69. Berlinale: „The Souvenir“ von Joanna Hogg



Vieles im Zusammenspiel der Figuren passiert im Verborgenen und wird nur angedeutet. Erst nach und nach realisieren wir als Zuschauer, was sich unter der Oberfläche der Beziehung eigentlich ereignet. Anthony verschwindet ab und zu aus der Wohnung und leiht sich ohne Erklärung kleinere Geldbeträge von Julie. Diese Exkursionen häufen sich jedoch, ohne dass Julie Verdacht zu schöpfen scheint oder sich Sorgen macht. Erst ein Besuch von Freunden zu einem gemeinsamen Abendessen scheint Klarheit zu bringen, als ein Bekannter (Richard Ayoade in einer großartigen Nebenrolle) seine Observationen zu Anthonys heimlichen Heroinkonsum und das problematische Verhältnis der Beiden offen anspricht. Er rechtfertigt seine direkte Deutlichkeit auf humorvolle Weise: „I’m not good with euphemisms.“

Anthonys Abwärtsspirale hinterlässt in Julies Wohnung ihre Spuren. Nach einem exzessiven Cold Turkey-Entzug sind einige der Spiegel in der Spiegelwand zerbrochen. Als Julies Mutter, gespielt von Swinton Byrnes realer Mutter Tilda Swinton, zu ihrem 25. Geburtstag zu Besuch kommt, scheint sie die Anzeichen der dramatischen Geschehnisse nicht zu bemerken oder bewusst zu ignorieren. Auch weiß sie nicht, dass sie Anthonys zerstörerische Sucht mitfinanziert, wenn Julie sie regelmäßig anpumpt und behauptet, das Geld für Filmequipment zu benötigen.

An einigen Stellen wirkt „The Souvenir“ etwas überambitioniert. Beispielsweise in der kurz eingeschobenen Episode einer gemeinsamen Reise nach Venedig, die sich zu einem eleganten Kostümdrama entfaltet, welches in dieser Form deplatziert wirkt. Doch vor allem auf der Metaebene entfaltet der Film seine Qualitäten und thematisiert zahlreiche persönliche und gesellschaftliche Aspekte: Der Wunsch nach einer heilen, funktionalen Beziehung und deren Illusion, das politische Klima der Thatcher-Ära und die Auswirkungen der IRA-Konflikte in England, Sucht und Abhängigkeit von jemandem oder etwas, der gläserne Übergang zwischen Fiktion und Realität. Dabei sticht vor allem die Hauptdarstellerin Honor Swinton Byrne hervor und trägt dieses schwere Gerüst mit Eleganz und Fassung auf ihren Schultern. Stellenweise stellt sich selbstverständlich die Frage, warum ihre Figur diese schwierige Beziehung weiter aufrecht erhalten will und nicht aus dieser ausbricht. Aber fragt man sich genau das nicht auch bei vielen Beziehungsformen im realen Leben? Am Ende dieser persönlichen und hypnotischen Geschichte wartet dann noch eine Überraschung nach dem Abspann. Die Ankündigung, dass mit „The Souvenir: Part II“ eine Fortsetzung folgen soll. Wir dürfen gespannt sein, welche fiktionalisierten Abbilder ihres Lebens uns Joanna Hogg darin offenlegen wird.

Henning Koch

The Souvenir„, Regie: Joanna Hogg, Darsteller*innen: Honor Swinton Byrne, Tom Burke, Tilda Swinton, Richard Ayoade

Seite: 1 2


Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,