HOPE von Na Hong-jin
WHAT THE…
Als am 17. Mai der neue Film des südkoreanischen Regisseurs Na Hong-jin im Wettbewerb in Cannes seine Weltpremiere feierte, muss es ein Vergnügen gewesen sein, die Reaktionen des gewohnt kritischen Publikums live mitzuerleben. Da ist der prestigeträchtigste Wettbewerb des prestigeträchtigsten Filmfestivals der Welt, der eine gewisse Erwartungshaltung evoziert, die einen neuen Film zu höchstem Lob, großem Erfolg und vielen weiteren Ehrungen führen kann oder aber ihn mit Schimpf und Schande noch vor Ort beerdigt, bevor er auch nur die Chance hat, von einem größeren, vielleicht nicht ganz so kritischen Publikum gesehen zu werden. Einen Film im Wettbewerb von Cannes zu zeigen, ist daher immer auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Und dann ist da die Festivalleitung, die nach monatelangen Sichtungen und Verhandlungen, diesen prestigeträchtigen Wettbewerb zusammenstellt – immer mit dem Anspruch, das Beste, das wirklich allerbeste des zeitgenössischen Kinos zu präsentieren. Wer auch immer sich bei der Programmleitung dafür eingesetzt hat, HOPE von Na Hong-jin im Wettbewerb zu besetzen, hatte entweder Mut, Humor oder beides.
Denn HOPE unterscheidet sich strukturell, aber auch inhaltlich so ziemlich von allem, was bislang im Wettbewerb in Cannes gezeigt wurde. Ja, es gab in den letzten Jahren auch Beiträge wie TITANE (2021, R: Julia Ducournau), der immerhin die Goldene Palme gewann, oder THE SUBSTANCE (2024, R: Coralie Frageat), der immerhin für sein Drehbuch ausgezeichnet wurde. Beide Filme wagten sich weit in die farbenfrohe Welt des Genre-Kinos hinaus, konnten unterm Strich aber immer noch das Label „Arthouse Kino“ für sich beanspruchen. HOPE kann das bisweilen auch. Doch dann schlägt der Film eine weitere Runde seines aberwitzigen Genre-Mash-Ups an, präsentiert eine weitere absurde Wendung oder watet genüsslich in den Untiefen des Fäkalhumors.
HOPE ist ein Film, der vieles will. Nicht alles ist gelungen. Auf Logik sollte man das Drehbuch nicht abklopfen und wer menschliche Dramen mit tiefergehenden Charakteren erwartet, ist hier auch im falschen Film. HOPE durchläuft eine Metamorphose vom Horror- zum Monster- und Survival-Thriller, ist Science-Fiction-Spektakel und präsentiert in seinen letzten Minuten einen weiteren Twist, der das Publikum verblüfft bis ungläubig-staunend zurücklässt. Zusammengehalten wird dieser wilde Ritt durch atemberaubende, Adrenalin-getriebene Action, wie wir sie vielleicht seit MAD MAX: FURY ROAD (2015, R: George Miller) nicht mehr gesehen haben.
Fast von Beginn an, nach einer kurzen Einführung (einige Jäger haben eine aufgerissene Kuh auf einer Landstraße entdeckt), wirft HOPE das Publikum in eine Action-Sequenz, in der der hoffnungslos überforderter Cop Beom Seok (Hwang Jung-min) mit einigen Anwohnern und seiner jungen, toughen Kollegin Sung Ae (Hoyeon) ein Geschöpf jagen, das mit mörderischer Wut eine Schneise der Zerstörung durch ihr Dorf gefegt hat. Lange hält Hong-jin die Zuschauer hin, bevor er schließlich doch das Monster präsentiert und damit den wohl größten Schwachpunkt seines Films.
Obgleich HOPE mit geschätzt etwas über 70 Millionen $ Produktionskosten, der bislang teuerste Film des südkoreanischen Kinos ist, können die CGI-Effekte nicht mit vergleichbaren aus amerikanischen Produktionen mithalten. Etwas, das wir im Übrigen auch bei vielen europäischen Filmen beobachten können. Das Monster sieht aus, als sei es in den 1990er Jahren gerendert wurden. Vor allem in seinen Bewegungen entspricht das nicht immer unseren Sehgewohnheiten. Andererseits: wenn selbst ein Meister wie Steven Spielberg in seinem letzten Film DISCLOSURE DAY ziemlich schlampig animierte Tiere auftreten lassen kann, sollte man das einer deutlich günstigeren Produktion wie HOPE vielleicht doch nachsehen. Zumal die Effekte in anderen Szenen wiederum nicht so schlecht aussehen. Man hat genau genommen auch gar nicht genug Zeit, sich darüber zu ärgern, da das Tempo schon wieder einen Gang höher schaltet.
