„Nach Wriezen“ von Daniel Abma


"Nach Wriezen": Auf den Knast folgt ein Leben im Unklaren.

"Nach Wriezen": Auf den Knast folgt ein Leben im Unklaren.

Was auch immer Freiheit ist

Der Titel „Nach Wriezen„, er lässt erst einmal auf eine Wegmarke, auf eine Fahrt oder eine Reise zu einem bestimmten Ort schließen. Tatsächlich aber handelt Daniel Abmas Dokumentation nicht von einem Punkt, den man erreichen kann. „Nach Wriezen“ erzählt von der Zeit danach – von drei Menschen, die gerade aus der Justizvollzugsanstalt Wriezen entlassen worden sind und die in eine Gesellschaft zurückgeschickt werden, die im Gegenzug für die wiedergegebene Freiheit die Eingliederung und die Anpassung fordert. Daniel Abma hat seine Protagonisten dafür drei Jahre lang im Alltag begleitet. Er blickt in ratlose Gesichter, wenn etwa im Imo auf dem Arbeitsamt vor einem Wust an Bürokratismus in die Knie geht, der einmal seine Eingliederung ins geregelte Arbeitsleben bedeuten soll. Abma verfolgt die Schrammen und die Wunden, die der Neubeginn bei allen hinterlässt. Seine Kamera blickt in müde Augen, die eine unklare Form von Hoffnung formulieren.

Am eindrücklichsten gelingt das bei Imo, ein bulliger Kerl mit kahl rasiertem Schädel und kantigem Gesicht, der vier Jahre seines Lebens an Wriezen verschenkt hat. Was tut so ein Entlassener, der mit 22 Jahren vor einem Nichts steht, das die Gesellschaft allgemeingültig als Freiheit definiert? „Erst ma Eene buffen“, erwidert Imo. Das „neue“ Leben, es beginnt mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, den es für Imo gibt: Alltag. Danach geht es zum Arbeitsamt, eine neue Wohnung muss gefunden werden. Ein Job. Geld. Imo richtet sich in einem runtergekommen, einem Bauhof ähnlichen Gehöft ein – bei Uwe, seinem Arbeitgeber, Vermieter und Freund in Personalunion. Harte körperliche Arbeit ist für den jungen Mann kein Problem, sein Leben scheint dagegen immer wieder an der Unmöglichkeit zu scheitern, sich anderen Menschen zu öffnen und sich in sie hinein zu versetzen. Imo löst Probleme mit körperlicher Gewalt, mit Drohungen und Starrsinn. Und dennoch wohnt dieser ungestümen Persönlichkeit eine offenliegende Zerbrechlichkeit inne. Die spröde Äußerlichkeit, die Imo vor der Kamera präsentiert, sie wird gebrochen von dem Wunsch nach Normalität, Eigenbestimmung und einem Raum für sich selbst.

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21. April 2013 | In Allgemein

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