TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA von Jane Schoenbrun


„There’s a hole at the bottom of the lake, where the movies come from.“

Die Filmemacherin Kris Williams (Hannah Einbinder) hat große Ambitionen für das Horror-Franchise „Camp Miasma“ aus den 80ern. Nach unzähligen Sequels, die die simple Handlung um den Serienkiller namens Little Death an die kuriosesten Orte und sogar in den Weltraum verlegt haben, will sie ein Reboot drehen, das dessen Ursprungsgeschichte erzählt. Ihr ist dabei vollkommen bewusst, dass sie nur aus dem Grund als queere Drehbuchautorin und Regisseurin engagiert wurde, weil das Produzent*innen-Team eine pseudo-woke Agenda verfolgt. Trotzdessen hofft sie, die blutleer gewordene Filmserie mit einer neuen Perspektive reanimieren zu können.

Bei ihrer Recherche macht sie sich auf die Suche nach dem ehemaligen „Final Girl“ Billy Presley aus dem ikonischen ersten Teil der Reihe. Diese lebt als provinzielle Eremitin in dem verlassenen Sommercamp Tivoli, das vor mehr als 40 Jahren als Drehort diente. Als Kris im frostigen Winter dort ankommt, ist sie überrascht, dass die ehemalige Schauspielerin keine verbitterte Diva ist, die ihrer verblassten Filmkarriere hinterhertrauert, wie sie gerüchteweise gehört hatte. Stattdessen erweist sich Billy (Gillian Anderson) als verführerische und selbstironische Stonerin, die Kris zu einem sehr persönlichen Trancezustand bis in die Untiefen des Sees einlädt, in dem die Figur des Little Death (Jack Haven) einst als Teenager von den transphoben Mitbewohner*innen des Camps ertränkt wurde. Trans-codierte Bösewichte der Filmgeschichte wie Buffalo Bill oder Norman Bates lassen grüßen.

Bereits in der Eröffnungsszene offenbart Regisseur*in Jane Schoenbrun, dass TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA keine nostalgisch verklärte Hommage an die blutigen Gekröse ist, die Jason Voorhees, Michael Myers oder Freddy Krueger auf ihren endlosen Streifzügen hinterlassen haben. Wenn Little Death, dessen Kopf aus einem metallischen Lüftungsschacht besteht, hier sein erstes Opfer mit einer gigantischen Blutfontäne dahinmetzelt, werden die Genre-Exzesse der maskierten Killer an sich ad absurdum geführt. Obwohl die Metaebene im Gewinnerfilm der diesjährigen Queer Palm von Cannes direkt angesprochen wird, gibt sich Schoenbrun nicht dem Spiel mit Genreversatzstücken hin, das die SCREAM-Reihe bedient hatte. Während Wes Craven letztendlich genau das reproduzierte, was er eigentlich parodieren wollte, entsteht der Horror hier vielmehr durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und sexuellen Orientierung. Diese Aspekte waren bereits Gegenstand von Schoenbruns vorherigen Spielfilmen: In der minimalistisch-beunruhigenden Creepy-Pasta-Erzählung WE’RE ALL GOING TO THE WORLD’S FAIR navigierte eine nonbinäre jugendliche Person zwischen Teenage Angst und digitaler Psychose. I SAW THE TV GLOW präsentierte eine ambivalente Verhandlung von Gender-Dysphorie und neonfarbener Fernsehobsession, die von BUFFY THE VAMPIRE SLAYER und TWIN PEAKS inspiriert war. Damit konnte sich Schoenbrun als clevere Erzähler*in etablieren, wobei die Überwindung der vermeintlichen Grenzen des Genrekinos stellenweise etwas überabstrahiert und verkopft wirkte.

„If it gets too real, you can always turn it off!“

TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA ist als Meta-Meta-Slasher weitaus zugänglicher und unterhaltsamer geworden, als er eigentlich sein dürfte, und hat seine Ideen klarer ausformuliert. Dies wird auch durch die beiden großartigen Hauptdarstellerinnen, allen voran Gillian Anderson in Höchstform, das wunderbar artifizielle Setdesign mit handgemalten Hintergrundbildern und Kunstschnee sowie die liebevoll gestalteten fiktiven Videocover, Zeitungsberichte und Merchandise-Artikel unterstrichen. Der Film geht dabei mit genauso viel transgressiver Freude zu Werke, wie CENSOR, Prano Bailey-Bonds und Annika Summersons verspielte Reflexion über die Video Nasty-Ära im Vereinigten Königreich. Das soll jedoch nicht heißen, dass CAMP MIASMA ein gewöhnliches Erzählmuster verfolgt oder einfache Erklärungen liefern will. Während Kane Parsons Langfilmdebüt BACKROOMS dieses Jahr die Auseinandersetzung mit „liminal spaces“ als nerdige Internet-Ästhetik für sich beansprucht hat, führt Schoenbrun diese Thematik tatsächlich auf den ethnologischen Begriff zurück. Denn das Camp Miasma agiert, wie bereits das Camp Crystal Lake aus dem FRIDAY THE 13th-Franchise, als Übergangsort im eigentlichen Sinne. Schon dort waren die pubertierenden Teenager, fernab der US-amerikanischen Vorstädte der 80er Jahre, immer wieder auf der Suche nach neuen Kicks. Außerhalb der restriktiven Ordnung ihrer Elternhäuser sammelten sie erste Erfahrungen mit Partys, Drogen und (heteronormativem) Sex, bevor sie (genau deshalb) zwangsläufig das Zeitliche segnen mussten. Und wofür der „kleine Tod“, der hier als Killer agiert, eigentlich stehen soll, wissen wir doch alle …

TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA; Regie: Jane Schoenbrun; Darsteller*innen: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, Patrick Fischler, Jack Haven; Kinostart: 20. August 2026