Oscarverleihung 2026 – eine Prognose, Teil #3


Jessie Buckley als Agnes und Paul Mescal als William Shakespeare in Chloé Zhaos HAMNET, einem Focus Features Release; Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
Jessie Buckley als Agnes und Paul Mescal als William Shakespeare in Chloé Zhaos HAMNET, einem Focus Features Release; Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen. Nachdem es in Teil #1 um die Kurzfilme, die Dokumentarfilme und die Animierten Spielfilme und in Teil #2 um die technischen Kategorien ging, schauen wir uns heute die vier Schauspielkategorien und den neuen Academy Award für Best Casting an.

Die Precursor Awards im Vorfeld der Oscars haben bei den Schauspieler_innen ein weites Feld eröffnet. Nur eine Kategorie hat einen Sweeper, eine Kandidatin, die alle wichtigen Preise abgeräumt hat und deren Triumph bei den Oscars nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden kann. In zwei Kategorien ist das Rennen so offen, wie lange nicht und mit einer beginnen wir direkt.

I. Nebendarstellerin

Keine der Nominierten hat mehr als einen Precursor Award gewonnen, mit einer Ausnahme.
Wird gewinnen: Amy Madigan in WEAPONS. Madigan hat mit CCA und Actor Award als Einzige hier Nominierte zwei Precursor gewonnen. Sie ist aber auch die einzige Nominierung für ihren Film und statistisch gesehen müsste sie daher, um auch den Oscar zu holen, ein Sweeper sein. Die letzten drei Oscargewinner_innen, die für alleinstehende Nominierungen gewannen, waren Julianne Moore (STILL ALICE, 2014), Christopher Plummer (BEGINNERS, 2011) und Penelope Cruz (VICKY CHRISTINA BARCELONA, 2008) – und sie waren alle Sweeper. Glenn Close auf der anderen Seite hat mit THE WIFE (2018) alle Precursor bis auf einen (den BAFTA) gewonnen und ging bei den Oscars leer aus. Was also spricht dennoch für Madigan?

Im Horrorfilm WEAPONS tritt Amy Madigan als Tante Gladys auf und liefert eine der populärsten Figuren des vergangenen Kinojahres – einen Charakter, der in einer Liga mit den großen Horror-Villains wie Norman Bates, Michael Myers oder Freddy Krüger spielt. Von Statur und Wirkung erinnert sie aber am ehesten an Minnie Castevet, die schrullig-freundliche Satanisten-Nachbarin in ROSEMARY’S BABY, für die Ruth Gordon 1968 den Oscar als Nebendarstellerin gewann. Tante Gladys taucht erst spät im Film auf. Doch von dem Moment, da die ältere Dame mit der roten Perücke, der großen Brille und dem dick aufgetragenen Lippenstift auf der Leinwand erscheint, hat sie unsere volle Aufmerksamkeit. Sie sticht aus dem verzweifelt nach verschwundenen Kindern suchendem Vorstadt-Ensemble heraus und man ahnt sofort, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Und tatsächlich ist Tante Gladys – SPOILER ALERT! – ein abgrundtief bösartiger Charakter. Sie kommandiert, manipuliert und hat magische Kräfte.

Die 75jährige Madigan hat für diese Performance viel Zuspruch erfahren. Das Internet liebt sie und bei den Kritikerpreisen liegt sie uneinholbar vorne. Unterm Strich hat sie die beste Chance auf diesen Oscar, es würde mich aber nicht wundern (siehe oben), wenn sie doch leer ausgeht. Sollte sie gewinnen, würde sich gewiss auch Ed Harris freuen, mit dem Madigan seit 1983 verheiratet ist. Harris war viermal nominiert, hat den Oscar aber noch nicht gewonnen.

Sollte gewinnen: Teyana Taylor in ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Die Neo Soul-Sängerin blickt auf eine noch recht überschaubare Kinokarriere. Ihren bislang stärksten Auftritt hatte sie vor zwei Jahren im Drama A THOUSAND AND ONE. In ONE BATTLE AFTER ANOTHER spielt sie Perfidia Beverly Hills, eine charismatische Untergrundkämpferin, die nach einem gescheiterten Banküberfall zur Verräterin wird und untertaucht. Perfidia gehört die erste halbe Stunde des Films (etwa ein Fünftel). Auch wenn sie danach die Handlung verlässt, bleibt ihre Figur doch weiterhin präsent und hat Einfluss auf die Entscheidungen der anderen Charaktere. Es ist eine starke Performance. Taylor war für alle Nebendarstellerinnen-Preise nominiert und gewann auch einige – von den Precursor-Awards allerdings nur den von Journalisten vergebenen Golden Globe.

