Oscar Verleihung 2026 – ein Rückblick

In der Nacht zum Montag wurden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen und auch wenn die Gewinner in vielen Kategorien schon festzustehen schienen oder zumindest recht gut vorhersagbar waren, blieb es bis zum Schluss eine spannende Veranstaltung, die auch einige Überraschungen und historische Momente parat hatte. Viel war im Vorfeld spekuliert worden, ob der Frontrunner in allen Prognosen – ONE BATTLE AFTER ANOTHER – es tatsächlich über die Finish Line schaffen würde oder ob ihm sein stärkster Konkurrent – SINNERS – der immerhin mit 16 Nominierungen einen neuen Rekord aufgestellt hatte, doch noch den Hauptpreis abnehmen könnte. Um es kurz zu machen: die Academy liebt beide Filme und so konnten beide die Oscar Verleihung 2026 mit einem recht stattlichen Ergebnis abschließen.
Mit den Academy Awards für ONE BATTLE AFTER ANOTHER, SINNERS und auch WEAPONS stand vor allem ein Studio im Zentrum, dessen Übernahmeschlacht in den letzten Monaten für einige Unruhe in Hollywood gesorgt hatte. Die traditionsreichen Warner Brothers (WB) sollten zunächst vom Streamingriesen Netflix geschluckt werden, der seinen Filmen ein notorisch viel zu kurzes Zeitfenster für die Kinoauswertung zugesteht. Die oscarnominierten Netflix-Filme FRANKENSTEIN und TRAIN DREAMS waren nur 14 Tage lang in ausgewählten Kinos zu sehen, bevor ihre cineastische Pracht auf die Bildschirme der Netflix-Kunden verbannt wurde. Doch es kam noch schlimmer. WB-Konkurrent Paramount, seit einigen Jahren in der Hand der Trump-nahen Ellison-Familie, schlug mit einem feindlichen Übernahmeangebot zu, das von WB nach dem Rückzug von Netflix angenommen wurde. Wie es mit WB weitergeht, ob das Studio zerschlagen wird oder was das alles für den zukünftigen Output von WB bedeutet, bleibt abzuwarten. Die Prognosen gehen eher ins düstere. Das ist umso ärgerlicher, als 2025 das erfolgreichste Geschäftsjahr in der Geschichte von WB war. Das klassische Studio, das bis heute 86 Nominierungen in der Kategorie Bester Film einfahren konnte und zehnmal den Hauptpreis gewann – unter anderem für CASABLANCA (1943), MY FAIR LADY (1964), UNFORGIVEN (1992) oder THE DEPARTED (2006) – könnte schlimmstenfalls zum letzten Mal bei den Oscars vertreten gewesen sein.
Aber kommen wir zunächst zur Show selbst. Die verlief über weite Strecken recht unterhaltsam und kurzweilig, auch wenn einige Präsentatoren etwas zu lange brauchten, um zur Sache zu kommen und Disney, dem der übertragende Sender ABC gehört, nicht darauf verzichten mochte, einige kommenden Attraktionen anzukündigen. Dies lief leider zum Nachteil einiger Gewinner, denen die Regie vorschnell das Mikro abdrehte, um zu lange Dankesreden zu verhindern. Das betraf allerdings nur Gewinner der technischen Kategorien, die offensichtlich als weniger wichtig gelten. Manche dieser Gewinner hatten vielleicht nur diese eine Chance, einmal auf großer Bühne denen zu danken, die ihre Karriere ermöglicht haben. Diese Ungleichbehandlung hinterließ beim Publikum zu Hause wie im Saal kein gutes Gefühl und wurde im Saal entsprechend lautstark abgelehnt.
