Film ohne Grenzen: WALCHENSEE FOREVER von Janna Ji Wonders


WALCHENSEE FOREVER von Janna Ji Wonders feiert seine Premiere in der Perspektive Deutsches Kino der Berlinale. © Flare Film

Filmische Reise durch ein Jahrhundert Familiengeschichte

Zu Beginn des Films spricht ein kleines Mädchen frei heraus in die Kamera. Johanna erzählt, sie sei eine Fee und komme aus Walchensee. Am meisten Angst habe sie vor der Dunkelheit und dem Wald. Frauke sei tot und ihre Seele sei im Himmel. Hinter der Kamera steht Johannas Mutter, die ihr Fragen stellt – bis Johanna tauschen und ihrerseits die Mutter befragen möchte.

Der Walchensee südlich von München, in den Bayerischen Voralpen, ist der Schauplatz dieser außergewöhnlichen Familiengeschichte, die vor allem von Frauen geschrieben wird. Angefangen bei der Urgroßmutter Apa, die das Ausflugscafé der Familie am Walchensee gründet, über die 1911 geborene resolute Großmutter Norma, die das Café weiterführt, über die Mutter Anna, die Teil der 68er-Bewegung um Rainer Langhans ist, und deren früh verstorbene Schwester Frauke bis hin zur Tochter, der Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna alias Janna Ji Wonders.

Wonders, die in Kalifornien zur Welt kam, wo ihre Mutter eine Weile lebte, wuchs am Walchensee auf, drehte von klein auf Filme, in denen sie mit Familienmitgliedern in den Dialog tritt, und studierte an der HFF München. Collagenhaft stellt sie in WALCHENSEE FOREVER alte und neue Filmaufnahmen, Fotos und Dokumente wie Briefe, Tagebucheinträge, Zeitungsartikel und eine von ihrem Großvater verfasste Kurzgeschichte zur fünf Generationen einschließenden Chronik ihrer Familie zusammen. Dabei kann sie auf ein 100 Jahre umfassendes Archiv an Materialien zugreifen und fügt daraus eine sehr persönliche filmische Zeitreise zusammen. Ein weiteres Glück für den Film ist, dass die Großmutter der Regisseurin, Norma Werner, die seit 1924 im Haus der Familie am Walchensee lebte, über 100 Jahre alt wurde und bis zuletzt im – auch filmischen – Gespräch mit ihrer Enkelin blieb.

Der Walchensee, einer der tiefsten Alpenseen Deutschlands, bildet nicht nur den Ausgangspunkt und die Heimat, sondern immer wieder auch den Ruhepol und Rückzugsort für die im Film porträtierten Frauen der Familie. Den meisten Raum im Film nehmen die Erinnerungen der Mutter der Regisseurin, Anna Werner, ein. Sie spricht über ihre Kindheit, ihre Eltern und vor allem über ihre Schwester Frauke, mit der sie in jungen Jahren ein Volksmusikduo bildete, mit Hackbrett und Gitarre durch Mexiko und die USA reiste, in einem indischen Ashram lebte und sich dem Harem um Rainer Langhans anschloss. Bewegend sind vor allem die Erzählungen über Frauke Werners psychische Krankheit, die sie schließlich – allem Anschein nach – sogar das Leben kostet. Die Regisseurin bezeichnet Frauke einmal als den Schatten und das Irrlicht der Familie – und als den Grund dafür, dass sie den Film WALCHENSEE FOREVER überhaupt macht.

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11. September 2020 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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