Die aus Nigeria stammende Britin Wunmi Mosaku hat dagegen für SINNERS den wichtigeren BAFTA gewonnen und tritt für den stärksten Konkurrenten von ONE BATTLE AFTER ANOTHER an. Mosaku spielt Annie, eine Voodoo-Priesterin, die mit Smoke (Michael B. Jordan) liiert war und mit ihm ein früh verstorbenes Kind hatte. Beim Angriff der Vampire, weiß Annie als Einzige, wie man der Bedrohung begegnen kann. Im vielschichtigen SINNERS-Ensemble ist Annie die sympathischste und wärmste Figur, weshalb ihr Ende besonders tragisch erscheint. Auch Mosaku war für fast alle Awards nominiert und hat nach Madigan die meisten Kritikerpreise gewonnen. Im Triell Madigan/Taylor/Mosaku könnte die Britin die Nase vorne haben.

Außerdem nominiert: Elle Fanning, die in SENTIMENTAL VALUE den Hollywood-Star Rachel Kemp spielt. Die junge Frau ist ein Celebrity mit großer Followerschaft, die sich danach sehnt, als Schauspielerin ernst genommen zu werden. Als die europäische Regie-Legende Gustav Borg (Stellan Skarsgård) ihr eine Hauptrolle in seinem letzten Film anbietet, greift sie beherzt zu, muss aber bald feststellen, dass sie der Herausforderung nicht gewachsen ist. Rachel Kemp könnte eine lächerliche Figur sein, doch Drehbuch, Regie und Fanning lassen das nicht zu. Auch wenn sie im komplexen Familienkonstrukt des Films die krasse Außenseiterin ist, fühlen wir mit ihr. Elle Fanning ist trotz ihres jungen Alters schon lange im Geschäft. Sie trat in so unterschiedlichen Filmen wie THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON (2008), SOMEWHERE (2010), SUPER 8 (2011), THE NEON DEMON (2016) oder A COMPLETE UNKNOWN (2024) auf.

Die große Entdeckung in SENTIMENTAL VALUE ist daher nicht Fanning, sondern Inga Ibsdotter Lilleaas, die Agnes, die jüngere der beiden Töchter von Gustav Borg spielt. Vor der Premiere des Films in Cannes im vergangenen Mai, war Lilleaas außerhalb ihrer norwegischen Heimat praktisch unbekannt. Doch mit ihrer emphatischen Performance eroberte sie Publikum und Kritik im Sturm. Agnes ist der Ruhepol des Films. Sie versucht, die Familie zusammen zu halten. Anders als die mit mentalen Problemen kämpfende Nora (Renate Reinsve) hat Agnes eine mögliche Schauspielkarriere zugunsten eines geordneten Lebens aufgegeben. Doch das problematische Verhalten ihres Vaters hat auch bei ihr tiefe Spuren hinterlassen. Lilleaas gelingt von den fünf hier Nominierten die nach meiner Meinung beste Performance. Sie hätte den Oscar verdient. Immerhin steht ihr die Tür nach Hollywood nun weit offen und man darf gespannt sein, was sie daraus macht.

II. Nebendarsteller

Auch hier konnten sich die Precursor lange nicht auf einen Kandidaten einigen, doch am Ende hat sich ein Favorit heraus kristallisiert.
Wird gewinnen: Sean Penn, der in ONE BATTLE AFTER ANOTHER den Colonel Steven J. Lockjaw spielt, einen Ordnungsfanatiker und unbarmherzigen Jäger linker Revoluzzer. Lockjaw ist ein Bösewicht von der traurigen Gestalt – ein Rassist mit einem Fetisch für afroamerikanische Frauen. Als ihm Perfidia in die Hände fällt, beginnt er eine Affäre mit ihr. Als sie ihn verlässt, bleibt er gebrochen zurück. Gnadenlos will er alle Spuren dieser Geschichte beseitigen, auch die junge Frau, die seine Tochter sein könnte. Sein verzweifeltes Bemühen, einer White Supremacist-Gruppe, dem Christmas Adventurers Club beizutreten, wirkt fast tragisch. Doch bei aller Lächerlichkeit ist Lockjaw auch ein kreuzgefährlicher Gegenspieler. Der für seine eher linksliberalen Ansichten bekannte Sean Penn spielt diesen Faschisten mit großer Liebe fürs Detail. Er verpasst dem durchtrainierten Offizier einen seltsam ungelenken Gang und seiner Mimik einen schrägen Tick, von der unmöglichen Frisur ganz zu schweigen.

