WHISTLEBLOWER von Marc Bauder


Mut und Vorsicht


 
In einer Welt, in der die Natur der Wahrheit immer häufiger korrumpiert und in Frage gestellt wird, in der Fake News über Chat Bots, „Social Media“ und KI immer einfacher den Weg auch in seriöse Nachrichten finden und es selbst einem politisch interessierten und gebildeten Publikum immer schwerer fällt, das „Richtige“ vom „Falschen“ zu unterscheiden, kommt Menschen mit Insider-Informationen eine immer größere und wichtigere Rolle zu. Jenen Personen aus den Getrieben der Macht und des Big Business, die nicht länger bereit sind, Korruption, Betrügereien in gigantischem Ausmaß oder die massive Verschleierung politischer Realitäten hinzunehmen. Die solche Informationen an engagierte Journalist_innen weitergeben, in der Hoffnung, der Skandal, der durch die öffentliche Berichterstattung entsteht, könne den Missstand beenden, der sie zu dieser meist nicht legalen Aktion überhaupt erst genötigt hat.
 
Whistleblower sind in der Regel zunächst Teil des Systems, das sie durch ihren Akt der Illoyalität korrigieren oder, wenn nötig, stürzen wollen. Sie sind Finanzfachleute, politische Mitarbeiter, Ärzte, Agenten, Angestellte des Militärs oder ähnliches. Sie haben sich in ihrem jeweiligen Berufsfeld oft eine höhere Position erarbeitet, die es ihnen erst ermöglicht, an jene brisante Informationen zu gelangen. Gemein ist ihnen das Dilemma, sich zwischen der Loyalität zu ihrem Arbeitgeber und der Dissonanz, die diese Arbeit ihrem moralischen Empfinden gegenüber auslöst, entscheiden zu müssen. Fast immer ist die Entscheidung, brisante Informationen an Journalisten durchzustechen, mit einem erheblichen Risiko verbunden, das die eigene materielle, physische und psychische Unversehrtheit bei weitem übertrifft.
 
Whistleblower sind so etwas wie die verkanten Helden unserer Zeit. Ohne ihren Zugriff würden  zunächst Journalist_innen und bestenfalls später Staatsanwält_innen und Richter_innen nicht oder nur sehr schwer die oftmals verschlungenen Wege der Finanzen entschlüsseln können, die zur Aufdeckung eines Skandals führen und im Idealfall zur Verurteilung der Straftäter. Denn je mehr Geld im Spiel ist, je größer die betroffenen Unternehmen und Banken, je mächtiger die verstrickten Politiker sind, desto umfassender ist in der Regel auch die kriminelle Energie und Dreistigkeit, mit der Staaten, konkurrierende Unternehmen und – oft in globalem Ausmaß – die große Masse der steuerzahlenden Bevölkerung betrogen wird.
 
Whistleblower sind Helden, die ihren Mut mit Beschimpfungen, Unterstellungen, Beleidigungen und Gerichtsverfahren bezahlen müssen. Nicht selten mit dem Verlust ihrer finanziellen Sicherheit. Oft mit ihrer Freiheit. Manchmal gar mit ihrem Leben. Denn Whistleblower haben mächtige Feinde: Konzernlenker, wirtschaftliche Eliten, Banken, die organisierte Kriminalität, das Militär, die Geheimdienste, hoch gestellte Politiker, die Präsidenten der USA oder Russlands. Sie alle hassen Whistleblower, weil sie ihnen die Geschäfte vermiesen, die Medien „auf den Hals hetzen“ oder die Wiederwahl gefährden.
 
Deshalb bekämpfen sie die Whistleblower als wären sie Staatsfeinde, Hochverräter, schlimmer als Mörder. Nicht wenige Whistleblower sind unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen. Plötzliche Zusammenbrüche nach mutmaßlichen Vergiftungen, Fensterstürze oder öffentliche Hinrichtungen durch unbekannte, nicht auffindbare Täter. Auch solche Whistleblower, die untergetaucht sind und von den Staaten, die ihnen Exil gewähren, geschützt werden, haben Familien, die mitunter ebenfalls gefährdet sind. „Wir wissen, wo Deine Kinder zur Schule gehen“ ist eine der Drohungen, die recht unverhohlen einem der Protagonisten von Marc Bauders beunruhigendem Dokumentarfilm WHISTLEBLOWER zugeflüstert wurde. Die Mächtigen, soviel ist klar, kennen keine Grenzen, Informanten einzuschüchtern und nicht selten erweisen sich die Drohungen eben nicht als leere Worte.
 
Das Leben eines Whistleblowers ist einsam. Freunde und Familienmitglieder dürfen den Aufenthaltsstatus nicht wissen, um sie nicht zu gefährden. Selbst die Journalist_innen kennen oft nicht den richtigen Namen ihrer Quelle. Und wenn ein_e Informant_in, dann doch an die Öffentlichkeit geht, endet sein oder ihr altes Leben.
 
Marc Bauder porträtiert in seinem Film WHISTLEBLOWER drei dieser sehr mutigen Menschen.
 
