Delicatessen – Das Berliner Tischgespräch im April 2011


Starke Dokus und ein Bruder-Duell bei achtung berlin

Nord, Schäfer

Nord, Schäfer

Schäfer: Es gibt eine Reihe von sehr starken, sehr persönlichen Dokumentarfilmen in diesem Jahr. „Nachtschichten“ gehört dazu von Ivette Löcker. Ein Film der sich ganz viel Zeit lässt, was heutzutage sehr selten ist. Die Filmemacherin geht sehr intuitiv vor.
Veiel: Wo tauchen solche Filme auf? Werden die zuerst bei der Berlinale eingereicht, dort abgelehnt und erreichen dann erst die anderen Filmfestivals?
Schäfer: Das liegt in der Natur der Sache. Die Berlinale hat nur begrenzte Plätze und es gibt einfach sehr viel Filme. Die Auswahl bei der Berlinale ist immer sehr persönlich. Da stecken ja Menschen hinter. Bestimmte Filme haben da a priori einfach keine Chance, weil sie schlicht nicht zu der Persönlichkeit der Leute passen, die auswählen. Auf Dauer sehr gleichförmig, wie bei uns aber wahrscheinlich auch. Jeder hat seine Kriterien, deswegen ist es so wichtig, dass es achtung berlin gibt. Für Filme, die in Hof, Saarbrücken oder Leipzig waren, aber eben nicht auf der Berlinale auftauchten. Es ist auch deshalb eine handverlesene Auswahl, weil wir keine Erstaufführungsklausel in unserem Reglement haben. So können wir frei auswählen, weil wir nicht gucken müssen ob es eine Deutschland- oder Weltpremiere ist. Ivette Löcker hat mit „Nachtschichten“ den Hauptpreis der Diagonale gewonnen. Der könnte genauso gut auf der Berlinale laufen. Das ist bei uns auch ganz oft so, etwa wenn es zwei Filme zum gleichen Thema gibt.
Veiel: Ihr zeigt dann beide?
Schäfer: Diesmal haben wir zum Beispiel zwei Filme von den Lass-Brüdern Tom und Jakob. Von denen wird man noch sehr viel hören. Sie haben zwei Improvisationsfilme gemacht und nur „Papa Gold„von Tom Lass ist in Saarbrücken gelaufen. Wir mochten „Frontalwatte„, den Film von Jakob Lass, noch lieber. So konkurrieren beide im Wettbewerb.
Veiel: Brüder, die gegeneinander antreten.
Schäfer: Genau. Die treten auch gerne gemeinsam auf. In den Filmen hat man das Gefühl, gleich geht eine Tür auf und man ist in dem Film des anderen. Die Filme sind sich strukturell sehr ähnlich und dann spielt der eine Bruder auch noch in dem Film des anderen mit. Das ist sehr witzig. Das sind wieder so räudige Straßenfilme. So etwas haben wir jedes Jahr dabei – und nicht nur Filme wie „Der Mann, der über Autos springt„, der mit einem hohen Production-Value produziert wurde. Sondern ganz bewusst welche mit kleinem Budget. Die Filme sind so etwas wie der Bodensatz für Berlin. Die machen den nächsten Film dann mit Förderung. Das Talent ist da.

Veiel und Kahl ordnen nun kurz die Tapasteller den jeweiligen Besitzern zu. Die Verteilung der Teller dauert an. Lachen, weil der jeweilige Besitzer nicht unmittelbar klar wird.

Blattsalat als Vorspeise

Blattsalat als Vorspeise

Kahl: Hajo und ich haben uns durch Hajos Festival kennen gelernt. Ich als kritischer Geist habe am Anfang erst einmal geguckt, was es damit auf sich hat. Habe für mich beobachtet, was dort für Filmemacher sind. Ob das ein Forum für mich ist. Ich merkte, das stimmt. Ich sehe entspannt gute Filme und komme in gute Gespräche. Im letzten Jahr lief „Bedways“ von mir. Ich fand das super, weil es noch mal ganz anders war, als bei der Berlinale. Die Berlinale-Premiere ist ein inszeniertes Momentum. achtung berlin war für mich eher wie Wahrheit. Normales Berliner Publikum, das ein wenig zurückhaltender ist und den Film bewertet. So habe ich dieses Jahr vorgeschlagen, dass wir den Director’s Cut von meinem Film „Angel Express“ zeigen.
Schäfer: Das ist auch der richtige Ort dafür. So etwas würde bei der Berlinale sicher untergehen.
Kahl: Das wäre indiskutabel. Der ist viel zu alt dafür.
Schäfer: Das weiß ich gar nicht, die haben ja auch Spezialreihen. Die Sachen gehen aber oft auch unter. Das ist auch ein riesiger Unterschied: Die Vorstellungen bei der Berlinale sind nach zwei, drei Tagen ausverkauft. Egal was dort läuft. Weil viele Leute nach Berlin kommen und auch die Berliner gehen. Da gibt es so einen Hype. Das haben wir natürlich nicht. Wir müssen jedes Jahr hart ackern um die Säle voll zu bekommen.

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14. April 2011 | In achtung berlin

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