Zum zweiten Mal führte Komiker Conan O’Brien durch die Show und erwies sich erneut als glückliche Wahl. Die Show begann mit einem Einspieler, in dem O’Brien in der Maske von Tante Gladys, dem Charakter aus WEAPONS, der Veteranin Amy Madigan zu einem Liebling des Internets aufsteigen ließ, vor einer Horde schreiender Kinder durch einige markante Szenen der oscarnominierten Filme fliehen musste (inkl. einer animierten Version im Setting von KPOP DEMON HUNTERS), um schließlich auf der Bühne zu landen und zu einem launigen Eröffnungsmonolog anzusetzen. O’Brien machte sich unter anderem über Timothée Chalamets unglückliche Äußerungen zu Oper und Ballett lustig und schüttete einige Häme über den im Saal sitzenden Netflix-Boss Ted Sarandos aus, der dafür bekannt ist, dem Kinoerlebnis nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Darüber hinaus gab es Gags über ständige Werbeunterbrechungen, die der Oscar Verleihung drohen könnten, wenn sie in zwei Jahren von ABC zu YouTube wechselt. Auch die Affinität eines jüngeren Publikums, Filme auf dem Smartphone (wenn möglich noch hochkant) zu sehen oder während des Filme Sehens noch auf einen Second Screen (das Smartphone) zu schauen, wurden genüsslich durch den Kakao gezogen. Gleich mit seinem ersten Statement versicherte O’Brien dem Publikum, der letzte menschliche Moderator der Oscar Verleihung zu seien. Die Gefahr eines immer stärkeren und bedenkenloseren Einsatzes von KI hob später auch noch einmal Will Arnett bei der Präsentation der animierten Kurzfilme hervor.
Politisch blieb die Show dagegen weitestgehend harmlos. O’Brien vermied konkrete Kritik an der Regierung. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, wurde aber immer wieder fündig. O’Briens Vorschlag, man solle den Veranstaltungsort, das Dolby Theatre in Los Angeles, doch einfach in „Has a Small Penis Theatre“ umbenennen und dann schauen, wer seinen Namen darüber setzt, war noch der deutlichste Verweis auf den derzeitigen Mann im Weißen Haus. Ansonsten gab es kleinere Hinweise auf die aktuelle Situation in den USA und in der Welt von einigen Präsentatoren und Gewinnern, die sich vor allem in dem Wunsch nach Frieden ausdrückten. Den stärksten Auftritt in dieser Beziehung hatte gewiss David Borenstein, Gewinner des Oscars für den besten Dokumentarfilm (MR. NOBODY AGAINST PUTIN), der in einem flammenden Appell das Publikum aufrief, nicht ihr Land zu verlieren und einer stillen Komplizenschaft entgegenzutreten, wenn eine Regierung Menschen auf den Straßen „unserer“ großen Städte tötet oder alle schweigen, während Oligarchen Medienhäuser übernehmen und kontrollieren, was produziert oder konsumiert wird. Dagegen wirkte Javier Bardems „No to war and free Palestine“ angesichts der komplexen Weltlage doch etwas plakativ.
Der erste Oscar des Abends ging an die beste Nebendarstellerin und obwohl einiges gegen ihren Sieg sprach und es mit Wunmi Mosaku und Teyana Taylor zwei Kandidatinnen aus den beiden Top-Filmen unter den Nominierten gab, ging der Preis an Amy Madigan für ihre Darbietung der Tante Gladys im Horrorfilm WEAPONS. Ein toller Erfolg für die 75jährige Veteranin, die im Film erst spät auftaucht und nicht einmal Teil der Marketing-Kampagne des Films war. Ihre kurze, grausige Performance eroberte aber die Herzen von Kritik und Publikum, denn auch wenn Tante Gladys ein durch und durch bösartiger Charakter ist, lässt sich doch der Spaß, den Madigans Performance verursacht nicht leugnen. Ihre Dankesrede gehörte denn auch zu den charmantesten des ganzen Abends.