Da ist Jean-Jacques Lumumba, der einen hunderte Millionen schweren Finanzbetrug aufdeckt, in den der seit über 20 Jahren die Demokratische Republik Kongo kontrollierende Kabila-Clan, die Schweizer UBS und die größte kongolesische Bank, die von einem Bruder des früheren kongolesischen Präsidenten geleitet wird, verwickelt sind. Die Geldwäsche wird unter anderem über gigantische Immobilienbesitzungen in Südafrika betrieben. Lumumba, ein Großneffe des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Kongos, Patrice Lumumba, der 1960 nach wenigen Monaten an der Macht durch ein US-belgisches Komplott gestürzt und später ermordet wurde, ist in Frankreich untergetaucht.
 
Sein Kampf ist noch lange nicht beendet. Darüber gibt sich Lumumba keine Illusionen. Seine Gegner sind gerissen und mächtig. Unterstützung erfährt er durch den Anwalt William Bourdon und die von ihm gegründete Plateforme de protection des lanceurs d’alerte en Afrique (Platform zum Schutz von Whistleblowern in Afrika/PPLAAF), die Lumumba juristisch zur Seite steht.
 
Eine andere Organisation, das Signals Network, ins Leben gerufen von der früheren Diplomatin Delphine Halgand-Mishra, hat sich in erster Linie dem Schutz und der Sicherheit von Whistleblowern verschrieben. Sie berät die Informanten und stellt den Kontakt zu Investigativjournalisten her. Die Identität der Whistleblower wird zunächst geheim gehalten, man nutzt zum Beispiel den Allerweltsnamen „John Doe“. Die von The Signals Network organisierte Kontaktaufnahme eines John Doe mit den deutschen Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier bildet so etwas wie den Kern von WHISTLEBLOWER. Sie zeigt, wie diffizil es sich gestaltet, eine solche Geschichte ins Rollen zu bringen. Da ist auf der einen Seite die berechtigte Sorge des potenziellen Informanten, der sehr vorsichtig agiert und seine Existenz in großer Gefahr sieht. Auf der anderen Seite haben die beiden renommierten Reporter, die unter anderem den Skandal um die Panama Pampers aufdecken halfen, großes Interesse, den nach wie vor kompliziert zu durchsteigenden Finanzskandal weiter aufzuklären.
 
Und dann ist da noch der frühere NSA-Intelligence-Analyst Daniel Everette Hale, der 2015 klassifizierte Top-Secret- und Secret-Dokumente über das US-Militärdrohnenprogramm an die Nachrichtenplattform The Intercept weitergab, aus denen hervorging, dass fast 90 % der bei US-Drohnenangriffen in Afghanistan getöteten Menschen nicht die beabsichtigten Ziele gewesen waren. Diese zivilen Opfer seien vom US-Militär ohne weitere Beweise als „enemies killed in action“ klassifiziert worden, was Hale nicht länger mit seinem Gewissen habe vereinbaren können. Die Reaktion der US-Regierung (noch unter Barak Obama) richtete sich nicht etwa gegen Missstände beim eigenen Militär. Hale hatte sich nach dem Espionage Act des illegalen Besitzes und der Weitergabe von Landesverteidigungsinformationen schuldig gemacht. Diese Sicht vertritt im Film auch der ehemalige Leiter der Counterintelligence im Weißen Haus, Holden Triplett.
 
WHISTLEBLOWER verschränkt diese drei Einzelfälle zu einem aufwühlenden Politthriller, ohne den Eindruck zu wecken, es handele sich um Ausnahmen. Zahlreiche weitere Informanten haben sich bei weiteren Journalisten gemeldet, ringen mit dem Mut der Verzweiflung und der Gewissheit, das für sie nach der Veröffentlichung nichts beim Alten bleiben wird – was in der Regel nichts Gutes bedeutet. Und doch ist bei Vielen der Wunsch, die Verhältnisse zum besseren zu wenden, größer. Und die Hoffnung, die Menschen, die Gesellschaft, die politischen Systeme hätten ein Interesse daran, Betrügereien aufzuklären, Missstände abzustellen, die Welt gerechter und fairer zu machen.
 
Allzu oft wurde diese Hoffnung in der Vergangenheit enttäuscht. Ein besonders eindrucksvoller Moment im Film ist ein Zwiegespräch Lumumbas mit Navy Malela, der ein Geldwäsche-Netzwerk im Kongo aufgedeckt hat und dafür zusammen mit einem weiteren Whistleblower in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Um PPLAAF einzuschüchtern, wurde die Organisation, die Malela beistand, in Frankreich mit Anzeigen und Verleumdungsklagen überzogen. Die beiden Männer sind sich einig, das richtige getan zu haben. Und doch deckt dieser kurze Dialog auch die persönlichen Konsequenzen auf, mit denen sie ihren Mut und ihre Ehrlichkeit bezahlen müssen. Vermutlich bis ans Ende ihrer Tage.
 
 
WHISTLEBLOWER läuft ab 15. Oktober im Kino.
 
 
WHISTLEBLOWER, Regie: Marc Bauder, mit: Jean-Jacques Lumumba, Delphine Halgand-Mishra, Bastian Obermayer, Frederik Obermaier, William Bourdon, Henri Thulliez, Gabriel Bourdon-Fattal, Holden Triplett, Navy Malela u.v.a.