British Shorts 2020: Bis das Lachen im Halse stecken bleibt


Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ob Brexit, Krankheit, Autounfall oder Mobbing. Das ist zumindest der erste Eindruck, den das Programm der 13. Ausgabe vom British Shorts Film Festival Berlin (16. bis 22. Januar) vermittelt, wenn man immer stichprobenhalber eintaucht, bevor es eigentlich losgeht. Und es passt nicht schlecht zum berüchtigten schwarzen, oft morbiden Humor, den man der Insel immer wieder geradezu unterstellt. Der vielleicht in den nächsten Monaten nach dem 31. Januar vielleicht noch ein bisschen schwärzer werden wird. Dabei ist beim „British Shorts“ alles, was die kurze Form zu bieten hat. Vom Musikvideo zum Dokumentarfilm, Realfilm und Animation – und natürlich vom Drama bis Horror – und ganz viel, was wohl dem Genre Komödie oder Satire zuzuordnen ist.

Auch BAFTA-Gewinner und Nominierte der letzten Jahre finden sich im Programm, zum Beispiel Alex Lockwoods „73 Cows„. „73 Cows“ ist einer der ernsthaften Filme bei „British Shorts“, ein Dokumentarfilm über ein Bauernehepaar, das von der konventionellen Milchviehhaltung auf Gemüseanbau umsattelt, weil es das Leid der Tiere nicht mehr erträgt. Das brandaktuelle Thema und die BAFTA-Prämierung lassen Großes hoffen, doch die gleich zu Anfang ausformulierte Filmidee wird mit musikalischer Klavieruntermalung 15 Minuten sentimental ausgewalzt. Nichtsdestotrotz erzählt „73 Cows“ optimistisch in die Zukunft schauend von den Transformationen ländlichen Lebens, die das (Selbst)Bild der Insel immer mitdominiert haben, während „Land of Steel“ von Chris Thomas, den man sicherlich als Hommage an die Stahlarbeiter*innen des walisischen Port Talbot (die von der Schließung der dortigen Werke bedroht sind) schauen kann, eher den nostalgischen, etwas verklärenden Blick in die von Industrie geprägte Vergangenheit wirft.
Unprätentiöser ist eher das Private bei „British Shorts“. Ohne pathetischen Blick und mit stillen, poetischen Bildern beschreibt Stroma Cairns „If You Knew“ das Verhältnis zweier Brüder. „If You Knew“ wäre fast noch schöner, wenn er nicht so pädagogisch inszeniert wäre – Gleiches gilt auch für den sympathischen „End-O“ von Alice Seabright, der sich leider nicht auf seine starke Schauspielerinnen und den fantastischen, aus Lebensmitteln nachgeformten Uterus verlässt (der mit der Zeit immer weiter zugerichtet wird). Stattdessen gerät er, um die Vielen unbekannte Frauen-Erkrankung Endometriose adäquat zu vermitteln, zum Erklärfilm.

Eine ganz andere, geradezu spielerische Tonalität findet sich in Ruaidhri Ryans Dokumentarfilm „Cutaway to a Seagull„, der den Inhalt – ein Editor erzählt von seinem Faible für Möwen und von seiner Arbeit – gleichsam zur Form (zum Schnitt) macht, und eine kleine Liebeserklärung an das Gewerk an sich ist. „Cutaway to a Seagull“ ist Teil einer der zwei Kurzfilm-Retrospektiven, die das „British Shorts“ dieses Jahr zeigt und darin eine bunte Mischung aus 13 Jahren Festival versammelt. Eine weitere Retrospektive setzt der schottischen Ausnahmeschauspielerin und zweifache BAFTA-Schottland-Preisträgerin Kate Dickie ein Denkmal, die Vielen als verrückte Tante Lysa Arryn aus „Game of Thrones“ bekannt sein dürfte – und hoffentlich noch Einigen mehr (eine verzweifelte Arthouse-Hoffnung) als Mutter in „The Witch„, einer der beklemmendsten und klaustrophobischsten Horrorfilme der letzten Jahre. Kate Dickie ist auch als Festivalgast vor Ort.

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13. Januar 2020 | In British Shorts

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