Als nächstes ging der Oscar für den besten Animierten Spielfilm erwart bar an den Netflix-Megahit KPOP DEMON HUNTERS, dem ersten Gewinner in dieser Kategorie, der zumindest teilweise eine koreanische Produktion war. Später sollte KPOP DEMON HUNTERS auch seine zweite Nominierung in einen Oscar umsetzen und für den besten Song gewinnen. Überhit „Golden“ ist damit auch der erste KPop-Song, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Es folgte ein kanadischer Sieg, als THE GIRL WHO CRIED PEARLS als bester animierter Kurzfilm gewann. FRANKENSTEIN erhielt im Laufe des Abends drei Oscars, zunächst für Kostüme sowie MakeUp & Hair Styling und später auch für das Production Design, deren Preisträger jeweils ausdrücklich Regisseur Guillermo del Toro dankten, sie an seiner Erschaffung fantastischer Welten beteiligt zu haben.
Nun stand das erste Highlight an, der Oscar für das beste Casting. Mit Paul Mescal (HAMNET), Gwyneth Paltrow (MARTY SUPREME), Chase Infiniti (ONE BATTLE AFTER ANOTHER), Wagner Moura (THE SECRET AGENT) und Delroy Lindo (SINNERS) präsentierten Darsteller aus den fünf nominierten Werken diesen neu ins Leben gerufenen Preis. Der erste Oscar für Casting ging überraschend an Cassandra Kulukundis für ihre Arbeit an ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Ihre Kollegin, die Veteranin Francine Maisler (SINNERS), galt als Top-Kandidatin dieser Kategorie. Wer wollte, konnte darin schon eine Vorentscheidung für der Hauptkategorie erkennen, doch SINNERS erlebte im Laufe der Show noch ein beeindruckendes Comeback.
Doch zunächst präsentierte Komiker Kumail Nanjiani den Oscar für den besten Live Action-Kurzfilm und musste dem verdutzten Publikum erklären, dass es ein Unentschieden, also zwei Gewinner gab. Das ist bei inzwischen ca. 11.000 votierenden Academy-Mitgliedern höchst unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich. Tatsächlich war dies schon der siebte geteilte Oscar in 98 Jahren. Den ersten gab es 1931/32, als Fredric March (DR. JEKYLL AND MR. HYDE) nur drei Stimmen mehr hatte als Wallace Beery (THE CHAMP). Nach den damaligen Regeln wurde der Oscar beiden Schauspielern zugesprochen. Direkt im Anschluss wurden die Regeln geändert. Seither kann der Oscar nur noch bei Stimmengleichheit an beide Gewinner_innen verliehen werden. Das bislang letzte Unentschieden gab es 2012 in der Kategorie Toneffekte, die von SKYFALL und von ZERO DARK THIRTY gewonnen wurde.
In diesem Jahr könnte auch die neue Regel ausschlaggebend gewesen sein, nach der nur die Academy Mitglieder stimmberechtigt waren, die alle fünf nominierten Filme der jeweiligen Kategorie gesehen haben. Zwar ist diese Regel leicht zu umgehen, doch gehören die Kurzfilm-Kategorien schon traditionell zu denen, die von den wenigsten Academy Mitgliedern gesehen werden, wodurch die Zahl der hier tatsächlich Abstimmenden signifikant kleiner ausgefallen sein dürfte, was wiederum ein Unentschieden wahrscheinlicher machte. Wie dem auch sei, der Oscar für den besten Live Action-Kurzfilm ging an THE SINGERS und an TWO PEOLPE EXCHANGING SALIVA und damit an zwei Filme, die sowohl inhaltlich als auch von ihrem künstlerischen Anspruch her unterschiedlicher kaum sein könnten.
