BFF on the Road: Im Kurzfilm pulsiert das Animafest


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Das Mikro ist gar nicht so schnell auf der Bühne, wie es wieder weiter gereicht ist. Bei der Grand Opening Ceremony des Animafests gibt sich die Politik pointiert, die Festredner garantiert anzugsfrei und die englische Simultanübersetzung ist noch gar nicht recht durchgerannt, da ist es auch schon dunkel geworden, um den ersten Filmen Raum zu geben: Beim Animafest Zagreb (5. bis 10. Juni 2017) geht es auch nach 27 Jahren nur um den Film, ganz unprätentiös, direkt und ohne Umschweife.

Da ist der Langfilm, der VR-Short, die Live Group Film Performance und vieles mehr, aber vor allem ist da der internationale Kurzfilmwettbewerb, der das Herzensprogramm des Festivalurgesteins ist. Und 2017 ist es ein ganz und gar überbordendes Kurzfilmprogramm – und ein unglaublich starkes, aus dem sich gleich zwei Grundprinzipien des diesjährigen Animafests ablesen lassen: 1. Narrativ vor Experiment und 2. Hässlichkeit ist eine Tugend und mindestens so wichtig wie die Verzweiflung.

In "Martin Cries" trifft Ralität auf "Grand Theft Auto V". Foto: Jonathan Vinel

In “Martin Cries” trifft Realität auf “Grand Theft Auto V”. Foto: Jonathan Vinel

Gerade Punkt zwei wird oft mit Verve unterstrichen. So entwickelte Nikita Diakur mit “Ugly” (der eine lobende Erwähnung erhielt) das Panoptikum einer postapokalyptischen Welt, in der eine missgebildete Katze ihr Glück sucht, findet und dann trotzdem elendig verreckt. Die ungewöhnliche Ästhetik des 3D-Films, die durch gebrochene, zerbrechende Charaktere und verstört, gestört wirkende Bewegungsabläufe besticht, führt die kaputte Welt jedoch nicht vor, sie würdigt sie und berührt. Die Grenzen seines Mediums ausschöpfen – das war sicherlich auch der formale Ansatz von Jonathan Vinel, der mit “Martin Cries” ein großes Experiment wagt: Kann man eine emotionale Geschichte erzählen, die ausschließlich aus Versatzstücken des Computerspiels “Grand Theft Auto V” zusammengesetzt ist? Vinel kann. Martin findet seine Freunde nicht mehr, und seine Verzweiflung wird fühlbar. Und doch bleibt die spielerische Auseinandersetzung mit den Stereotypen der Gaming-Welt: Martin schießt, blutet, rennt, fliegt – aber weinen, nein, weinen kann er nicht.

Die vielen düsteren Erzählungen des Animafests trafen nur selten auf zwinkernde Sparringpartner auf Augenhöhe – doch diese konnten sich über viele Lacher freuen. So löste Božidars Trkuljas “The Last Quest” als klassische Suche nach dem Gral inklusive cooler brustherbeizaubernder Schamanin und drei Zwergen, die analog zu Talentshows bei jedem Plottwist Punkte vergeben, losgelöste Erheiterung aus, und auch Chintis Lundgren bescherte dem Publikum mit ihrem charmanten schwulen Fuchs “Manivald” köstliche Augenblicke ganz diesseits der Apokalypse.

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15. Juni 2017 | In Sonstiges | Kommentare deaktiviert

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