achtung berlin kann kommen


Szene aus "Puppe, Icke und der Dicke"; achtung berlin.

Szene aus "Puppe, Icke und der Dicke"; achtung berlin.

Puppe, Icke und der Dicke“ – kein anderer Filmtitel im Festivalprogramm klingt so schön berlin-schnodderig wie dieser. Der Film um den kleinwüchsigen Lebenskünstler Bomber (Tobi B.), den großen, dicken Bruno und eine französische Schönheit eröffnet das diesjährige achtung berlin. So kurios wie die drei Hauptcharaktere ist auch ihre Geschichte: rein zufällig lernen sich die beiden so unterschiedlichen Männer kennen und treffen auf die bezaubernde Europe. Sie ist schwanger und auf der Suche nach Matthias, ihrem One-Night-Stand und Vater ihres Kindes. Als Anhaltspunkt dient ihr ein Polaroid. Einziges Problem: Europe ist blind. Diese schön verschwurbelte Geschichte von Felix Stienz, der zusammen mit Hauptdarsteller Tobi B. nicht zum ersten Mal bei achtung berlin vertreten ist, ist ein schönes Statement für das Filmland Berlin-Brandenburg. Und für das Festival achtung berlin – the new berlin film award, das bereits im achten Jahr Filme „Made in Berlin-Brandenburg“ – so auch der Titel des Wettbewerbs – präsentiert. Eine einmalige Plattform für das hyperaktive Filmschaffen in der Hauptstadt und seine Macher.

Wir beschäftigen uns seit Jahren mit dem Mythos Berlin und wie er entstand„, so Festivalleiter Hajo Schäfer. „Themen, die auf der Straße liegen, das bilden wir ab.“ Auch dieses Jahr lagen wieder extrem viele Themen auf der Straße und wurden von kreativen Köpfen auf die Leinwand transportiert, so lässt es zumindest der Blick auf das gut gefüllte Festivalprogramm vermuten. Die vier Wettbewerb-Sektionen Spielfilm, Dokumentarfilm, mittellanger Film und Kurzfilm halten unter den insgesamt 50 Beiträgen diesmal sechs Uraufführungen und eine Vielzahl von Deutschland- und Berlinpremieren für das Publikum bereit. In der Retrospektive „Filmland Brandenburg“ zelebriert das Festival den 100. Geburtstag des Studio Babelsberg und eigens für die Eröffnung des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg International wurde die Spezial-Filmreihe „Ready for take off – Der Flughafen im Spielfilm“ ins Leben gerufen. Neu in diesem Jahr ist bei achtung berlin die Programm-Sektion Berlin Preview, in der vier Spielfilme als Vorpremiere zu ihrer offiziellen Deutschland-Premiere präsentiert werden.

Szene aus "Dicke Maedchen"; achtung berlin 2012.

Szene aus "Dicke Maedchen"; achtung berlin 2012.

Ihr braucht keine Sorge haben, ich komm später gut erhalten nach Hause„, säuselt Edeltraut fröhlich in ihr Bügeleisen, „keine Bange.“ Am anderen Ende des Bügeleisens lauscht Sohn Sven (Axel Ranisch) den Worten seiner an Demenz erkrankten Mutter, gespielt von der 90jährigen Ruth Bickelhaupt, mit der er zusammenlebt. Der Film „Dicke Mädchen“ von und mit Axel Ranisch erzählt wunderbar einfühlsam und mit unglaublich viel Humor vom Leben mit Demenz. Und er erzählt die Geschichte von Sven und Edeltrauts Betreuer Daniel, der für die alte Dame sorgt, während Sven arbeitet. Als die demente Lady plötzlich verschwindet, begeben sich Sven und Daniel auf die Suche nach ihr. Ein Abenteuer, bei dem sich die beiden Männer völlig unerwartet ineinander verlieben. „Dicke Mädchen“ rührt mächtig an und ist mit einem Budget von 517,86 Euro und drei Monaten Drehzeit zudem wohl der improvisierteste Spielfilm im Wettbewerb. Ranisch, aber auch die Lass-Brüder, Tom und Jakob, die in diesem Jahr den Festivaltrailer beisteuern, sind Teil der neuen neue Kreativbewegung „Berlin Mumblecore“. Ein „Sehr gutes Manifest“ zum Thema ist verfasst, worin unter anderen das „Drehbuch zur Bedienungsanleitung“ und eine maximallänge von 90 Minuten ausgerufen wird.

Mit dem Episodenfilm „Schwarze Schafe“ (2006) erschuf Regisseur Oliver Rihs vor einigen Jahren eine polarisierende Liebeserklärung an Berlin und seine Typen, das sein Publikum und Kritik entweder hasste oder feierte. Ein ähnliches Schicksal ist „Dating Lanzelot“ zu prognostizieren. Rihs nimmt sich Lanzelot vor, der bei den Frauen nicht ankommt und zu verbittern droht. Sein Mitbewohner, der Hippster und Frauenchecker Milan kümmert sich per Online-Dating-Portal um den Missstand und entlässt Lanzelot in einige amouröse Abenteuer. Nicht jeder Film hält, was er verspricht. Trotz recht prominenter Besetzung scheitert Ivo Trajkovs ambitionierter Thriller „90 Minuten – Das Berlin Projekt„. Die Hatz durch Berlin und seine Wahrzeichen, auf die der Regisseur Hauptfigur Sebastian loslässt, kommt recht einfallslos daher. Da hilft auch die verschachtelte Story nicht.

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14. April 2012 | In achtung berlin

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