Der nächste Oscar ging an den besten Nebendarsteller: Sean Penn in ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Penn, der aus seiner Abneigung gegenüber Preisverleihungen jeglicher Art seit Jahren keinen Hehl macht, zog es vor, auch diesmal fernzubleiben. Nach den Auszeichnungen für seine Hauptrollen in MYSTIC RIVER (2003) und MILK (2008) ist dies sein dritter Oscar. Einen dritten Oscar gab es im Anschluss auch für ONE BATTLE AFTER ANOTHER, der für das adaptierte Drehbuch ausgezeichnet wurde. Nach 13 erfolglosen Nominierungen konnte Paul Thomas Anderson endlich seinen ersten Oscar in den Armen halten. Es sollte nicht sein letzter bleiben. Der Oscar für das Original-Drehbuch ging an Ryan Coogler für SINNERS, der nach Jordan Peele (GET OUT, 2017) erst der zweite afroamerikanische Preisträger in dieser Kategorie ist. Beide Drehbuchoscars gingen damit an die Regisseure der beiden Top-Kandidaten für den Hauptpreis.
Ein emotionaler Höhepunkt war dann der Auftritt von Billy Crystal. Der frühere mehrfache Moderator der Oscarverleihung erinnerte an seinen Freund Rob Reiner, der vor wenigen Wochen gemeinsam mit seiner Frau ermordet wurde, mutmaßlich vom gemeinsamen Sohn. Reiner war nicht nur ein begnadeter Komiker (ALL IN THE FAMILY), sondern ritt in den 1980ern und frühen 1990ern mit Filmen wie THIS IS SPINAL TAP (1984), STAND BY ME (1986), THE PRINCESS BRIDE (1987), WHEN HARRY MET SALLY (1989) und MISERY (1990) auf einer bemerkenswerten Erfolgswelle. Sein Courtroom-Drama A FEW GOOD MEN war 1992 als Bester Film für den Oscar nominiert. Nach Crystals Eloge traten weitere noch lebende Darsteller jener Filme auf die Bühne, um Reiner ihren Respekt zu zollen. Die daran anschließende In Memorian-Sequenz gehörte zu den besten und respektvollsten, die ich je bei einer Oscar Verleihung gesehen habe. Zu den gewürdigten Stars und Filmschaffenden gehörten neben Claudia Cardinale, Robert Duvall, Val Kilmer oder Catherine O’Hara auch Diane Keaton und Robert Redford, denen Rachel McAdams und Barbra Streisand bewegende Abschiedsworte auf den Weg gaben.
Nachdem Blockbuster AVATAR: FIRE AND ASH mit Visual Effects seinen einzigen Oscar an diesem Abend gewann, wurde es doch nochmal politisch. Jimmy Kimmel, ebenfalls früherer Moderator der Oscar Show und im vergangenen Herbst beinahe geschasster Late Night Host, betrat die Bühne um die Dokumentarfilm-Oscars zu verleihen. Kimmel, dem man ein von gegenseitiger Verachtung geprägtes Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump nicht verübeln kann, erinnerte an die Bedeutung der Meinungsfreiheit und ließ zwei Spitzen gegen den so genannten Dokumentarfilm MELANIA los, bevor er ALL THE EMPTY ROOMS als besten Dokumentarkurzfilm verkündete. Die Preisträger ließen eine Mutter der im Film porträtierten, getöteten Kinder einen Appell gegen Schusswaffengewalt verkünden. Der Oscar für den besten Dokumentarfilm ging an MR. NOBODY AGAINST PUTIN, dem wohl viele der ausländischen Academy Mitglieder mehr Bedeutung beimaßen als dem technisch zwar brillanten, thematisch aber doch sehr Amerika-spezifischen THE PERFECT NEIGHBOR. Neben Regisseur David Borenstein wurde auch der Russe Pavel Talankin ausgezeichnet, der den Film größtenteils selber gedreht hatte.
