Busan Filmfestival 2018: Filme zwischen Himmel und Hölle


Festivalnahrung in Korea. Foto: Teresa Vena

Eine gewisse auffällige Häufung des Themas Familie lässt sich inhaltlich bei der Betrachtung des Festivalprogramms ausmachen. Gleich damit beginnt auch der Eröffnungsfilm „Beautiful Days“ des Koreaners Jero Yun. Der Titel sei explizit zynisch gemeint und tatsächlich spielt sich auf der Leinwand ein künstlerisch außergewöhnlich aufgenommenes Drama ab. Auf der einen Seite ein Vater, ein in China lebender nordkoreanischer Flüchtling, der im Sterben liegt und seinem etwa 18-jährigen Sohn nach Jahren eröffnet, er wisse, wo sich seine Mutter aufhielte. Auf der anderen eine selbstständige, reife Frau, die sich in Südkorea ein neues Leben aufgebaut hat. Und zwischen ihnen der Wunsch zur Versöhnung. Weniger als die Geschichte selbst, die in groben Zügen vielen anderen ähnelt, Leben in der Abhängigkeit, Flucht, Entfremdung, Liebe, Gewalt, sticht das Thema der nordkoreanischen Flüchtlinge in China heraus, das nur selten behandelt wird. Darüber hinaus ist die Stärke des Films eindeutig formaler Art. Auffällig sind dabei die Szenen in Südkorea, die vor allem nachts aufgenommen werden im Lokal, das von der Protagonistin betrieben wird. Abwechselnd in warmes Rot und sattes Blau eingetaucht und durch spärliche Belichtung ruht die Kamera auf den Gesichtern.

Von einer anderen Minderheit, die große Bedeutung für die koreanische Politik hat, aber mit großer Diskriminierung sowohl auf sozialer als auch politischer Ebene konfrontiert ist, nämlich die Chino-Koreaner, spricht „Ode to the Goose“ von Zhang Lu. Chino-Koreaner, sind Koreaner, die zum Teil freiwillig, um der japanischen Herrschaft zu entkommen, zum Teil unfreiwillig verschleppt von den Chinesen, sich in China ansiedelten. In der jüngeren Geschichte, dank des Wirtschaftswachstums Südkoreas, sind viele Chinesen koreanischer Herkunft in den Süden zurückgekehrt. Hier erfahren sie Benachteiligungen bezüglich Arbeitsbewilligungen, werden diskriminiert, indem sie nicht als vollwertig angesehen werden, da sie ein leicht anderes Koreanisch sprechen oder als Kommunisten beschimpft, die sich dem leistungsorientierten Vorbild nicht entsprechen können und wollen. Vielfach leben sie in bestimmten Stadtteilen, die offenbar zu Ghettos mutieren und sind nach den Japanern im Film offiziell die Kriminellen, Faulen, Bösen. Wie im Film von Lu bleibt ihnen vielfach eine Anstellung als Bedienstete vorbehalten. Der Protagonist von „Ode to the Goose“ ist ein junger südkoreanischer Dichter mit sensiblem Charakter, er widersetzt sich den rassistischen Bemerkungen seines Vaters. Er treibt durchs Leben, er verliebt sich und man bricht ihm das Herz. Trotz alledem kommt keine Schwere auf, Regisseur Lu, der vor zwei Jahren den Eröffnungsfilm in Busan stellt, „A Quiet Dream„, beherrscht die Kunst unterschwellige Ironie gezielt einzusetzen, Pathos zu vermeiden und den Zuschauer zu berühren.


Um Identitätssuche geht es in mehreren anderen Beiträgen. „Bori“ (Regie: Jinyu Kim, Korea) beispielsweise ist ein junges Mädchen, das als einzige in der Familie hören und sprechen kann. Ihre Eltern und ihr Bruder sind taubstumm, weswegen Bori für sie praktische Dinge übernimmt, wie Essen telefonisch zu bestellen oder an sich die Kommunikation nach außen. Sie wünscht sich nichts mehr, selbst auch taubstumm zu sein, um endlich dazuzugehören. Genauso erstrebenswert erscheint es Sunhee, in der Schule von einer Gruppe Mädchen akzeptiert zu werden. Sie gibt sich Mühe, diese zu umwerben und kauft ihnen Geschenke, doch es funktioniert nicht. Um sich zu rächen, inszeniert sie einen Diebstahl und es kommt zur Demütigung einer Mitschülerin. Nachdem sich diese das Leben nimmt, reißt Sunhee aus und lebt unter neuem Namen, ein „Second Life“ (Regie: Young-ju Park, Korea). Während sich diese Filme thematisch interessant sind, zeichnen sie sich künstlerisch nicht sonderlich aus.

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17. Oktober 2018 | In Allgemein

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