Penn gewann dafür im Vorfeld den BAFTA und den Actor Award und hat nun die besten Aussichten, einen weiteren Oscar zu gewinnen. BATTLE ist seine sechste Nominierung in 30 Jahren, die erste als Nebendarsteller. Zweimal gewann er: 2003 für MYSTIC RIVER und 2008 für MILK. Sollte er auch für BATTLE gewinnen, würde Penn in den kleinen erlauchten Kreis der dreifachen Oscarpreisträger aufsteigen: Walter Brennan (1936, 1938 und 1940), Ingrid Bergman (1944, 1956 und 1974), Jack Nicholson (1975, 1983 und 1997), Meryl Streep (1979, 1982 und 2011), Daniel Day-Lewis (1989, 2007 und 2012) und Frances McDormand (1996, 2017 und 2020). Nur Katherine Hepburn gewann vier Oscars (1932/33, 1967, 1968 und 1981).

Sollte gewinnen: Stellan Skarsgård in SENTIMENTAL VALUE. Der 74jährige war für fast alle Preise nominiert und hat zumindest den Golden Globe gewonnen. Er tritt als berühmter Filmregisseur Gustav Borg auf, der zwar für seine Kunst geschätzt wird, dem es aber vor allem in Bezug auf seine Familie an emotionaler Intelligenz mangelt. Früh verlässt er die Familie und bleibt für die Töchter Nora und Agnes eine Leerstelle. Als er nach dem Tod ihrer Mutter wieder auftaucht, lässt Gustavs Unfähigkeit, eine familiäre Beziehung aufzubauen alte Konflikte aufbrechen. Skarsgård spielt diesen schwierigen Charakter mit dem ihm angeborenen Charme. Er weiß um seine Fehler, kann aber nur über seine Kunst kommunizieren. Es ist keine laute Performance. Aber Skarsgård genügen schon kleine mimische Nuancen, um einen Charakter auszufüllen. Er begann seine Karriere in den 1960er Jahren im schwedischen Fernsehen, spielte aber seit den späten 1980ern immer wieder auch Rollen in großen Hollywoodproduktionen. SENTIMENTAL VALUE ist seine erste Nominierung.

Auch Delroy Lindo (73) ist schon lange im Geschäft. Seinen ersten Kinoauftritt hatte er 1976. Über die Jahre hat sich Lindo einen Namen als versierter Charakterdarsteller erarbeitet. In SINNERS spielt er den alten Blues-Haudegen Delta Slim, einen Mann, der seine prekäre Existenz im Alkohol ertränkt. Er gibt dem jungen Musiker Sammie Tipps, hat aber auch einen emotionalen Moment, als er von einem vor Jahren von einem weißen Mob gelynchten Freund berichtet. Delta Slim ist eine perfekte Nebenrolle – ein Scene-Stealer, der aber nie zu viel Raum einnimmt, um von der eigentlichen Story abzulenken. Lindo zeichnet eine Figur, die trotz gerade mal 18 Minuten Screentime in Erinnerung bleibt. Sein Weg zum Oscar ist allerdings ein schwieriger. Er war zwar für einige Kritikerpreise nominiert und hat auch einige gewonnen. Bei den Precursor Awards wurde er allerdings nirgendwo aufgestellt, weshalb die Oscarnominierung eine erfreuliche (und verdiente) Überraschung war. Einen Oscar ohne vorherige Nominierung bei diesen wichtigen Awards zu gewinnen, ist fast unmöglich. Doch auch hier gibt es eine Ausnahme. Im Jahr 2000 erhielt Marcia Gay Harden ohne „Vorwarnung“ durch die Precursor den Oscar für POLLOCK. Sie ist aber auch die bislang Einzige, der das gelang.

