de Wit: "Studio Ghibli ist etwas ganz anderes. Das ist so groß!"


DIE_ROTE_SCHILDKROETE_HauptplakatWie läuft das ab?
Ich frage viel und wünsche mir Feedback – aber nicht von jedem. Mit denen fühlte sich das von Anfang an anders an. Das Projekt schien zu groß, ich konnte das allein nicht schaffen. Ich musste noch viel lernen, gerade was die Komplexität der Erzählweise eines Langfilms angeht. Anfangs habe ich denen an einem langen Tisch die Geschichte erzählt, berichtete von Zweifeln und wollte herausfinden, ob dies und jenes funktioniert. Später kam Takahata zu mir und fragte mich, ob ich wirklich ihre Meinung wolle. Ich war sehr neugierig, schließlich waren die so viel erfahrener. Takahata ist kein Animator, aber er hat die Auffassung eines Regisseurs. Er fragte mich wieder: Willst du unsere Meinung hören? Ich bejahte wieder. Von da an brachten sie ihre Ansichten ein, um aber auch jedes mal darauf hinzuweisen, dass ich der Regisseur sei und wählen müsse.

Was haben die Studio Ghibli-Leute denn eingebracht?
Takahata sagte, dass die Frau nicht stark genug sei als Mystery-Element. Es brauchte aber etwas Mysteriöses. Er sagte, sie sei nicht frei genug, der Mann entscheide zu viel und sie sei zu sehr im Hintergrund. In Japan ist es häufig so, dass der Mann entscheidet und die Frau im Hintergrund folgt – er ist aber damit überhaupt nicht einverstanden.
Die Japaner wünschten sich Dialoge, sie dachten, das Publikum will das und es würde den Film stärken. Als wir mitten in der Postproduktion waren, riefen sie mich an und sagten: Wir haben den Film gesehen und wundern uns, ob der Film nicht stärker wäre, wenn er komplett auf Dialoge verzichten würde. Das war so ehrlich. Ich erkannte, dass der Film keine Worte benötigt. Wir lösten so auch das Problem mit der Sprache, denn wir hatten englische und französische Versionen. Das war bizarr.

Sie sagten, Sie waren schon vorher in Japan verliebt. Gab es in Arbeitskontexten Probleme?
Ich war nie versucht, Japan zu idealisieren, es gibt kein perfektes Land. Es gibt kulturelle Unterschiede, keine Frage. Auch dass wir immer einen Übersetzer brauchten, war nicht einfach. Viele Dinge passieren zwischen den Sätzen, Bedeutungen, die fast gesagt, aber sicher gemeint werden. Das fällt durch die Übersetzungen weg.
Takahata hat einen Bezug zur französischen Kultur, war oft dort und spricht auch ein wenig Französisch. Er hat ein Gespür für das entwickelt, was sich außerhalb Japans abspielt. Dinge, die für uns normal sind, sind es in Japan nicht. Das hat historische Gründe und oftmals herrscht ein Denken vor, das Japan und die Welt da draußen teilt. Diese Verbindung Takahatas zu Frankreich half sehr.
Manchmal war ich nicht sicher, ob nicht einige Kritikpunkte hinter der großen Höflichkeit verschwinden. Japaner können nicht “Nein” sagen. In Holland sagen wir ständig “nein”. Da musste ich manchmal nachfragen.

Japan hat viele Traditionen, die tief in der Historie wurzeln. Das fühlt sich anachronistisch an, in einer Zeit, die die Welt immer weiter beschleunigt. Passt Ihre Art zu arbeiten, also mit handgemachter Animation, nicht gut dazu. Stimmen Sie damit überein?
Nicht wirklich, für mich ist die Musik, die für mich auch immer sehr bedeutend war, ein gutes Gegenbeispiel. Gitarren wurden irgendwann elektronisch verstärkt, Synthesizer kamen hinzu und doch hat alles seinen Platz und seine Zeit. Aber: Die akustischen Instrumente werden heute noch genauso verehrt wie früher. Wir brauchen dieses Nicht-Perfekte. Es gibt grandiose Computeranimationen, die ich sehr genießen kann. Die sind clean und perfekt. Manchmal schätzen Menschen aber auch das Unbeholfene und die kleinen Fehlerchen. Sie mögen das Handgemachte.

Können Sie beschreiben, was für Sie die Magie im Animationsfilm ausmacht?
Mithilfe von Animationen akzeptieren Zuschauer das wahre Leben. Wobei das wahre oder echt Leben auch eine Konstruktion ist. Schauen wir beide aus dem Fenster, sehen wir dann das gleiche Wetter? Ich denke nicht, Realität ist eine Interpretation. Normale Filme sind vielleicht näher an der Realität, weil man darin echte Gesichter sieht. In Animationen ist von Anfang an alles surreal.

Daraus entsteht eine Distanz…
Man spielt so mit Realität. Durch die Animation können wir besser mit der Zeit spielen. Wir können die Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen, leicht erhöhen und die Handlung pushen – oder eben verlangsamen. Das erlaubt uns die natürliche Distanz, die die Form mit sich bringt. Da geht es nicht um Körpersprache, Natur oder sonst was, es betrifft einfach alles und eröffnet viele Freiheiten.

Käme ein “echter” Film für Sie infrage?
Ich mache Animationen und bin nicht an anderen Projekten interessiert. Ich mag die Farbe an meinen Fingern.

Die Fragen stellte Denis Demmerle

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16. März 2017 | In Sonstiges | Kommentare deaktiviert

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