„Die Erbinnen“ (OT: „Las herederas“) von Marcelo Martinessi


"The Heiresses" von Marcelo Martinessi ist der erste Wettbewerbsfilm der Berlinale aus Paryguay! © lababosacine

„The Heiresses“ von Marcelo Martinessi ist der erste Wettbewerbsfilm der Berlinale aus Paryguay! © lababosacine

Einfühlsame Geschichte einer Emanzipation

Kino aus Paraguay ist kaum sichtbar. Das hat den simplen Grund, dass nur sehr wenige Filme produziert werden und die Geschichte des Kinos in Paraguay sich im Wesentlichen auf Propagandawerke der jeweiligen politischen Führungen beschränkt. Dies hängt mit der schwachen wirtschaftlichen Struktur und Kraft zusammen, aber vor allem mit der repressiven politischen Atmosphäre, die offensichtlich für die Künste im Land keine Fördermöglichkeiten sichert. Auch für andere Länder Südamerikas ist die Situation nicht gerade komfortabel, doch bereits das Nachbarland Uruguay, aber auch Chile und insbesondere Argentinien können auf eine jüngere, in den letzten zwanzig Jahren sich entwickelnde, eigenständige und außergewöhnliche Filmlandschaft verweisen. Aufsehen erregte – zumindest in einzelnen Fachkreisen, ohne reguläre Kinoauswertung in Europa – daher umso mehr 2012 der Krimi-Thriller „7 cajas“ („7 Kisten„) von Juan Carlos Maneglia und Tana Schémbor, der als erster großer Spielfilm aus Paraguay alle Rekorde in Bezug auf Publikumszuspruch und Umsatz brach. Die Kritiker waren sich über die hohe Qualität einig.

Vor diesem Hintergrund kann „Las herederas“ von Marcelo Martinessi zum einen als eine rare Gelegenheit gesehen werden, ein Zeugnis des aktuellen künstlerischen Schaffens aus Paraguay zu erhalten. Der Film kam als umfangreiche Produktion mehrerer südamerikanischer und europäischer Geldgeber zustande. Darüber hinaus besteht aber das Werk als in sich geschlossene und wertvolle künstlerische Arbeit. Die Geschichte situiert sich in der Oberschicht des Landes. Die Protagonistinnen sind zwei reifere Frauen um die 60 Jahre, die seit Jahrzehnten nach einem eingefleischten Rhythmus zusammenleben. Chiquita (Margarita Irun) verkörpert dabei die extrovertierte, spontane und den Genussmitteln wie Zigaretten und Alkohol zugeneigte Person, Chela (Ana Brun) hingegen wirkt nachdenklich-zurückhaltend, mürrisch und leicht neurotisch. Tatsächlich widmet sich Chiquita den praktischen Dingen des gemeinsamen Lebens und der Pflege der sozialen Beziehungen.

Das Paar sieht sich mit einer außergewöhnlichen Situation konfrontiert, die ihren Alltag durcheinanderbringt. Chiquita hat offenbar Schulden gemacht, wird von der Bank wegen Betruges belangt und soll daher in Untersuchungshaft. Vorher organisiert sie eine Hausangestellte und versucht, mühsam einzelne Gegenstände und Kunstwerke aus dem gemeinsamen Besitz zu verkaufen. Ganz anders als Chiquita dies annimmt, entwickelt Chela einen neuen Tatendrang und beginnt ältere, wohlhabende Damen des Quartiers als persönliches Taxi durch die Stadt zu fahren. Sie kommt dabei aus ihrem vertrauten Umfeld heraus, muss sich neuen Herausforderungen stellen, wie dem Autofahren, wofür sie eigentlich offiziell gar nicht berechtigt wäre, und lernt dabei eine jüngere Frau kennen, die sie fasziniert.

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25. November 2018 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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