43. Filmfestival Max Ophüls Preis: ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS von Uli Decker


Still aus ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS von Uli Decker © Flare-Film Falk Schuster

Gefangen in Geschlechterrollen

Über den Publikumspreis Dokumentarfilm und den Preis für den Besten Dokumentarfilm konnte sich Regisseurin Uli Decker beim 43. Filmfestival Max Ophüls Preis freuen. In ihrem wunderbaren, klugen, mutigen und fantasievoll animierten Dokumentarfilm ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS geht es um sie selbst, Uli, die schon als Kind die Fesseln spürt, die ihr die traditionell-starren Geschlechterrollen auferlegen, die in ihrem Heimatdorf hochgehalten werden. Und es geht um ihren Vater, dessen großes Lebensgeheimnis Uli erst unmittelbar vor seinem Tod erfährt.

Als eine Magierin der erwachsenen Uli die Karten legt und ihr dazu rät, zurück in ihre Heimat zu fahren, macht sich Uli auf den Weg – und beginnt, ihre Geschichte filmisch zu erzählen. Da ist die kleine Uli, die in einem bayerischen Dorf aufwächst, in dem sich alle kennen, gemeinsam in Blaskapellen spielen oder den Bibelkreis besuchen – und sich gegenseitig beobachten. Als „Welt, in der wir alle so sehr Angst haben, das Gesicht zu verlieren, dass wir uns nie wirklich begegnen“, fasst Uli das Dorfleben zusammen. In ihrer Familie gibt es Spannungen, doch für die Dorfgemeinschaft spielen Uli, ihre Schwester und ihre Eltern eine konventionell-biedere Kleinfamilie aus dem Bilderbuch. Schon früh merkt Uli, dass Jungs offenbar mehr Spaß im Leben haben. „Alle, die spannende Sachen machen, haben Bärte“, ist die kleine Uli überzeugt. Fußball spielen oder zu Karneval als Cowboy gehen statt als Prinzessin? Damit fällt die rebellierende Uli aus der Reihe. „Alles, was Spaß machte, scheiterte daran, dass ich ein Mädchen war“, resümiert sie. Ständig gibt es Streit mit ihren Eltern, einem unauffällig und bürgerlich-gesetzt wirkenden Lehrer:innen-Ehepaar.

Still aus ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS von Uli Decker ©Flare-Film Falk Schuster

Dass ihr Vater, der immer so in sich gekehrt und traurig wirkt, eine ganz andere Seite hat, die er geheim hält, ahnen damals weder Uli noch ihre jüngere Schwester. „Du warst die ganze Zeit da und gleichzeitig so weit von mir entfernt. Wer warst du eigentlich?“ fragt sich Uli im Rückblick. Als der Vater Ende der 1990er-Jahre nach einem schweren Fahrradunfall im Sterben liegt, spricht die Mutter den Satz aus, der Ulis Leben für immer verändern wird: „Euer Vater war Transvestit.“ Und plötzlich sind da 1000 Fragen, die Uli ihrem Vater nicht mehr stellen kann. Vater und Tochter, die sich beide von klein auf in starren, undurchlässigen Geschlechterrollen gefangen fühlten, konnten sich nicht mehr darüber austauschen.

In ihrem collagenhaften und fantasievollen Dokumentarfilm verbindet Regisseurin Uli Decker eigene dokumentarische Aufnahmen mit Fotos, Archivbildern und Animationselementen und kreiert eine „Film-Uli“, die von ihrer Kindheit und Jugend erzählt, während die erwachsene Uli manchmal mit dem Projekt hadert und sich fragt, ob sie ihren Vater bloßstellt. Doch ein Satz, den sie in einem der Tagebücher ihres Vaters entdeckt, scheint an Uli gerichtet zu sein und hilft ihr bei der Entscheidung für den Film: „Wir müssen die Väter und Mütter auch verraten, damit wir mit unserer Vergangenheit in Frieden leben können“, schreibt er. Parallel erzählt Uli Decker in ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS von ihrem eigenen Lebensweg und dem ihres Vaters – und den Schwierigkeiten mit Geschlechterrollen, Klischees und Erwartungen, unter denen beide litten.  

Dabei geht sie über die persönlichen Geschichten von Vater und Tochter hinaus und verwendet Archivaufnahmen wie etwa Ausschnitte aus einer Rede von Franz Josef Strauß oder aus einem Werbespot, in dem eine ältere Frau einer Jüngeren vorwirft: „Gleich kommt Horst und du hast noch nichts gekocht!“ So vermittelt Uli Decker den Filmzuschauer:innen einen Eindruck von der gesellschaftlichen Stimmung in den 70er- und 80er-Jahren und macht deutlich, warum ihr Vater in seinem katholisch geprägten Dorf nicht einfach über seine Neigung sprechen, geschweige denn sich in Frauenkleidern, Absatzschuhen und mit Perücke und Lippenstift zeigen kann – und warum auch Uli immer mehr mit ihrer Rolle als Frau hadert. In dieser Gesellschaft eine Frau werden zu müssen, erscheint der jungen Uli geradezu unheimlich, während ihr Vater Zeit seines Lebens mit toxischen Männlichkeitsidealen kämpft und insgeheim von einer bunteren, freieren Welt träumt.

ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS ist ein so kurzweiliger wie reflektierter, ehrlicher und gesellschaftskritischer Film, der zum Hinterfragen klassischer Geschlechterstereotype anregt und der auch deshalb so berührt, weil sich Vater und Tochter in Vielem so ähnlich waren und sich doch so fremd blieben. Beide hatten immer wieder das Gefühl, eine Glaswand habe sich zwischen sie und die Welt geschoben. Doch den Mut, sich offen darüber auszutauschen, fanden Vater und Tochter nie. Uli sagt dazu einmal, ihr Vater und sie hätten noch ganz andere Abenteuer miteinander erleben können. Und: „Verdammt! Da haben wir uns ein ganzes Leben lang verpasst.“

Stefanie Borowsky

ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS, Regie: Uli Decker. Mit: Helmut Decker, Monika Decker, Cordula Decker, Uli Decker, Irmtraud und Herbert Karlitschek, Inge Schleussinger, Christl Spiegel.

Verfügbar bis 30. Januar 2022 als Stream auf der Website des Filmfestivals Max Ophüls Preis.