MINOTAURUS von Andrey Zvyagintsev


Nicht nur Mitläufer

Komm, jetzt mach mal, keine Widerrede. Serjoscha (Boris Kudrin) hat als Teenager naturgemäß eigentlich gar keine Lust auf irgendwas, geschweige denn Familie oder die Oma, die auch noch was von einem erwartet. Aber er spurt: Auf Omas Wunsch legt er vor dem im dunklen Wald gelegenen Haus einen Sprint hin, sie misst die Zeit, ist befriedigt. Wettbewerb, Exzellenz – und vor allem: Den verbalisierten und auch unausgesprochenen (Familien)regeln entsprechen und sich klaglos unterordnen. All diese Themen und ihre Verwobensein im gesellschaftlichen Konstrukt stecken schon in den ersten Minuten von Andrey Zvyagintsevs MINOTAURUS, der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Auch Gleb (grandios unterkühlt: Dmitriy Mazurov) ist es eigentlich vor allem gewohnt, dass alles nach seiner Pfeife tanzt. Denn er ist ein erfolgreicher Unternehmer, verheiratet mit der schönen, repräsentativen Galina (Iris Lebedeva) und er hat seiner Familie das perfekte Eigenheim und den dazu passenden Lifestyle ermöglich: Ein minimalistisch-modern designtes High-End-Anwesen abseits der postsowjetischen Wohnblöcke gelegen, in den die Normalos und Arbeitnehmer*innen hausen. Beim Essen mit den Freunden (sind es überhaupt welche?), geht es nur um den Status-Vergleich, junge Vorzeige-Freundin des geschiedenen Kumpels inklusive. Das mit den jungen, anderen Frauen – außerehelich, versteht sich – kennt Gleb gut, erfahren wir später. Für Gleb könnte daher alles genauso weiterlaufen. Aber dann fällt ihm zunehmend auf, dass Galina auf Distanz geht, ihn abweist – er ahnt: sie betrügt ihn. Diesem vermuteten Betrug und der Kränkung seiner männlichen Ehre gilt nun die ganze Aufmerksamkeit und Verletzung, während der Angriffskrieg Russlands 2022 im Hintergrund anläuft, und langsam den Alltag zu bestimmen droht. Gleb heuert einen Sicherheitsmann aus dem Unternehmen an, der Nachforschungen anstellen soll. Und ist mehr schlecht als recht mental anwesend, als der Bürgermeister auch ihn als einen der größten Unternehmer auf ein klandestines Treffen einlädt: sie sollen Mitarbeiterlisten abgeben, wer entbehrlich ist; aus Moskau kam die Order. Gleb kümmert sich zwar, stellt extra neues, bereits armeegeschultes Personal ein, das er im Zweifel schnell loswerden kann. Aber die Firma und diese anderen Menschen, sie sind alle so ein unnötiger Ballast, seine ganze Gedankenwelt wird vom Ehebruch dominiert. Der Krieg, er ist eine lästige Mücke.

Für seinen MINOTAURUS hat Andrey Zvyagintsev nicht nur Claude Chabrols DIE UNTREUE FRAU adaptiert, sondern auch politisch bis ins letzte Detail aufgeladen. Wo im Vorgänger-Film LEVIATHAN die Korruption, Kriminalität und Übergriffigkeit des russischen Staates nur angedeutet waren, sind sie hier zwar bisweilen subtil, aber immer omnipräsent. Da hält schon mal ein Taxi vor einem Wagen, dem ein fettes Z-Schriftzeichen in der Heckscheibe prangt; eine Einstellung von wenigen Sekunden, ein ominöser Vorbote. Von wegen Überraschung für die Gesellschaft, scheint Zvyagintsev sagen zu wollen, dieser Krieg hatte doch eine Vorgeschichte. Und die Glebs dieser Welt sind mindestens die Handlanger: Kalt, kalkuliert, vom eigenen Interesse geleitet und zu allem fähig.

Zvyagintsevs MINOTAURUS ist eine knallharte Abrechnung mit der russischen Mittel- und Oberschicht, die den Angriffskrieg durch ihre Lethargie und ihr Verbuddeln in den bisweilen trivialen Herausforderungen der eigenen Status-Bubble mitermöglicht und nicht enden lässt. Voller existentieller Wut, die über die ganze Filmlänge subkutan brodelt und nie wirklich eruptieren darf, selbst dann, als der Hass Glebs sich dann endlich Bahn bricht. Andrey Zvyagintsev hat mit seinem MINOTAURUS ein verstörendes, bis ins Mark gehendes Meisterwerk geschaffen, ohne Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Neben der Bequemlichkeit und dem direkten Nutznießertum ist an der so effektiv inszenierten Hoffnungslosigkeit auch eine gesellschaftliche Resignation schuld, die dem einzelnen Schräubchen im System keinerlei Bedeutung mehr zumisst. „Staub ist aus uns gemacht,“ sagt Glebs Kumpel einmal, als sie draußen stehen und vapen. Der Staub ist hier das Subjekt, der einzelne Mensch Objekt in Partikelform. Verantwortung braucht hier niemand suchen. Und die Geschichte rollt drüber.