicht-besuchtes Museum erbt – hier trifft süffisante Kritik am objektgeilen Kunstbetrieb auf wehmütige Überlegungen zum Status/zur Nicht-Beachtung der Kunst an sich. Melancholisch ist das immer und pessimistisch im Grunde auch, doch Kuhns Filme jammern nicht, können sie dem vermeintlich Aussichtslosen immer noch ein Fünkchen Humor abgewinnen. Dass dieser leise Humor vielleicht langsam in den Sarkasmus kippt, könnte man höchstens bei seinem letzten Film, dem „Gerichtszeichner“ vermuten, der auch im Nationalen Wettbewerb gezeigt wurde. Es geht um Religion – gern von Kuhn thematisiert – und Religionsfreiheit. Ort des Geschehens ist ein Gerichtssaal, in dem einem Fanatiker, der aus religiösen Gründen anderen die Ohren abschneidet, der Prozess gemacht wird. Eine Frau in einer Kiste, die sagt, dass die Kiste sie von der Lust der Männer schütze, sagt für ihn aus. Am Schluss sprengt sich einer in die Luft. Man könnte das einfach Religionskritik nennen, könnte es aber auch Islamkritik nennen, ziemlich bissige. „Political Correctness“ sei seine Sache nicht, sagt Kuhn irgendwie dazu passend in der anschließenden Meisterklasse mit dem Journalisten Daniel Kothenschulte.

Auch nicht politisch korrekt und deswegen für die Jury des „Filmpreis für Geschlechtergerechtigkeit – Internationaler & Nationaler Wettbewerb“ umso preiswürdiger, was man vermutlich gleich wieder in diese seltsame Schublade der „Political Correctness“ hineinwurschteln kann: Die schwedische Performance-Crew „Juck“ (= bumsen), die das Zentrum des gleichnamigen Filmes bilden. Längst durch das ebenfalls so genannte Musikvideo von 2013 ein virales Wunder, haben sich nun die Regisseurinnen Olivia Kastebring, Julia Gumpert und Ulrika Bandeira des Themas angenommen. Man sieht die Gruppe mit ihrem Signature-Move – dem eckigen Stoßen des Beckens, als ob man die männliche Stoßbewegung imitieren würde – auf öffentlichen Plätzen, in U-Bahnen, aber auch im geschlossenen, theatral inszenierten Raum. Der Film fügt dem älteren Musikvideo nicht unbedingt viel hinzu, kann aber vielleicht die Aufmerksamkeit auf Performance/Tanz-Ansätze richten, die sich kritisch mit dem männlichen Blick auseinander setzen.

Juck“ lief in einem Teil des Internationalen Wettbewerbs, der ebenfalls barrierefrei war. Es wäre sehr spannend gewesen, zu erfahren, was Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung von „Juck“ hielten, wie sich die Stoßbewegung für sie auditiv und dann visuell übersetzt. Denn das ist ein weiteres Verdienst des barrierefreien Ansatzes: Dass er abseits aller physischen Zugänglichkeit neue (Diskussions)räume über Grenzen hinweg eröffnet, sodass man gemeinsam und vielleicht ganz neu über das Kino diskutieren kann. Wobei man sofort wieder bei Derek Jarman und seinem „Blue“ wäre. Als jemand, der selbst für seine Wahrnehmung der Welt sensibilisieren wollte, ist es fast nicht vorstellbar, dass die Untertitelung beim Filmfest Dresden für Jarman so ein No-Go gewesen wäre wie das für den Mann am Ausgang der Fall war. Im Gegenteil: Durch die Untertitel sind doch gleich noch ein paar mehr Menschen in seinem Kosmos. Und dieses Öffnen der persönlichen Welt, damit andere teilhaben können (selbst wenn man sie gleich wieder ab- und hinausstoßen möchte) – das macht das Medium Film oft gerade aus.

Marie Ketzscher

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20. April 2019 | In Allgemein

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