76. Berlinale: GELBE BRIEFE von İlker Çatak – Goldener Bär

Total politisch
Unpolitisch also. An Wim Wenders und seinem in der Auftakt-Jury-Pressekonferenz formulierten Credo „Kino als Gegenwicht zur Politik“ haben sich bei der 76. Berlinale mehr Meinungsverschiedenheiten entzündet als an jedem präsentierten Film. Auf ein Wort folgten eine Absage, ein offener Brief, ein Statement, ein weiteres Statement – und dann also schließlich die Bärenverleihung, die wiederum ihre erwartbaren Eklats produzierte.
Und bei der nun ein Film den Hauptpreis gewann, über den man eines gewiss nicht sagen kann: Dass er unpolitisch ist. Denn İlker Çataks GELBE BRIEFE, sein erster komplett in türkischer Sprache gedrehter und in der Türkei spielender Film, ist bis in die letzte Pore mit gesellschaftsrelevanten Anspielungen vollgesogen. Vielleicht, möchte manch eine*r da unken, konnte die Jury um Wim Wenders nach diesem Anfangsskandal gar nicht anders, als am Ende bewusst dieses Politdrama zu prämieren (politisch war diese Berlinale im cineastischen Sinne auch im Rahmen der weiteren Bärenvergabe: Abdallah Alkhatibs CHRONICLES OF THE SIEGE, ein beeindruckend konsequenter algerisch-französisch-palästinensischer Film über eine nicht geografisch spezifizierte Besetzung/Belagerung als Normalzustand, wurde als Bestes Debüt ausgezeichnet, und Marie-Rose Ostas YAWMAN MA WALAD, ein französisch-libanesisch-rumänischer und im Libanon spielender, wunderbar poetischer Film, der den Nahostkonflikt berührte, wurde zum Besten Kurzfilm gekürt – mehr Politik geht eigentlich nicht im Rahmen eines Filmfestivals, zumindest, wenn man auf die Leinwand blickt).
Auch plotmäßig gibt GELBE BRIEFE alles dafür her, um als dezidiert politischer Film in Erinnerung zu bleiben: Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer) sind ein absolutes Power Couple. Er ist Dramatiker, mit provokanten Stücken, zudem Uniprofessor. Sie charismatische Schauspielerin am Staatstheater, oft in seinen Werken zu sehen. Doch spätestens, als sie bei der Premiere des neuen Stückes nicht mit dem Gouverneur posieren will, ist es aus mit Ruhm und Status: Sie verliert ihre Anstellung im Ensemble, er seinen Lehrauftrag an der Uni, weil er Studierende zur Teilnahme an einer Demonstration ermutigt hat. Es ist ein regelrechter Dominoeffekt: Auf ihre Entlassungen folgt ein in Watte gepackter Rausschmiss durch den netten Vermieter, Arbeitslosigkeit, Prekariat, erzwungener Umzug zur Mutter nach Istanbul. Und schließlich kriecht die nackte Staatsgewalt auch in diese vermeintlich stabile Beziehung der beiden Intellektuellen und wirft existentielle Fragen auf: Ist es vielleicht besser, als Frau finanziell unabhängig zu sein, aber in einer staatstreuen TV-Sendung zu erscheinen – oder ein Theaterstück an einem kurdischen Off-Theater zu inszenieren und Fuck You zu sagen? Insofern verhandelt GELBE BRIEFE natürlich auch das berechtigt-berüchtigte „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.
İlker Çatak blickt in GELBE BRIEFE konsequent auf die Entwicklungen in der Türkei unter Erdoğan, lässt auch die willkürlichen Entlassungswellen und Islamisierungsbestrebungen nicht aus. Und doch. Und doch bleibt sein Film eine distanzierte Annäherung ohne emotionale Wucht, die einen solchen Stoff doch bitte schön ausmachen sollte. Warum?
Da ist zum einen der Cast aus renommierten türkischen Schauspieler*innen, die mit wenig Subtilität, aber viel exaltiertem Gestus in ihre Rollen eintauchen, und denen leider keine besonders plausible Charakterwandlung anverwandt wird. Ein schönes Beispiel ist die zunehmende Politisierung Aziz, dem man glauben soll, dass er sich nicht zurückhalten kann, während eines Moscheegebets „blasphemische“ Notizen zu machen, oder ein fast schon ins Absurde eskalierender Konflikt mit der Tochter.
Auch Deryas Abkehr von Aziz ist dramaturgisch nicht gut angelegt und entwickelt. Die Handlungen in GELBE BRIEFE überschlagen sich irgendwann geradezu, und zum Ende hin tröpfelt er dann plötzlich unmotiviert aus.
Zum anderen, und das ist vielleicht entscheidender, ist die mangelnde Dringlichkeit des Films der konstruierten Verortung geschuldet, die mit aufgeladenen Referenzen spielt, diese aber nie einzulösen weiß: Kapitel 1 wird durch eine riesige Tafel „Berlin als Ankara“ eingeführt; Kapitel 2 als „Istanbul als Hamburg“ eingeleitet. Zwischendurch bewusst gesetzte Analogien und Verweise: Die Demo, die in der Türkei vermutlich einem Protest gegen den Krieg gegen die Kurden gewesen wäre, wird in Berlin nun ein Protest gegen den Genozid und für Palästina. Zwischendrin eine Gedenktafel mit der Jahreszahl 1933. Carolin Ströbele hat in ihrem ZEIT Online-Artikel „Wo genau ist das Unrecht?“ berechtigerweise dazu geschrieben: „Die fehlende Verortung ist ein Problem. Denn es hängt eben doch sehr davon ab, in welchem Umfeld einer Figur Unrecht angetan wird“.
Çatak lässt das bewusst so stehen, und setzt so eine Reihe von Assoziationen frei, die dabei enden dürften, dass Deutschland eine autoritäre Erdoğan-gleiche Herrschaft vor sich hat, wieder mal mit faschistischen Zügen (interessanterweise haben einige internationale Kritiker genau das Gegenteil gesehen: Victor Fraga sieht in der Analogie eher Deutschland als verklärtes Paradies der Meinungsfreiheit). Das mag man gewitzt oder gewagt oder absolut realistisch finden, es bleibt aber wirkungslos, konstruiert und gänzlich unglaubwürdig, wenn alle anderen Bezüge durch und durch türkisch sind. Was meint Çatak also? Dass der Beginn einer autoritären Herrschaft überall auf der Welt gleich ausschaut? Und warum soll es mich interessieren, wenn man am Ende dann einfach doch nur desillusioniert in den Himmel schaut?
GELBE BRIEFE ist zwar ein politischer Film, aber einer, der sich im Grunde bis zum Schluss selbst fremd bleibt und ambivalente Signale sendet. Aller behaupteten Dramatik zum Trotz.