Vinterberg: "Jeder ist untreu"



Diese im Film beschriebenen WG-Diskussionsrunden, waren das gute Demokratie-Übungen?
Ja, die forderten ein Höchstmaß an Geduld ein. Die Diskussionen verliefen viel ausgedehnter, als wir das im Film zeigen. Es gab nämlich keine Abstimmungen, alles wurde ausdiskutiert. Die ein- oder zweimal, in denen abgestimmt wurde, nahmen alle als Niederlage wahr. Alles sollte so besprochen werden, dass jeder einverstanden ist. Das waren sehr lange Stunden, diese Suche nach dem Konsens kann sehr unterdrückend sein. Ich habe regelrecht allergische Reaktionen darauf entwickelt. Das merke ich bei Elterabenden in der Schule, wo ich regelmäßig durchdrehe und den Raum verlassen muss, weil ich diese Diskussionen nicht mehr aushalte.

Also hat sich ein kleines Trauma daraus entwickelt?
Ja und nein, denn gleichzeitig vermisse ich das sehr, weil es immer sehr interessant und auch lustig war. Ich habe einen der alten Freaks gefragt, worum es genau ging. Er sagte, darum, gegen ein System aufzubegehren. Gegen eine Klasse, der es wichtig war, in diesen riesigen Häusern zu leben. Ich lebte zwölf Jahre in unserer Kommune und in jedem Treffen diskutierten wir über eine Spülmaschine – und wir hatten nie eine Spülmaschine!

Neben dem Spaß zeigt der Film auch die Dramen und formuliert eine kritische Note, gerade was freie Liebe angeht?
Tobias Lindholm und ich konfrontieren unsere Zuschauer damit, dass niemand unersetzlich ist. Wir werden alle älter und irgendwann fällt unsere Haut von unseren Knochen. Bei offenen Beziehungen entsteht das Problem der Beziehungen durch die öffentliche Meinung und die sieht heute ganz anders aus: Untreue wird wie ein Verbrechen betrachtet. Damals bestand das Verbrechen darin, seinen Partner einzusperren. Beides ist eine Lüge. Jeder ist untreu – oder wenigstens die Hälfte der Bevölkerung. Also will eine Hälfte der Bevölkerung eine gemeinsame Isolation mit dem Partner. Daran scheitert die öffentliche Meinung – und jeder muss ein Rezept für sich finden. Respekt, Ehrlichkeit und Liebe für einander sollten das bestimmen und nicht die Angst davor, was wie drum herum wahrgenommen wird. Im Film ist Anna ein Opfer ihrer Zeit und derer Ideale. Sie versucht zu teilen, großzügig zu sein und zerbricht daran.

Sie haben Trine Dyrholm die Rolle Ihres Lebens auf den Leib geschrieben, für die sie auch den Silbernen Bären einheimste. Wie ist Verhältnis seit „Das Fest„?
Ich mochte Trine immer sehr, sie eine sehr gute Freundin, ist großzügig und höflich und als Schauspielerin das perfekte Instrument. Sie eignet sich für die Rolle, weil sie so gut ist. Ich fand es interessant, Ulrich Thomsen und sie nach „Das Fest“ noch einmal gemeinsam zu besetzen. Ich habe sehr eng mit Trine am Buch gearbeitet. Wir probten oft, schrieben und überarbeiteten gemeinsam. Ich wollte für alle Schauspieler, aber für Sie besonders, ein solides Fundament bauen, in dem sie loslassen und sich gehen lassen konnten. Sie sollten frei sein. Diese brutale Geschichte, die um sie herum erzählt wird, erfordert das.

Im Film wird unheimlich oft Alkohol getrunken und geraucht. War das damals wirklich so omnipräsent?
Ja, die haben schon sehr viel getrunken. Bier war immer da. Es hielt sie auf einem Level von Großzügigkeit, Entspanntheit und erlaubte so offene Gespräche. Genau da wirkt Alkohol am Besten. Wer Alkohol nicht missbraucht und vernünftig einsetzt, arbeitet mit einem bemerkenswerten Werkzeug! Mein nächster Film, den ich wieder mit Tobias Lindholm drehe, wird eine Hommage an den Alkohol.

Weiterlesen: Unsere Kritik „Der Übermensch“ zu Tobias Lindholms Regie-Arbeit „A War„…

Worum geht es da?
Um all die Dinge, die wir Alkohol verdanken. Ein Weltkrieg wurde dank eines Säufers gewonnen. Churchill war von früh bis spät besoffen. Einige der besten Romane aller Zeiten entstanden dank dem Einfluss von Alkohol. Offensichtlich haben wir begriffen, dass wir durch Alkohol sterben können, damit gehen wir um. Aber: Alkohol bringt Leben in Diskussionen, das weiß jeder.

Ein dünnes Eis…
Er ist doch sozial auch total akzeptiert. Ich finde das hochinteressant. Das wird mein nächster dänischer Film, dazwischen steht aber noch ein anderes Projekt an.

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