Bliese: „Ich habe für diesen Film überhaupt nicht recherchiert. Oder, wenn man so will, mein ganzes Leben.“


„Die Einzelteile der Liebe“ ist der Abschlussfilm von Regisseurin Miriam Bliese. Foto: Arsenal

Nach der Premiere an der diesjährigen Berlinale in der Sektion Perspektive Deutsches Kino kommt nun „Die Einzelteile der Liebe“ von Miriam Bliese in die Kinos. Berliner Filmfestivals hat sich mit der Regisseurin getroffen und mit ihr über die Natur moderner Beziehungen, das Theater als Inspirationsquelle und Rudi Carrell gesprochen.

Berliner Filmfestivals: Vom Alter her gehören Ihre Protagonisten zu einer Generation, die sich vielfach selbst gerne als bindungs- und beziehungsunfähig bezeichnet. Was halten Sie von dieser Sichtweise? Soll es sich tatsächlich um das Problem einer ganzen Generation handeln?
Miriam Bliese: Ich finde es immer schwierig, gleich für eine ganze Generation zu sprechen, ich erzähle in meinem Film ja erstmal von Menschen, die so ähnlich sind wie ich selbst, nämlich Großstadtmenschen mittleren Alters mit Kind und kreativen Berufen. Für die trifft das sicher zu. Allerdings würde ich es nicht „beziehungsunfähig“ nennen, sondern vielleicht eher „beziehungsflexibel“. Diese Menschen sind ja durchaus in der Lage, Beziehungen einzugehen, auch tiefe Beziehungen. Sie sind nur nicht mehr bereit, jeden Preis dafür zu zahlen, die Beziehung zu retten. Was ja auch logisch ist, langfristige Zweierbeziehungen sind in unserer Gesellschaft nicht mehr so wichtig wie noch vor 100 Jahren. Dafür sind andere Dinge wichtiger geworden: sinnvolles Leben, persönliche Weiterentwicklung, Glück – was auch immer das sein mag. Die Figuren in meinem Film sind hin- und hergerissen zwischen der Hingabe an die Familie und der Sehnsucht nach Freiheit. Sie sehnen sich nach Geborgenheit und Stabilität, wollen deshalb aber nicht darauf verzichten, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Ich finde nicht, dass man ihnen das vorwerfen kann. Es ist einfach ein ständiger Spagat, mit dem wir alle irgendwie leben müssen.

Den Titel Ihres Films könnte man so interpretieren, dass sich die erzählte Liebesgeschichte im Laufe der Zeit in ihre „Einzelteile“ auflöst. Diese braucht es alle für ein funktionierendes Ganzes und einzeln betrachtet reichen die Teile nicht aus. Wie würden Sie es ausdrücken? Und woraus bestehen die Einzelteile der Liebe?
Das „funktionierende Ganze“ gibt es so gar nicht. Man geht oft davon aus, dass die heile Familie sozusagen der Normalzustand ist, den es zu bewahren gilt, und wenn sie zerbricht, hat man versagt, und das „heile Ganze“ ist unwiderbringlich kaputt. Das finde ich eine ziemlich zerstörerische Sichtweise. Wenn etwas sowieso kaputt ist, braucht man sich auch keine Mühe mehr geben. Ich finde es interessanter, die Mitglieder einer Familie als Einzelteile zu betrachten, die sich so, aber auch ganz anders zusammensetzen lassen. Auch der neue Freund von Sophie ist ein solches Einzelteil und mit der Zeit können sich neue Konstellationen auftun, die auch eine Form von Liebe ergeben. Das ist natürlich alles schmerzhaft und nicht so einfach, aber doch möglich. Die „Einzelteile der Liebe“ beziehen sich für mich auf die Erzählweise des Films: Er zeigt immer nur einzelne Momentaufnahmen aus dem Leben dieses Paares und lässt vieles offen, was wir uns selbst zusammenreimen müssen. Vielleicht auch die Frage, was genau die „Einzelteile der Liebe“ nun sind.

Weiterlesen: Hier Marie Ketzschers Kritik „Heute hier mit dir, morgen dort“ zum Film…

Woher kamen die Inspiration und Motivation für den Film?
Ich habe vor ein paar Jahren einen Kurzfilm gedreht, „An der Tür“ hieß der, der erzählte auch schon von einem getrennten Paar, das sich bei einer Kindesübergabe an der Haustür noch einmal kurz näher kommt. Während des Drehs haben wir so ein bisschen rumgesponnen, wie es dazu gekommen sein könnte, und da habe ich auf einmal gemerkt, dass ich über dieses Paar noch sehr viel mehr zu erzählen habe. Trennungen von Eltern sind in meinem Umfeld sozusagen an der Tagesordnung, die meisten sind katastrophal, ganz selten verlaufen sie einigermaßen glimpflich. Auch die nicht getrennten Eltern können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, die Liebe durch den Alltag zu retten. Als meine Tochter eingeschult wurde, sagte uns ihre Klassenlehrerin beim ersten Elternabend, dass in vier Jahren die Hälfte von uns getrennt sein würde und wir bitte dafür sorgen sollten, dass die Kinder nicht allzu sehr darunter leiden. Wir waren schockiert, aber sie hat Recht behalten. Die Frage, wie man eine Trennung mit Kind einigermaßen anständig über die Bühne bekommt, beschäftigt mich nach wie vor.

Wie sahen die Recherchen zum Thema aus? Wie viel Persönliches haben Sie für den Film zugelassen?
Ich habe für diesen Film überhaupt nicht recherchiert. Oder, wenn man so will, mein ganzes Leben. Die Menschen, von denen ich erzähle, und die Lebensumstände, in denen sie sich befinden, kenne ich alle in- und auswendig. Trotzdem erzählt der Film nicht von mir. Ich erkenne mich in keiner der Figuren wieder. Mir geht es beim Schreiben nicht darum, von meinem Leben zu erzählen, sondern Situationen zu schaffen, die ich filmisch spannend finde. Die Vorstellung, dass Georg auf Sophies neuen Partner trifft und die beiden Männer, anstatt sich zu duellieren, ein Kuscheltier austauschen müssen, finde ich einfach reizvoll. Da will ich wissen, wie das genau aussieht und wie es weitergeht. So entsteht Stück für Stück der Film.

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