“Berlin Syndrom” von Cate Shortland


Der Titel des Films spielt auf das Phänomen des “Stockholm-Syndrom” an, nach dem entführte Personen nach einer gewissen Zeit Zuneigung zu ihren Entführern oder Peinigern entwickeln, weswegen sie zum Teil keine Versuche unternehmen, sich aus ihrer Lage zu befreien. Zweifelsohne handelt es sich dabei um eine spannungsreiche Gedankenübung, sich solche Situationen vorzustellen und für das Horrorfach zu nutzen, doch bei “Berlin Syndrom” funktioniert das Thema nur bedingt. Der Psychologisierung der Charaktere mangelt es an Tiefe, ihre Beweggründe und Motivation erschließen sich nicht und der Interaktion zwischen den beiden Figuren fehlt es an Chemie. Insgesamt wirkt die schauspielerische Leistung farblos, was allerdings an den holzschnittartigen Dialogen liegen mag. In die Geschichte mischen sich zudem klassische Berlinklischees, die ebenfalls langweilen. Weitgehend leerstehende Wohnkomplexe gehören seit längerer Zeit nicht mehr zum üblichen Stadtbild.

Berlin Syndrom” hat verschiedene Längen, in der die Geschichte ins Stocken kommt. Statt mit Aussparungen Spannungen zu schaffen, flacht diese regelmäßig ab. Einzig die wenigen starken Szenen, in denen Clare alleine in der Wohnung ist und am festungsartigen Ausbau scheitert, überzeugen.
Die Exkurse von Andi, die den Entführer mit seinem Vater oder seinen Kollegen aus der Schule zeigen, sollen vermutlich seinem Charakter erklären, doch bringen nicht den gewünschten Mehrwert und lenken nur ab. Die Konzentration auf die Wohnung als alleinigen Schauplatz hätte mit Sicherheit mehr Spannung gebracht und auch die bereits vorhandenen formalen Stärken unterstützt. Shortland entscheidet sich für eine sparsame Ausleuchtung der Szenen und warme, satte Farben. Insbesondere die anfängliche Liebesszene im Halbdunkel, bei der die Personen im Dunkeln agieren und sich die Lichtquelle im Hintergrund befindet, wirkt sehr inspiriert und künstlerisch anspruchsvoll.

Teresa Vena

Berlin Syndrom“, Regie: Cate Shortland, DarstellerInnen: Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Kinostart: 25. Mai 2017

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