Für die anschließend vergebenen Awards für Score und Sound kamen Melissa McCarthy, Rose Byrne, Kristen Wiig, Maya Rudolph und Ellie Kemper zu einer launigen Reunion anlässlich des 15. Jubiläums des Comedy-Klassikers BRIDESMAIDS auf die Bühne. Für die beste Filmmusik wurde der Schwede Ludwig Göransson ausgezeichnet, der damit nach BLACK PANTHER (2018) und OPPENHEIMER (2023) bereits seinen dritten Oscar gewann und im nächsten Jahr sehr wahrscheinlich mit seiner Arbeit für Christopher Nolans THE ODYSSEE erneut vertreten sein dürfte. Der Award für den besten Sound ging erwartungsgemäß an den Hochglanz-Werbefilm F1. Ein Preis, der angesichts der herkulischen Aufgabe, der sich das Team bei der Kreation der immersiven Soundlandschaft des Films stellte, durchaus angemessen war, auch wenn F1 in allen anderen Belangen (Kamera und visuelle Effekte ausgenommen) eher dem ähnelt, was von Rennautos nach einer Karambolage übrigbleibt.
Im Anschluss wurde Andy Jurgensen für seine schnörkellose Montage von ONE BATTLE AFTER ANOTHER mit dem Oscar für den besten Film-Schnitt ausgezeichnet. Das Pacing dieses 2,5 Stundenfilms ist eine Master Class für sich. Jurgensen sorgte auch für eine schönes Stück Gay Represantation, als er nach Verkündung seines Namens seinen Mann leidenschaftlich küsste. Der Oscar für die beste Kamera hatte dann doch noch eine Überraschung parat. Hier hatte der favorisierte ONE BATTLE AFTER ANOTHER das Nachsehen. Aber wer will sich beschweren, wenn die Academy Geschichte schreibt. Mit Autumn Durand Arkapaw (SINNERS) wurde erstmals in dieser Kategorie eine Frau ausgezeichnet. Damit wurde der letzte Boys Club der Academy genommen. Erst 2017 war mit Rachel Morrison (MUDBOUND) erstmals eine Kamerafrau nominiert worden. Es folgten Ari Wegner (THE POWER OF THE DOG, 2021) und Mandy Walker (ELVIS, 2022). Doch Arkapaw, deren Vorfahren Filipinos und Schwarze Kreolen sind, riss noch eine weitere Barriere. Sie ist die erste Person of Color, die diesen Award gewann. Remi Adefarasin (ELIZABETH, 1998) und Bradford Young (ARRIVAL, 2016) waren die bislang einzigen oscarnominierten schwarzen Kameramänner.
In der Kategorie Internationaler Film setzte sich das Familiendrama SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier durch, das als erste norwegische Produktion einen Oscar gewinnen konnte. Damit war auch klar, dass der von vielen favorisierte brasilianische Anti-Thriller THE SECRET AGENT nur noch in der Kategorie Hauptdarsteller eine, wenn auch geringe, Chance auf den Oscar haben würde. Es folgte der Preis für die beste Regie und auch wenn einige Kommentatoren einen Zweikampf Coogler/Anderson herbei fantasierten, stand der Gewinner praktisch fest. Paul Thomas Anderson gewann 30 Jahre nach seinem Debüt endlich den Oscar in dieser Kategorie. Es war ein hochverdienter Erfolg und ohne die Leistung der anderen Nominierten schmälern zu wollen, war Anderson an diesem Abend auch der einzige richtige Gewinner dieses Oscars. ONE BATTLE AFTER ANOTHER hatte damit bereits fünf Oscars gewonnen, während SINNERS auf drei kam.