Außerdem nominiert: Benicio del Toro, der in ONE BATTLE AFTER ANOTHER sozusagen den Gegenpol zu Sean Penns Charakter bildet. Sein Sensei Sergio ist ein in sich ruhender Karatelehrer, der nebenbei eine Art Underground Railroad für mexikanische Flüchtlinge betreibt. Del Toro spielt diese Figur mit sagenhafter Lässigkeit. Solange er bei Bob (DiCaprio) ist, weiß man diesen in Sicherheit. Galt zunächst Penn als wahrscheinlichster Oscarkandidat, überflügelte ihn del Toro zwischenzeitlich bei den Kritikerpreisen, was ihm wohl auch diese Nominierung sicherte. Del Toro ist seit fast 40 Jahren im Geschäft und hatte 1987 eine seiner ersten Rollen in MIAMI VICE, bevor er zwei Jahre später als brutaler Handlanger des Bond-Bösewichts in LICENCE TO KILL einem größeren Publikum auffiel. Nun ist er zum drittenmal für den Oscar nominiert. Del Toro gewann im Jahr 2000 für TRAFFIC.

Zumindest den Hauch einer Chance hat auch Jacob Elordi für FRANKENSTEIN. Der fast 2 m große Brite begann seine Karriere vor zehn Jahren und wurde durch die TV-Serie EUPHORIA bekannt. Nach Rollen in PRISCILLA und SALTBURN (beide 2023) ist er nun erstmals nominiert. Neben all den technischen Schauwerten ist Elordis Darstellung der Kreatur das Beste an FRANKENSTEIN. Er verleiht dem Monster eine empfindsame Tragik. Elordi hat dafür viel Lob bekommen und nachdem er den CCA gewann, sahen ihn manche bei den Oscars schon vorn. Sollte Elordi (28) gewinnen, wäre er der zweitjüngste Preisträger unter den männlichen Schauspielern (Haupt- oder Nebenrolle). Nur Timothy Hutton war jünger, als er 1980 im Alter von 20 Jahren als Nebendarsteller für ORDINARY PEOPLE gewann.

Eine Besprechung zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER findet ihr hier.

III. Hauptdarstellerin

Wird gewinnen: Jessie Buckley als Agnes in HAMNET. Sie spielt eine junge naturverbundene Frau, die sich im 16. Jahrhundert in einen attraktiven Lateinlehrer verliebt, der nebenbei Theaterstücke verfasst. Später heiratet sie Will Shakespeare und schenkt ihm drei Kinder, die sie größtenteils alleine großzieht, da sich Will im fernen London um seine Karriere kümmert. Als ihr Sohn Hamnet stirbt, stürzt Agnes in einen Abgrund aus Trauer und Wut. Buckleys ergreifende Performance ist das Herz dieses Films. Ihr Leid ist so überwältigend, dass es fast physisch spürbar ist. Am Ende des Film erlangt sie eine Katharsis, die auch das Publikum erleichtert zurücklässt. Die irische Sängerin Buckley hat sich in den vergangenen zehn Jahren mit mutigen Rollen eine stetig wachsende Fangemeinde erworben. Ihr Trademark, das spöttische Lächeln, ist auch in HAMNET zu sehen. Neben Auftritten in Serien wie TABOO (2017) oder CHERNOBYL (2019) glänzte Buckley in den Filmen WILD ROSE (2018), I’M THINKING OF ENDING THINGS (2020) oder WOMEN TALKING (2022). Für THE LOST DAUGHTER (2021) war sie erstmals nominiert. Mit THE LOST DAUGHTER (R: Maggie Gyllenhaal) und HAMNET (R: Chloé Zhao) ist Buckley die einzige Person, deren beide Oscarnominierungen unter der Regie von Frauen entstanden. Für Hamnet hat Buckley nicht nur viele Kritikerpreise bekommen. Sie gewann auch sämtliche Precursor (CCA, BAFTA, Actor und Golden Globe-Drama). Der Oscar ist ihr nicht mehr zu nehmen.

Besprechungen zu HAMNET findet ihr hier und hier.

Sollte gewinnen: Rose Byrne, die als Psychiologin Linda in IF I HAD LEGS I’D KICK YOU in eine tiefe seelische Krise stürzt, da sie von ihrer Mutterschaft überfordert ist und befürchtet, allmählich den Verstand zu verlieren. Der Film ist eine Tour de Force, in dem sich reale und surreale Ereignisse zu einem stetig anwachsenden Chaos steigern, dem die verzweifelte Linda zunehmend hilflos gegenüber steht. Das Kind quengelt, der abwesende Gatte hört nicht zu, eine Patientin verschwindet einfach und ihr Therapeut verhält sich ablehnend. Und dann gibt es da noch das riesige Loch in der Decke, dass ihr Wohnung unbewohnbar macht. Byrnes Performance in diesem Film ist schlicht grandios und bei aller Tragik auch umwerfend komisch. Die Australierin, seit gut 30 Jahren im Geschäft, kann ihr Potential voll ausspielen. Leider war der Film kein großer Hit. Trotz zahlreicher Kritikerpreise und einem Golden Globe (Comedy or Musical) war zu befürchten, dass die Academy den Film übersieht. Auch wenn Byrne den Oscar verdient hätte, muss man schon die Nominierung (die Erste für Byrne) als Erfolg verstehen.

