Mišel Matičević: "Wir Menschen lernen nur aus Schmerz und Leid"


Matičević fühlt sich von der Öffentlichkeit in eine Schublade gesteckt – und mag das nicht. Foto: Alamode Film

Wir haben Mišel Matičević, den Hauptdarsteller in Visar Morinas „Exil“, getroffen und uns zum Start des Film in den deutschen Kinos mit ihm über das Drama, seine Rollenauswahl und Diskriminierung unterhalten…

In „Exil“ spielen Sie Xhafer, einen Familienmenschen, der in der Mittelschicht angekommen ist, aber sich ob seiner Herkunft diskriminiert fühlt. Was passiert in dem Thriller mit ihm?
Matičević: Xhafer lebt schon lange in Deutschland, stammt aber aus dem Kosovo. Er arbeitet bei einer Pharma-Firma als Ingenieur, fühlt sich und seine Arbeit aber von einem Kollegen sabotiert. Die Frage ist, ob das stimmt? Oder ist es nur seine Fantasie. Das zieht ihn in eine Krise.

Exil“ spielt damit und entwickelt seine Kraft daraus, dass jeder Mensch eine eigene Wahrheit erlebt. In Xhafers Fall ist das fatal, seine Arbeit weckt etwas in oder bei ihm, vielleicht etwas aus seiner Biografie, das der Zuschauer nicht kennt, das er aber spürt. Was löst das Verhältnis zu dem Kollegen bei ihm aus?
Er fühlt sich und seine Arbeit torpediert und vermutet dahinter eine Diskriminierung.

Kennen Sie das aus Ihrem Leben?
Wenn das Diskriminierung oder auch ein Schlecht-Behandelt-werden durch einen Deutschen meint – der Film spielt ja in Deutschland -, ist mir das als Kind widerfahren. Bei mir waren das Lehrer. Ansonsten findet sich nicht viel Biographisches von mir darin, eher von Regisseur Visar Morina, der auch das Buch zum Film geschrieben hat.

Wie haben Sie diese Momente aus der Schulzeit verarbeitet?
Ich will kein Drama daraus machen. In der Schule wurde mir gesagt, ich sei nur Gast in diesem Land und habe mich gefälligst zu benehmen. Ich habe als Kind auch viel Unsinn gemacht, wie die anderen Kinder auch. Ich war aber der, der einige Male den Satz zu hören bekam. Als Kind hat mich das trotzig und dickköpfig werden lassen. Das habe ich beibehalten. Das ist vielleicht doch eine Parallele zu Xhafer. Fühle ich mich – wie er in „Exil“ – ungerecht behandelt, bin ich trotzig und lasse wenig mit mir diskutieren. Das ist ein Überbleibsel aus der Zeit, das hat mich geprägt.

Rassismus und Diskriminierung sind große Themen unserer Zeit. Die rassistischen Morde von Halle und Hanau oder die Black Lives Matters-Bewegung in den USA. Wie positionieren Sie sich?
Gewalt gibt es überall auf der Welt. Schnell landet man bei Floskeln, die sagen, was nicht sein darf und was man besser machen muss. Das ist immer das Gleiche. Es passiert aber nicht wirklich was. Wir regen uns nur kurz darüber auf. Aber ob im Jemen Krieg herrscht, weil sich zwei Regime bekämpfen, ob in Bagdad oder Kabul Autobomben hochgehen, ob in Afrika immer noch Kinder verdursten, weil sie keine Brunnen haben… all das nehmen wir hin. Wir müssen scheinbar erst alle blutig am Boden liegen, ehe wir merken, dass wir besser miteinander umgehen müssen. Wir Menschen lernen nur aus Schmerz und Leid, besser zu sein. Wir alle, egal ob weiß, schwarz oder braun, egal welche Religion, Herkunft oder Rasse. Mir geht das auf den Sack. Extremisten, Rassisten, Faschisten, überall – ich kann das nicht nur auf Deutschland beschränken. Klar, wir leben hier und sind deshalb unheimlich privilegiert, aber ich kann nicht nur die grauenvollen Taten von Hanau und Halle betrachten, denn da sind auch die anderen Orte überall. Wir gehen damit alle unterschiedlich um, der eine wird traurig, ich werde wütend.

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22. August 2020 | In Allgemein

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