Das änderte sich mit der nächsten Kategorie. Vorjahressieger Adrien Brody (THE BRUTALIST) erinnerte in seiner Präsentation an seine sehr lange und sehr konfuse Dankesrede, mit der er immerhin einen Rekord aufgestellt hatte. Brody verschluckte zunächst einen Kaugummi, holte dann eine Kladde von Zetteln aus dem Anzug, bevor er von anschwellender Musik unterbrochen wurde. Als Gewinner verkündete er schließlich Michael B. Jordan für SINNERS. Der hatte das Feld während der Oscar Season langsam, aber am Ende mit immer mehr Nachdruck von hinten aufgerollt. Galt noch vor wenigen Wochen Timothée Chalamet als der sichere Gewinner dieses Oscars, gewann Jordan den Actor Award und erinnerte daran, dass er auch zahlreiche Kritikerpreise bekommen hatte. Jordan ist nach Lee Marvin (CAT BALLOU, 1965) erst der zweite Schauspieler, der für multiple Rollen in einem Film ausgezeichnet wurde. Er ist der Erste, der für das Porträt von Zwillingen gewann und – vielleicht noch schöner – der Erste, der für die Darstellung eines Vampirs mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Mit Amy Madigan und Michael B. Jordan gewannen erstmals zwei Horror-Performances in einem Jahr.
Michael B. Jordan ist auch erst die siebte afroamerikanische Person, die einen Oscar für eine Hauptrolle gewann. Sidney Poitier (LILIES OF THE FIELD, 1963), Denzel Washington (TRAINING DAY, 2001), Jamie Foxx (RAY, 2004), Forest Whitaker (THE LAST KING OF SCOTLAND, 2006) und Will Smith (KING RICHARD, 2021) wurden als Hauptdarsteller gewürdigt. Halle Berry (MONSTER’S BALL, 2001) ist nach wie vor die einzige afroamerikanische Hauptdarstellerin, die gewann.
Der Oscar für die Hauptdarstellerin in diesem Jahr ging erwartungsgemäß an Jessie Buckley für ihre bewegende, hochemotionale Performance in HAMNET, der damit, anders als BUGONIA, MARTY SUPREME, THE SECRET AGENT und TRAIN DREAMS, wenigstens einen Oscar gewann. Buckley, die sich in den letzten zehn Jahren mit einer klugen Rollenauswahl und starken Auftritten einen exzellenten Ruf erworben hat, ist damit die erste irische Schauspielerin, die mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde.
Den letzten Oscar des Abends gab es schließlich für den Besten Film. ONE BATTLE AFTER ANOTHER hatte bislang fünf Preise gewonnen, SINNERS vier. Das Portfolio des Horrorfilms – Drehbuch, Hauptdarsteller, Kamera und Score – hätte in jedem anderen Jahr wohl auch den Hauptpreis gerechtfertigt. BATTLE hatte allerdings neben Drehbuch, Nebendarsteller, Casting und Schnitt auch den Regieoscar gewonnen und allein die Kombination Drehbuch, Regie, Schnitt ist traditionell unschlagbar. ONE BATTLE AFTER ANOTHER wurde also als Bester Film ausgezeichnet. Paul Thomas Anderson gewann als Produzent seinen dritten Oscar des Abends, sein Film den sechsten. Das ist die Krönung einer langen und bemerkenswerten Karriere.
Es ist aber auch der seltene Fall, dass der Oscar für den Besten Film tatsächlich an den (zumindest meiner Meinung nach) besten Film des Jahres geht. In den mehr als dreißig Jahren, die ich die Oscars nun schon aktiv verfolge, wurde nur dreimal mein persönlicher Lieblingsfilm des jeweiligen Jahrgangs mit dem Top-Oscar ausgezeichnet, alle drei in den letzten zehn Jahren. Nach PARASITE (2019) und EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (2022) nun also ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Mit anderen Worten: die Veränderungen, die von der Academy in den letzten zehn Jahren in Bezug auf Diversität und Repräsentation unternommen wurden, haben sich in meinen Augen ausgezahlt. Die Oscars sind nach wie vor nicht perfekt. Sie werden es nie sein. Man ist aber im Großen und Ganzen auf einem guten Weg und so bin ich schon gespannt, was die nächste, die 99. Oscar Saison bringen wird. Mit THE ODYSSEE, MOTHER MARY, DIGGER, DISCLOSURE DAY oder DUNE 3 stehen schon einige Kandidaten in den Startlöchern.
Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.