Eine Besprechung zu IF I HAD LEGS I’D KICK YOU findet ihr hier.

Außerdem nominiert: Kate Hudson als Claire, Sängerin einer Neil Diamond-Coverband in SONG SUNG BLUE. In dem auf einer wahren Geschichte beruhenden Film lernt Claire den Sänger Mike (Hugh Jackman) kennen, mit dem sie besagte Band gründet und lokale Erfolge feiert. Die beiden werden ein Paar, alles läuft gut, als Claire eines morgens von einem Auto angefahren wird und ein Bein verliert. Das Feel-Good-Movie wird zum Drama, da Claire noch weitere Schicksalsschläge einstecken muss. Hudson, Tochter von Goldie Hawn, stand vor 30 Jahren noch als Teenie erstmals vor der Kamera. SONG SUNG BLUE ist ihre zweite Nominierung, 25 Jahre nach der ersten für ALMOST FAMOUS. Um es kurz zu machen: sie ist das Beste an einem Film, der ohne ihren Auftritt keiner weiteren Worte wert wäre.

Renate Reinsve andererseits hat in Joachim Triers SENTIMENTAL VALUE einen famosen Auftritt. Die Norwegerin erspielte sich vor vier Jahren in Triers letzten Film DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT internationale Aufmerksamkeit. Schon damals galt sie mit ihrem Porträt einer jungen unentschlossenen Frau als potentielle Oscarkandidatin. In SENTIMENTAL VALUE ist sie Nora, die ältere Tochter des Regisseurs Gustav Borg, die unter den Streitereien ihrer Eltern und später der Abwesenheit des Vaters leidet. Inzwischen ist sie ein gefeierter Bühnenstar, die aber vor Auftritten von furiosem Lampenfieber geplagt wird. Als Gustav sich wieder in das Leben seiner Töchter schummelt und Nora die Hauptrolle in seinem letzten Film anbietet, lehnt sie brüskiert ab. Reinsves Performance ist umwerfend. Sie spielt Nora uneitel als verletzte Person mit mentalen Problemen, der es wie Gustav schwer fällt, kontinuierliche Beziehungen aufzubauen. Wäre SENTIMENTAL VALUE ein englischsprachiger Film, würde sich die Frage nach dem Oscar nochmal anders gestalten. So ist die Nominierung schon ein Triumph.

Emma Stone schließlich ist für ihren Part in BUGONIA als Geschäftsfrau, die von zwei Hinterwäldlern für ein Alien gehalten wird, zum fünften Mal als Schauspielerin nominiert (dazu kommen zwei weitere Nominierungen als Produzentin). Stone ist inzwischen so etwas wie ein Academy Favorite. In BUGONIA zeigt sie sich wieder von einer anderen Seite und dehnt ihr Rollenspektrum weiter aus. Als Michelle ist sie eine toughe, durchtrainierte junge Frau, die ihren Entführern intellektuell weit überlegen ist. Blitzschnell checkt sie die Lage und sucht nach Wegen, ihr zu entkommen. Stone gewann bereits zwei Oscars als Hauptdarstellerin: 2016 für LA LA LAND und 2023 für POOR THINGS.

Eine Besprechung zu BUGONIA findet ihr hier.