Nach einer ersten furiosen Stunde gibt es immerhin einige Hinweise, was hier eigentlich genau geschieht. Das Monster ist nicht allein. In den Wäldern um das Dorf scheint sich etwas Größeres zusammenzubrauen und ein besonders ignorant wirkender Anwohner hat sogar eines dieser Wesen erlegt, was sich im Nachhinein als Schlüssel zu dem gerade überlebten Angriff herausstellt. Währenddessen spürt Beom Seoks Neffe Sung Ki (Zo In-sung in einem Superstar-Auftritt) mit einigen befreundeten Jägern ein nichtirdisches Objekt im Wald auf. Kurz darauf tritt auch diese Gruppe in Kontakt mit den Monstern, die sich aber in ihrem Look deutlich vom ersten unterscheiden. Nichtsdestotrotz sind auch diese den Menschen physisch deutlich überlegen und irre schnell.
Während das Publikum noch rätselt, wie die verschiedenen Plotpoints zusammenpassen, holt Hong-jin zum nächsten Big Swing aus. Atemlose Verfolgungsjagden zu Fuß, zu Pferd, mit dem Auto – die Kamera ist immer mittendrin und ganz nah am Geschehen. Der Body Count steigt minütlich und wenn man meint, die letzte, fast halbstündige Actionsequenz würde diese Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss bringen, wartet Hong-jin mit einer weiteren Volte auf, die alles vorher Gesehene auf den Kopf stellt.
Wie das alles zu deuten ist, liegt gewiss im Auge des Betrachters. Es gibt eine politische Komponente. Das angegriffene Dorf liegt in der Demilitarisierten Zone, die Nord- und Südkorea entlang der Demarkationslinie um den 38. Breitengrad trennt, weshalb die Protagonisten auch mehr oder weniger auf sich gestellt und von staatlicher Hilfe abgeschnitten sind. Schon Hong-jins letzter Film THE WAILING (2016) thematisierte Xenophobie. Auch in HOPE scheint die Bedrohung zunächst vom Fremden auszugehen. Eine Perspektive, die im Verlauf des Films konsequent verschoben wird.
Natürlich kann man das alles auch blöd und albern finden. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums wird dem Film nichts abgewinnen können, Logiklöcher bemängeln oder das Finale für unverschämt halten. Das ist völlig legitim. Andere, wie ich, werden die Kühnheit bewundern, mit der uns Na Hong-jin seine außerordentlich unterhaltsame Räuberpistole von Science Fiction-Monster-Horror-Katastrophen-Spektakel auftischt. HOPE ist ein Thrill-Ride und ein irrer Spaß, der nicht eine Sekunde langweilt und von dem man möglichst bald eine Fortsetzung sehen möchte. Es ist der beste Actionfilm des Jahres.
Visuell ist er, abgesehen von den schon erwähnten mauen CGI-Effekten, ein Brett. Chefkameramann Hong Kyong-pyo war schon für die Bilder in südkoreanischen Klassikern wie MOTHER (2009), SNOWPIERCER (2013), PARASITE (2019/alle von Bong Joon Ho), THE WAILING, BURNING (2018/R: Lee Chang-dong), DELIVER US FROM EVIL (2020/R: Hong Won-chan) oder BROKER (2022/R: Hirokazu Koreeda) verantwortlich. Production Designer Lee Hwo-kyoung hat für HOPE apokalyptische Sets entworfen, die vor allem in der ersten Hälfte des Films zu überwältigen wissen, während sein im Wald verstecktes Spaceship seine Referenz in Ridley Scotts Klassiker ALIEN (1979) findet. Und Michael Abels, der bisher vor allem für seine beunruhigenden Scores für die Jordan Peele-Horrorfilme GET OUT (2017), US (2019) und NOPE (2022) bekannt ist, hat für HOPE eine permanent die Spannung beflügelnde Filmmusik geschrieben, die zu den besten des Jahres gehört.
HOPE läuft seit dem 08. Oktober im Kino.
Mögliche Oscarnominierungen: Kamera, Schnitt, Ausstattung, Ton, Original Score
HOPE , Regie: Na Hong-jin, Darsteller_innen: Hwang Jung-min, Zo In-sung, Hoyeon, Lee Sang-hee, Im Hyun Shik, Eum Moon-suk, Michael Fassbender, Alicia Vikander, Taylor Russell, Cameron Britton u.v.a.