Petzold: "Ich mag keine Sexszenen"


„Undine“-Regisseur Christian Petzold. © Christian Schulz/Schramm Film

Undine“ von Regisseur Christian Petzold feierte im Wettbewerb der 70. Berlinale seine Weltpremiere. Nach „Transit“ kehrt Petzold mit den beiden Hauptdarstellern Paula Beer und Franz Rogowski als Liebespaar zurück. Wir haben den Regisseur getroffen und uns über seine Liebe zur Literatur, das Verhältnis zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin und der Darstellung von Sexszenen im Film unterhalten. „Undine“ gewann den Fipresci-Preis der 70. Berlinale.

Welche Bedeutung hat die Erzählung von de la Motte Fouqué für Sie?
Ich bin eigentlich Literaturwissenschaftler und habe in meinem Leben sehr viel gelesen. Durch die Kinder habe ich wieder angefangen, Märchen zu lesen und vorzulesen. In der Zeit habe ich auch von dem Literaturwissenschaftler Peter von Matt das Buch „Der Liebesverrat in der Literatur“ gelesen. Er hat den Liebesverrat in der Literatur untersucht, vom ersten Verrat bis in die Neuzeit der Literatur. Während ich den Kindern Märchen von Hauff und Andersen vorgelesen habe, las ich die Meerjungfrau vor. Ich musste dabei wieder anfangen, zu weinen. Bei Peter von Matt las ich das Kapitel über „Undine“, der große Liebesverrat in der Wasserfrau Undine.
In diesem Kapitel schreibt von Matt sehr schön, dass de la Motte Fouqué, der eigentlich ein schlechter Schriftsteller ist, im Grund eine Art Rosamunde Pilcher des 19. Jahrhunderts, dass Undine dessen einziges Meisterwerk ist. Und darin kommt der meisterliche Satz „Ich habe ihn totgeweint“ vor. Undine geht nach dem Verrat ins Hochzeitsgemach, wo der Verräters mit einer anderen Frau liegt, die er geheiratet hat. Sie zieht ihn in die Wasserblase, die sie umgibt, und ertränkt ihn dort. Er fällt dann tot zu Boden in einer Pfütze aus Wasser und sie schaut auf diesen nassen, toten Mann hinunter und sagt „Ich habe ihn totgeweint“.

Ich musste daran denken, ob nicht auch das Verhältnis zwischen Regisseure und Hauptdarstellerinnen, überhaupt zu den Musen, nicht sowas wie ein dauernder Liebesverrat an den Undines dieser Welt ist? Beherrschen die Männer nicht immer alles? Es ist ja nicht so, dass Undine gewinnt. Sie muss zur Strafe wieder zurück ins Wasser und auf den nächsten Mann warten. Und der nächste Mann wird dasselbe machen. Ihre einzige Identität ist es, durch einen Mann geboren zu werden. Das ist das furchtbare an dem Fluch.

Weiterlesen: Unsere Kritik zu „Undine“ von Christian Petzold.

Was fügt Ingeborg Bachmann dem Mythos hinzu?
Ingeborg Bachmann hat in ihrer Geschichte „Undine geht“ das als einzige erkannt. Sie hat erkannt, dass der Fluch nicht ein Fluch ist, der die Männer betrifft, sondern ein Fluch für die Frauen, da die Frauen nur durch die Männer überhaupt sind. Bei Bachmann will Undine das nicht mehr und da dachte ich, nur das kann Thema eines modernen Films sein. Bei uns gibt es noch den begehrenden Mann, es gibt noch den betrügerischen Mann, auch die Undine, die gewohnt ist, betrogen zu werden und dann zu töten, und zurück ins Wasser zu müssen. Aber diese Undine, die möchte aus diesem Fluch, aus diesem Kreislauf, heraus. Sie weiß aber nicht wie. Und dann passiert etwas, was diesen Fluch stört. Da ist ein Mann, er ist ein Proletarier, ein Industrietaucher, wie ein Bergarbeiter, wirkt er. Er ist ohne Argwohn, unschuldig. Er sagt „ich habe ihren Vortrag gehört, das hat mich begeistert“. Er sagt nicht „Ich habe ihre Brüste gesehen“ oder „Sie gefallen mir“. Da wird ein Blick auf sie geworfen, das ist der erste Blick eines Mannes, der nicht ein Blick eines Mannes auf eine mögliche Muse ist, nicht begehrend, nicht im Sinne des sexuellen Begehrens und Beherrschens ist. Das ist neu. Und das irritiert. Deswegen platzt das Aquarium. Die Figuren werden in eine andere mögliche Geschichte gespült, doch der Fluch lässt das nicht zu.

Wie kam es zur Idee, dass die Hauptfigur Stadtgeschichteführerin ist?
Ganz ursprünglich, in einer der ersten Fassungen und in der Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe, bevor ich Franz Rogowski und Paula Beer kennenlernte, da war die Undine in einem Museum für moderne Kunst eingestellt und erklärte eine Installation von Steve McQueen. Dann habe ich mit Paula Beer und Franz Rogowski „Transit“ gedreht und am 25. Drehtag war ich traurig, dass wir aufhören. In „Transit“ ertrinkt die Figur von Paula Beer. Also erzählte ich, dass ich eine Geschichte drehen wollte, in der die Frau aus dem Wasser kommt und der Mann ins Wasser geht, um seine Frau zu finden. So habe ich ihnen einen zweiten Teil ihrer Liebesgeschichte aus „Transit“ beschrieben. Und während es erzählte, habe ich diese Modelle der Stadt Berlin eingefügt. Das ergibt Sinn, weil auch Berlin eine Stadt ist, die auf Wasser aufgebaut ist, und gleichzeitig eine Stadt, in der die Geschichten nicht entstanden sind, sondern in sie gespült worden sind, durch Kaufleute, Fahrende, Migranten. Berlin lebt im Grunde von Zuzug, von Wasser, das hierher fließt. Berlin ist eine Hafenstadt ohne Meer. Später ging ich dann ins Museum mit einem Freund, der Historiker ist und der mir den Vortrag geschrieben hat, den Undine spricht. Paula Beer hat das sehr gut gefallen, dass sie im Moment, in dem sie weiß, dass sie bald töten muss und sie selbst sterben wird, vorher noch einen Vortrag halten muss. Da ist eine Spannung drin.

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