IV. Hauptdarsteller

Hier gab es lange einen klaren Frontrunner, doch auf den letzten Metern kam er ins Straucheln und muss jetzt befürchten, doch wieder leer auszugehen.
Wird gewinnen: Timothée Chalamet sah in MARTY SUPREME schon uneinholbar wie der Gewinner aus. Er gewann viele Kritikerpreise, CCA und Golden Globe (Comedy or Musical). Doch BAFTA und Actor Award waren anderer Meinung. Chalamets Oscar-Kampagne, in der er sich als Internet-Celebrity feierte und Auftritte als Rapper (!) hin legte, kam wohl nur bedingt gut an. Doch an seiner Qualität als Schauspieler gibt es keinen Zweifel und seine Performance als Marty Mauser, dem arroganten PingPong-Champion von New York, der sich auf dem Weg zur Weltmeisterschaft selbst am meisten im Weg steht, ist die beste seiner Karriere. Die begann 2009 mit Fernsehauftritten, bevor ihn CALL ME BY YOUR NAME (2017), für den er erstmals nominiert war, zum Star machte. Seitdem war Chalamet sowohl in Indie-Produktionen als auch in großen Blockbustern zu sehen und wurde im vergangenen Jahr für A COMPLETE UNKNOWN erneut nominiert. Sollte er für MARTY SUPREME gewinnen, wäre er nach Adrien Brody (2002) und Richard Dreyfuss (1977) der drittjüngste Preisträger in dieser Kategorie. Doch wie es aussieht, wird Chalamet noch etwas warten müssen. Bei den BAFTAs verlor er gegen Robert Aramayo in I SWEAR, einer britischen Produktion, die erst in diesen Tagen in die amerikanischen Kinos kommt, also erst nächstes Jahr für den Oscar nominiert werden kann. Dramatischer für Chalamet war allerdings, dass der Actor Award an den Schauspieler ging, der auch bei den Kritikerpreisen sein stärkster Konkurrent war.

Michael B. Jordan, der in SINNERS die Zwillinge Smoke und Stack spielt, die, nachdem sie in den Schützengräben des I. Weltkriegs kämpften und sich später als Handlanger von Al Capone verdingten, in ihr heimatliches Südstaaten-Kaff zurückkehren, um dort mit gestohlenem Geld einen Juke Joint zu eröffnen. Smoke und Stack sind hart gekochte Gangster, ansonsten aber von sehr unterschiedlichem Temperament. Während Stack ein Draufgänger von fröhlichem Gemüt ist, wird Smoke von alter Schuld verfolgt und ist immer auf der Hut. Jordans Karriere begann vor 26 Jahren mit kleinen Auftritten in Fernsehserien (THE SOPRANOS, THE WIRE). Seit 2013 verbindet ihn eine enge kreative Partnerschaft und wohl auch Freundschaft mit SINNERS-Regisseur Ryan Coogler. Jordan ist in allen Coogler-Filmen (FRUITVILE STATION, CREED, beide BLACK PANTHER und nun SINNERS) zu sehen, meist in Hauptrollen. Bei den Kritikerpreisen lag Jordan mit Chalamet gleich auf, doch der von der Schauspielgewerkschaft vergebene Actor Award könnte nun den Ausschlag geben. SINNERS ist bei der Academy offensichtlich sehr beliebt (16 Nominierungen!). Und MARTY SUPREME könnte auch durch die Kritik an Regisseur Josh Safdie (siehe meine Einführung) ins Hintertreffen geraten. Wie auch immer – diese Kategorie wird ein Foto-Finish. Sollte Michael B. Jordan den Oscar gewinnen, wäre er nach Sidney Poitier (1963), Denzel Washington (2001), Jamie Foxx (2004), Forest Whittaker (2006) und Will Smith (2021) der sechste afroamerikanische Preisträger in dieser Kategorie. Außerdem wäre Jordan auch der erste Schauspieler, der den Oscar für die Darstellung eines Vampirs gewinnt.

Sollte gewinnen: Wagner Moura in THE SECRET AGENT. Moura ist der erste Brasilianer und nach dem Mutter-Tochter-Gespann Fernanda Montenegro (1998) und Fernanda Torres (2024) die dritte brasilianische Person, die für einen Schauspieloscar nominiert ist. Mouras Karriere begann vor 25 Jahren. Bekannt wurde er durch den Goldenen Bären-Gewinner TROPA DE ELITE (2007), berühmt durch die Netflix-Serie NARCOS (2015-16). Zuletzt hatte er in CIVIL WAR (2024) auch einen starken Auftritt in einer Hollywoodproduktion. Für O AGENTE SECRETO wurde er in Cannes als bester Darsteller gewürdigt. Er spielt hier den Wissenschaftler Armando Alves, der in den 1970er Jahren vor den Killern der Militärdiktatur untertauchen muss. In seiner Heimatstadt Recife versucht er, Ausreisepapiere für sich und seinen kleinen Sohn zu organisieren. Mouras enigmatische Performance zeichnet sich durch Vorsicht und Reserviertheit und vereinzelt aufblitzenden Humor aus. Unter uns: es ist die beste Performance des Jahres, aber für den Oscar wohl zu zurückhaltend. Immerhin gab es für Moura den Golden Globe (Drama).

Außerdem nominiert: Leonardo DiCaprio spielt in ONE BATTLE AFTER ANOTHER eine der besten Rollen seiner Karriere, wieder einmal. Sein Bob ist ein verschlurfter, in die Jahre gekommener Ex-Revoluzzer, dessen von Paranoia geprägte Existenz, durch einen alten Feind (Sean Penns Col. Lockjaw) gehörig durcheinander gewirbelt wird. Der dauerbekiffte Bob will seine Tochter Willa (grandios: Chase Infiniti) aus den Händen Lockjaws befreien, ist dazu aber auf liebenswert-amüsante Weise nicht in der Lage. DiCaprio im Comedy-Modus ist immer noch der beste. Er zieht seine Figur aber nicht ins Lächerliche. Bei allen seinen Unzulänglichkeiten fiebert man doch mit ihm, denn Bob ist im Kern einer von den Guten. Nur sein Leben hat er nicht so recht im Griff. DiCaprio galt nach dem Kinostart als potentieller Gewinner dieser Kategorie und wurde auch für sämtliche Preise nominiert, blieb dann aber immer im Schatten von Chalamet und Jordan. Er ist zum siebten Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn 2015 für THE REVENANT.

Bereits zum fünften Mal ist Ethan Hawke nominiert (zum dritten Mal als Schauspieler). In BLUE MOON, der im vergangenen Jahr auf der Berlinale seine Premiere feierte, tritt er als Lorenz Hart auf, der in den 1920er Jahren gemeinsam mit Richard Rodgers (Andrew Scott) das sehr erfolgreiche Broadway-Songwriter-Duo Rodgers & Hart bildete. Der Filmtitel bezieht sich auf eine ihrer berühmtesten Kompositionen. BLUE MOON spielt an einem Abend des Jahres 1943, nur wenige Monate vor Harts Tod, an dem Rodgers mit seinem neuen Partner Oscar Hammerstein II. die Premiere ihres Erfolgsmusical „Oklahoma!“ feiert. Hart, von dem sich Rodgers wegen dessen Alkoholsucht getrennt hat, wartet in einer Bar, um seinem ehemaligen Partner zu gratulieren. Er unterhält sich mit anderen Gästen, redet fast ununterbrochen, macht Witze, gibt sich weinerlich. BLUE MOON ist ein Kammerspiel und eine furiose (fast) One-Man-Show Ethan Hawkes. Vor 20 Jahren hätte er für diese Performance vielleicht den Oscar gewonnen. Heute gibt es wenigstens noch eine Nominierung.

Eine Besprechung zu MARTY SUPREME findet ihr hier.

V. Casting

Dieser Award wird zum ersten Mal vergeben. Es steht zu vermuten, dass die Academy-Midglieder ihn in ihrer Mehrheit als Ensemble-Preis verstehen, auch wenn der Oscar an die oder den Casting-Direktor_in gehen wird. Diese sind in Abstimmung mit Regie und Produktion für die Zusammensetzung des Ensembles verantwortlich. Manche Filmprojekte werden gewiss um bestimmte Hauptdarsteller und Stars herum geplant. Doch kein Regisseur hat die Zeit einen Cast bis in die kleinste Nebenrolle zu organisieren. Hier ist die Kunst und das Know How eines guten Castings gefragt, einen Film auch in seiner Tiefe stimmig zu besetzen. Man stelle sich nur vor, die Hauptrollen im Klassiker CASABLANCA (1942) wären nicht mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart, sondern mit den ursprünglich von der Produktion vorgesehenen Olivia de Havilland und Ronald Reagan besetzt worden. CASABLANCA ist aber auch ein gutes Beispiel für die eigentliche Hauptaufgabe des Castings. Jeder Part, selbst die kleinste Nebenrolle in diesem Film ist perfekt besetzt. Und das gilt auch für die fünf Filme, die hier nominiert sind.
Wird gewinnen: Francine Maisler für SINNERS. Maisler ist eine Legende der Branche und seit 35 Jahren im Geschäft. Sie hat so unterschiedliche Filme wie THE USUAL SUSPECTS (1995), INTO THE WILD (2007), 12 YEARS A SLAVE (2013), BIRDMAN… (2014), SICARIO, THE REVENANT (beide 2015), ARRIVAL (2016), DUNE (2021/2024) oder BABYLON (2022) besetzt. Ihre große Erfahrung mit diversen Casts kam auch SINNERS zugute, der mit Stars (Michael B. Jordan, Hailee Steinfeld), Charakterdarstellern (z. B. Delroy Lindo, Jack O’Connell) und No Names stark besetzt ist. Jede Figur hat ein Gesicht mit hohem Wiedererkennungswert und mit dem bislang unbekannten Miles Caton, der als junger Bluesmusiker Sammie die heimliche Hauptrolle spielt, hat Maisler einen echten Bestzungscoup gelandet. Das Casting gewann den CCA und den Preis der Casting Society of America, das Ensemble den Hauptpreis bei den Actor Awards. Zudem könnte die Academy diesen Preis auch als Kompensation vergeben, da SINNERS ja höchstwahrscheinlich nicht den Hauptoscar gewinnen wird.

Sollte gewinnen: Als heißester Kandidat für den Hauptpreis gilt ONE BATTLE AFTER ANOTHER und so könnten manche Academy-Mitglieder sich auch denken: „Go with the flow“. Cassandra Kulukundis ist seit 1999 im Geschäft. Einer ihrer ersten Jobs war die Besetzung von MAGNOLIA. Seither war sie für das Casting aller Paul Thomas Anderson-Filme verantwortlich und als Fan dieser Filme kann ich nur sagen: Good Job! Sie hat außerdem auch Spike Jonez’ HER (2013) und im vorgegangenen Jahr Brady Corbets THE BRUTALIST betreut. ONE BATTLE AFTER ANOTHER bietet eine gute Mischung aus Stars und Charakterdarstellern (DiCaprio, Penn, del Toro) und Laien. Abgesehen von der Komikerin Regina Hall sind alle Mitglieder der Guerillatruppe „The French 75“ mit Musikern wie Teyana Taylor, Alana Haim oder Shayna McHayle besetzt. Für Danvers, der für Col. Lockjaw Verdächtige verhört, verströmt der ehemalige Security Officer James Raterman eine unangenehme Aura. Und auch die Entdeckung von Chase Infiniti, die als Bobs Tochter Willa ein exzellentes Kinodebüt feiert, geht auf Kulukundis Konto.

Ein echter Clou wäre allerdings der Oscar für Gabriel Domingues, der für den brasilianischen Film THE SECRET AGENT ein wunderbar buntes Potpourri an Gesichtern zusammengestellt hat, wie man sie in einer Hollywoodproduktion schwerlich finden würde, die dem Film aber ein hohes Maß an Authentizität verleihen.

Außerdem nominiert: Nina Gold, die bei der Besetzung von HAMNET mit sehr guten Charakterdarstellern (Buckley, Paul Mescal, Emily Watson u.a.) ein glückliches Händchen bewies, vor allem bei der Besetzung der drei Kinder der Shakespeares. Der 12jährige Jacobi Jupe rührt in der Titelrolle das Publikum zu Tränen und galt auch als möglicher Kandidat für eine Oscarnominierung. Gold arbeitet seit den frühen 1990ern vor allem für das britische Kino und Fernsehen. So war sie u.a. für die Besetzung der Serien Rome (2005-07) und CHERNOBYL (2019) und der Filme THE KING’S SPEECH (2010), PADDINGTON (2014) oder CONCLAVE (2024) sowie der meisten Filme von Mike Leigh verantwortlich.

Jennifer Venditti ist erst seit knapp 10 Jahren im Geschäft und hat in der Zeit vor allem die Filme der Safdie Brothers besetzt. Für MARTY SUPREME hat sie einen illustren Cast aus Stars und No Names zusammengestellt. Sie hat Odessa A’Zion zwar nicht entdeckt, ihr aber die erste große Rolle gegeben. Vor allem bei der Besetzung kleinerer Rollen hat Venditti Kreativität bewiesen und so unterschiedliche Typen wie Rapper Tyler, The Crestor, Regielegende Abel Ferrara und Reality-TV-Größe Kevin O’Leary gecastet.

Thomas Heil schaut seit 1992 die Oscars – und stellt jedes Jahr seine Favoriten zusammen. Seine Lieblingsfilme haben es oft nicht auf die Liste geschafft, aber darum geht es ja auch nicht, denn Film ist Kunst und kein Wettbewerb, wie man auch über Sinn und Unsinn solcher Preisverleihungen streiten kann. Nur soviel: man sollte sie gewiss nicht zu ernst nehmen.

In Teil 4 wird es um die Awards für die Drehbücher, die Regie und International Feature Film gehen.